Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 nach überseeischen Ländern von dem Plus der Einwanderung aus Europa, so bleibt eine Zahl von 1046 Personen übrig, um die die Zahl der Fremden im Jahre 1904 zugenommen hat. Man maß zugeben, daß diese Ziffer sehr wenig imponierend ist. Der furchtbare Lärm, den die Antialienisten seit fast einem Jahrzehnt machen, hat der Emigration die Auswanderung nach England eben derart , verleidet, daß nur noch wenige Englands Küste aussuchen, um sich da dauernd niederzulassen. Beim näheren Zusehen ergibt sich sogar, däß die Fremdenbevölkernng in England weit davon entfernt zuzunehmen, eine ganz wesentliche Abnahme erfahren hat. Rechnet man nämlich die fremden Matrosen, welche nach England kommen, mit sich da zu verdingen und weiter zu fahren mit 12 000 und ferner den natürlichen Todesabgang, der in England lebenden Fremden mit 3500 ab, so hat die Zahl der Fremden statt um 1046 zuzunehmen, eine wesentliche Abnahme von 14000 Personen erfahren. Der Bericht fügt hinzu, daß mit Hilfe der jüdischen Vereine nicht weniger als 2000 Fremde England wieder verlassen haben. Unter den Fremdlingen, die sich nicht als Transmigranten bezeichnet haben, find die aus Rußland, Rumänien und Polen zum größten Teil Juden. Die Zahl der letzteren belief sich auf 46 300, von denen 35 808 ca. 80 Prozent nach London gegangen sind. Die gesamte Auswanderung nach den Vereinigten Staaten aus und über England betrug im Berichtsjahre 291 945. davon wurden nur 1566 von der Landung zurückgewiesen. Von dieser Gesamtenügration im Betrage von 291 945 waren 146 445 englische Untertanen und der Rest von 144125 tvaren Fremde, von diesen sind 1198 zurückgewiesen. Nimmt man dasselbe Verhältnis wie die Vereinigten Staaten auch für England an, so würde nach Annahme der Bill von den 82 845 nach England eingeivanderten Fremden ca. 650 znrttckgewiesen werden. Wir können nicht umhin, es als lächerlich zu bezeichnen, die gesamte Gesetzgebungsmaschine, sowie einen großen Beamtenapparat in Bewegung zu setzen, um im ganzen 700 armen Teufeln die Niederlassung in England zu erschweren, lieber die von den Fremden aus öffentlichen Mitteln in England erhaltenen Unterstützungen teilt der Bericht mit, daß in London 4162 gegen 3681 im vorigen Jahre unterstützt worden sind. Freilich haben von diesen 2249 nur ärztliche Hilfe erhalten. Von den Unterstützten waren 2598 Russen und 55 Rumänen. In sechs Hafenstädten anßerholb Londons wurden 1685 Fremde unterstützt. Darunter 855 Russen und Numän»n. Davon haben 246 nur medizinische Hilfe erhalten. Einen großen Raum nimmt die Besprechung der Wirksamkeit der jüdischen Vereine zugunsten der Fremden ein. * Die amerikanische Judenheit trifft große Vorbereitungen, im Herbst kommenden Jahres das Jubiläum der ersten jüdischen Niederlassung in Nordamerika festlich zu begehen. Es werden nämlich dann 250 Jahre verflossen sein, seitdem 27 jüdische Familien, ans Brasilien^kommend, sich in das heutige Newhork, damals noch eine kleine holländische Ansiedlung Neu-Amsterdam, niedergelassen und dadurch den Grundstein zu einem großen jüdischen Genreinwesen gelegt haben, das in der jüdischen Geschichte schon jetzt eine bedeutende Rolle spielt und dem in der Zukunft wahrscheinlich die Hegemonie der jüdischen Gesamtheit zufallen dürfte. Die erste Anregung zu dieser Jubiläumsfeier hat Rev. P. H. Mendes, Rabbiner der Newyorker portugiesischen Gemeinde Scheerit Jisroel, gegeben. Die Anregung fiel auf sehr fruchtbarem Boden. Hunderte angesehene Juden aus allen Teilen der Vereinigten Staaten haben freudig ihre Zustimmung zu diesem Plane gegeben und sich bereit erklärt, für die Ausführung desselben mit Rat und Tat und allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln einzutreten. Kurz darauf kam in der Gemeinde Scheerit Jisroel eine glänzende