Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228658--61735-3275572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
21-6 Sir E. Dilke eingebrachte Motive dahindaß man lediglich das - Sinken der Arbeitslöhne und das Schwitzsystenn infolge -der Fremdeneinwanderung verhindern wolle. -Mag das ehMch gemeint'- sein oder nicht, im deutschen Reichstag haben -wir noch sticht die Worte gehört, daß die Regierung es bedauern -'wurdeeine antisemitische Agitation in diesem Lande '^zu sehen. Sir Dilke aber erklärte das ausdrücklich und in aller Fornk. -' - - -? ' Auch die Worte des Ministerpräsidenten B also u r hätten wir schwerlich in einem Parlament des Kontinents zu hören bekommen. Sagte er doch wörtlich: ,;Die Behandlung der Juden ist der größ te Undank von Seiten des Christentüms — ein Undankder den hehren Namen des Christentums befleckt', der im Mittelalter Ursache von Schrecken war) die Nieistand Und sei er auch nur oberflächlich mit diesen Tatsachen bekannt ohne Schaudern lesen könne." - : ' Die- Worte des Ministerpräsidenten verlieren nichts 'von ihrem Gewicht dadurch, daß'sie angelegentlich der Verteidigung einer Bill vorgebracht wurden, die, weil sie in ihrer ganzen Schärfe säst ausschließlich Juden trifft, nur zu leicht den Anschein der Judenfeindschaft erwecken kann. Aber auch die Vereinigten Staaten von Nordamerikain deren Gebiet sich die größte Judengemeinde der Welt, Brooklyn, befindet, sehen sich zü strengen Gesetzen gegen die Einwanderung gezwungen, und im letzten'Jahr sind allein 18 691 Personen zurückgewiesen würden Matt kann auch nicht leugnen,' daß der massenhafte Andrang arbeitsloser Massen, die um Jeden Preis arbeiten, um nicht verhungern zu müssenschließlich den Arbeitslohn notwendig drückt. Den Worten Balsours, daß die fremden Einwanderer die britischen Arbeiter aus Whitechapel Hinaustreiben, liegt eben ein großer Teil Wahrheit zu Grunde. So versteht man wohl, daß der Arbeiterführer Keir H ardie, der sich sonst röcht gut auf die Opposition versteht, kaum zwei Minuten Zeit fand, um nur kurz zu erklären, daß die Arbeiterklasse nach dieser Bill kein Verlangen' trage. Da war der Protektionist ChamLerlain offener. Erklärte er doch frank und frei, daß die zur Beratung stehende Bill, welche den Zuzug der niederen ausländischen Arbeitsklasse fernhalte, n ur ein kleiner Schritt sei zu einer anderen Bill, um die Einfuhr der vbn diesen Leuten angefertigten Waren zu verhindern. Natürlich, ganz im Rahmen des von ihm vorgeschlagenen Systems! Würden die Einwanderer, so fuhr Chamberläin fort, gleich den Hugenotten uns neuen Handel und neue Künste zuführen, so wären sie uns höchst willkommen. Aber sie vermehren nur die Masse der ungelernten Arbeit, das Hauptnbel der Arbeitslosigkeit. Chamberlain war zu klug, um sich bei seiner Begründung der Bill auf die fadenscheinigen Argumente zu stützen, die Einwanderer stellten das Hauptkontingent zu den Kranken und Verbrechern des Landes. Hatte doch schon vorher in der Debatte Mr. H.' S am u e l nachgewiesen, daß' d'er Pauperismus unter den Fremden im Verhältnis von 6 zu 1000, bei der einheimischen Bevölkerung aber von 24 zu 1000 herrsche. Während die Kosten der Armenpflege für die Fremden 28 000 Lstrl. b'etrüge/seidasArmenbudgetvon England und Wales 13000000 Lstr. Krankheiten seien unter den Fremden im Verhältnis von 4,1 zu 1600, bei den Einheimischen von 6 zu 1000 verbreitet. Es sei freilich richtig, daß 50 Prozent der Bevölkerung von Whitechapel und St. Georges Eastend vorbestraft seien, aber in andern Distrikten, wo