Versammlung zahlreicher jüdischer Notablen zusammen. Noch größer war die Zahl derer, welche brieflich oder telegraphisch ihre Sympathien für diese Sache zugesichert haben. Der bekannte Rechtsanwalt Louis Marshall leitete die Versammlung mit einerzündenden Ansprache ein, in der er die große Bedeutung, welche dieVereinigten Staaten für die schwerbedrängten, überall grausam verfolgten, nirgends Ruhe findenden Juden erlangt haben, hÄvorhebtz. Man würde uns für gefühllos und undankbar halten, wollten wir nicht das Andenken jener 27 Pioniere verherrlichen, welche den Grundstein zn einem so grandiosen Bast gelegt haaen. Der zweite Redner, der frühere Gesandte der Vereinigten Staaten von Nordamerika in Konstantinopel, Mr. Oskar Strauß, betonte in seiner Rede, daß die Beteiligung der Inden an der Entwicklung der neuen Welt noch weit früher als seit 250 Jahrendatiert. Schon unter den Pionieren, die mit Kolumbus den ersten Schritt auf amerikanischen Boden gemacht haben, befanden sich vier Juden. Der Entdecker Amerikas, welcher bekanntlich ausgezogen ist, nm immer weiter westwärts segelnd; Ostindien zn erreichen, unterwegs aber unversehens auf die neue Welt gestoßen ist, hat großen WM daraus gelegt, Inden in seiner Expedition zu haben, da diese damals die einzigen Europäer waren, die die morgenländische Sprache beherrschten. Es ist historisch nachweisbar, daß unter dem Männern, welche, unter Führung Kolumbus zuerst amerikanisches Land betraten, sich ein Jude, namens Louis de Torres befand. Diese vier Pioniere sind jedoch nicht in Amerika verblieben. Die erste jüdische Kolonie von dauerndem Bestand war die, welche jene 27 Juden in Neu-Amsterdam begründet haben. (Freilich auch diese von portugiesischen Juden begründete Kolonie wäre nicht weiter gediehen, hätten nicht Masseneinwanderungen der aschkenasischen Juden stattgefunden, welche dem amerikanischen Juden, tum erst zu seiner gegenwärtigen Bedeutung verholfen haben.) Er schlug vor, zum Andenken an dieses Ereignis von so großer Tragweite etwas Dauerndes, Generationen Ueberlebendes zn gründen, damit künftige Geschlechter erkennen sollen, welche hohe Kulturstufe die Juden in Amerika im Jahre 1905 erreicht haben. Die Ansichten über die Art dieser Gründung gingen jrdoch in der Versammlung weit auseinander. Der eine wollte ein Denkmal errichten, der andere ein großes literarisches Werk schaffen. Nach langer Debatte wurde beschlossen, ein Komitee von 15 Personen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten einzusetzen, mit dem Aufträge, ein Programm für das im Herbst stattfindene Fest auszuarbeiten. .‘V- Dir Iudrndedgltr im mglilchru Mrlkiment. Von Dr. L. Felix Pinkus, Berlin. eit den Tagen des „Langen Parlaments", dem die Schrift Edward Nikolas, „für die edle Nation der Juden und die Söhne Israels" gewidmet war, hat Britannien eine so große Judendebatte nicht mehr gehabt, wie letzthin gelegentlich der Beratung der Fremdenbill. Aber während es sich zu den Zeiten Cromwells darum handelte, die Einwandernng der Juden zu gestatten, verschließt heute das freie Albion seine Tore den Flüchtlingen, die aus den Unterdrückungsländern des Ostens nach England strömen. Damit wird den gequälten jüdischen Bewohnern Osteuropas wieder ein Asyl, ein Zufluchtsland genommen. Ueber.diese Tatsache können uns auch die bündigsten Versicherungen Balfours, die Frage der Fremdeneinwanderung in England habe ganz und gar nichts mit der Judenfrage zu tun, nicht hinwegtäuschen. , Was aber die Debatten im britischen Parlament so außerordentlich bemerkenswert macht, ist der Ton, auf den dieselben gestimmt, waren. Da fällt zuerst aus, daß jegliche antisemitische Motive abgeleugnet werden, daß man von Anfang an betont, es handele.sich um eine rein ökonomische Frage, die nichts mit dem Antisemitismus zu tun habe. Lautete doch auch die von