es nur wenig Fremde gebe,' sei der Prozentsatz noch größer. Dabei müsse man noch berücksichtigen - daß die Gesetze den Eingewanderten gegenüber viel strenger gehandhabt würden. Auch Mr. H. Lawson hatte sich gegen die obenerwähnten Argumente gewandt und betont) daß er nicht der Bill züstimmen würde, wenn sie nur auf so leichtfertige und istfäme Prinzipien begründet wäre. Als der Abgeordnete die Worte aussprach„Glücklicherweise haben wir keine antisemitische Strömungen in diesem Lande," ertönte lauter Beifall von allen Seiten im Hause. Und dieser Beifall sprach , mehr, als lange Reden ausdrücken konnten. Das freie-England ist zu stolz, um sich mit „der Schmach des Jahrhunderts". zu. beflecken, - aber entziehen kann es sich trotz alledem nicht der Pflicht, seine einheimischen Arbeiter gegen allzugroße Konkurrenz zu schützen. Freilich, ob die Befürchtungen, die hierbei gehegt werden, nicht übertrieben sind, ob die allgemeine Arbeitslosigkeit dadurch gehoben werden wird, daß man jährlich ein paar Tausenden Unglücklicher die Tore Englands verschließt, das. wird die Zukunft lehren. Vergessen wir jedoch nicht, daß auch die Einwanderungsbill in Nordamerika hauptsächlich auf Betreiben der Arbeitsvereinigungen, welche die Konkurrenz der billigen Arbeit ferne halten wollen, eingebracht worden ist. Die Folge der Bill ist auch die traurige Erkenntnis,- daß. dem Strom der Judenwanderung wieder ein Abflußland verschlossen fein wird. Wie traurig auch diese Tatsache ist, einen, wenn auch schwachen Trost können wir aus den Judendebätten im britischen Parlament schöpfen. Während des ganzen 'Verlaufes der Debatten hat sich nicht ein antisemitischer Ton bemerkbar gemacht; Englands Parlament hat wieder einmal den Kontinent tief beschämt. Lpiiog?ur Lchjllrrleikr. Von Rabbiner Dr. Adolf Nosenzweig^) Sabbat-Nachmittag. In der engen Stube,' die meiner Kindheit Glück umschloß suchen und finden sie alle, die mir lieb und teuer sind, in den Armen des Schlafes , das Sabbatglück. Nur das hagere, bleiche Mütterchen — meine Mutter ist^s — ist wach. Am Fenster sitzt sie und liest eifrig, halblaut in einem dicken, zerlesenen Buche — Aeene urena heißt das Andachtsbuch, in dem der Inhalt der fünf Bücher Moses mit Aussprüchen und Erzählungen ans dem Talmud in jüdisch-deutscher Mundart für jüdische Frauen geschickt verarbeitet ist — und da sie die Sabbatlektion zu Ende gelesen hat/ greift sie nach dem anderen, neben ihr liegenden, nicht minder zerlesenen, aber dünnerem und handlicherem Buche — nach Schillers Dramen. Diese beiden Bücher bilden die Bibliothek meiner Mutter. Zwei andere, derer ich mich noch erinnere, das Märchenbuch von „Tausend und eine Nacht", in dem mich besonders die Geschichte: Aladin (dort hieß er Ziberda) und seine Wunderlampe interessierte, und Sippurim, eine indische Legendensammlung, waren früh aus dem Hause verschwunden — Zeiteil und Stürme und kleine Kinder haben sie zerzaust; aber das Buch über die Bibel und Schillers Werke haben sich lange in meinem Elternhause erhalten. Schiller, wer kannte ihn nicht in dem kleinen oberungarischen Städtchen, wo ich das Licht der Welt erblickte? Schillers Gedichte: die Bürgschaft, der Taucher, die Glocke, der Kampf mit dem Drachen, die Kraniche des Jbykus, Hektors Abschied wurden in der jüdischen Schule, welche auchdie y Für das Sammelwerk „Schiller im Urteil des zwanzigsten Jahrhunderts" (Jena 1905) hat Herr Dr. Rosenzweig den obigen sehrinteressanten Beitrag geliefert und zugleich unserem Blatte zum Abdruck freundlichst überlassen. Die Red.