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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-26 · Heft 21 (26.5.1905) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 Ungeeignet machen. Das ist einer der dielen Jrrtümer, die über die jüdische Konfession verbreitet werden. Ich widerspreche: dieser Behauptung aus Grund meiner langjährigen Erfahrung als praktischer Schulmann. Wenn sie aber zuträse, so würde das erst recht für Heu gemeinsamen Unterricht sprechen, denn die Aufgabe der Erziehung, ist es. solche üblen Eigenschaften abzuschleifen. Man wird wohl darauf Hinweisen, daß es auch jüdische und katholische Knaben- und Mädchenschulen gibt. Es ist aber doch hier, ein Unterschied vorhanden. Diese Schulen sind auf eine Konfession beschränkt und' schließen die hörigen aus und überlassen es den anderen, damit fertig zu werden; hier wird ein Bekenntnis ausgeschlossen und die übrigen zugelässen. Uns geht diese Intoleranz in den Privatschulen sehr viel an. Die Stadtverwaltung überläßt zum Teil die Befriedigung des Bedürfnisses nach höheren Mädchenschulen Privatunternehmern und sie konzessioniert diese Unternehmungen. Diese Konzession muß aber so ausgeübt werden, daß es im allgemeinen dem Geiste entspricht der in. unserer Stadtverwaltung herrscht. Die Beaufsichtigung dieser Schulen wird von der Stadtverwaltung ausgeübt. Wenn wir diese Schulen übernehmen, so wird den Lehrerinnen ihre Privattätigkeit zum pensionsfähigen Dienstalter ungerechnet Ich möchte zu erwägen geben, ob nicht bei der Erteilung neuer Konzession mit allem Nachdruck darauf hingewirkt werden könnte, daß ein solches Vorgehen nicht wieder einreißen kann, und daß sich die Damen, die eine Schule errichten, verpflichten, aus Gründen des religiösen Bekenntnisses keinerlei Unterschiede in der Auswahl der Schülerinnen herrschen ,31t lassen. Ich spreche hier ohne jeden Auftrag nur für meine Person, gebe, mich aber der Ueberzeugung hin, daß das. was ich. hier aus meinem Herzen sage, auch Ihnen aus dem Herzen .gesprochen ist. Ich wollte nur nicht verhehlen, meine Meinung darüber auszusprechen, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß'es keinem in diesem Saale gibt, welcher der Rich'nng zustimmen sollte, die hierin zum Ausdruck kommt. (Beifall.) Hoffentlich gibt diese vortreffliche Rede begründete Veranlassung, auf die Sache noch einmal zurückzukommen. Ms Beispiel Berlins wird dann sicher auch auf Dresden m gutem Sinne zurückwirken. Die russischen Juden wissen nun, woran sie sind. Was wir seit Wochen vorausgesagt haben, daß die russische Bureaukratie mit heißem Eifer bemüht ist, die schweren Gewitterwolken, die über der Autokratie und der Bureaukratie Rußlands stehen, auf die Juden abzulenken, das wird jetzt von allen Seiten zugegeben. Die jüngste offizielle Kundgebung über das Judengemetzel von Schitomir, das doch eine viel größere Ausdehnung gehabt als man bisher wußte, führte in dieser Hinsicht eine nicht mehr mißzuverstehende Sprache, indem sie den Juden die Schuld an den blutigen Ereignissen beimaß und-mit geheuchelter Naivität die Zahl der Toten und Verwundeten als „verhältnismäßig gering" bezeichnete. Man hat in Rußland nun richtig wieder zum nichtswürdigen Stil des seligen Plehwe zurückgegriffen. Der Bevölkerung wird auf das genaueste mitgeteilt, wie viel Juden und Jüdinnen bei irgend einem Anlässe verhaftet worden sind, und dem Mob wird freigestellt, daraus ganz nach Belieben und ohne Furcht vor Strafe seine Folgerungen zu ziehen. Unter solchen Umständen gewinnt der vor kurzem veröffentlichte kaiserliche Toleranzerlaß ein neues Gesicht. Man hat außer den Juden allen Konfessionen und Sekten Glaubensduldung zugesagt, aber offenbar nur 31t dem Zweck, nur sie womöglich alle zu einer großen Schlächterei gegen die Juden zu vereinen. Von den sechs oder sieben Dutzend Kommissionen, die sich angeblich mit der Wohlfahrt des Landes beschäftigen, vernimmt man gar nichts mehr. Keine dieser Kommissionen und auch keine einzelne Persönlichkeit in Rußland ist fähig, etwas Ersprieß-- liches zu leisten. Alle Manifeste und Reskripte waren weiter nichts, als Sand in die Augen. Erinnert man sich dabei, daß den meisten der Kommissionen aufgetragen war, „schnell" zu arbeiten, so kann man sich trotz des furchtbaren Ernstes der Lage eines teilnahmsvollen Lächelns über den Wert. der großherrlichen Jrades nicht entschlagen. Es ist also, wieder eine Periode von Judenverfolgungen in Rußland zu befürchten. Die mit Blindheit geschlagenen Männer, die an den grünen Tischen 'in den russischen Kanzleien sitzen, glauben, jedenfalls, sich, auf diese Weise doch noch retten zu können. Die neueste amtliche Leistung zur Herbeiführung von Judenhetzen ist die folgende der Petersburger Telegraphenagentur: „Petersburg , 15. Mai. Amtlich wird gemeldet: Im Laufe des gestrigen Tages und des Abends wurde die Ordnung in der Stadt bei dem üblichen Zusammenströmen des . Volkes in den Vergnügungslokalen nirgends gestört. An einigen Stellen wurden von kleinen, der Arbeiterbevölkerung nicht angehörenden Gruppen versucht, Unruhen hervorzurufen,' die jedoch durch das Erscheinen schwacher Polizei- und Militärpatrouillen ohne Anwendung von Gewalt im Keime erstickt würden. Derartige Versuche fanden an folgenden Punkten statt : Auf dem Großen Prospekt, in Wassili-Ostrow zwischen der sechsten und siebenten Linie sammelten sich zwei Gruppen von etwa 40 und 100 verschiedenartigen Personen, hauptsächlich Juden, die revolutionäre Lieder anzuftimmen begarrnen. 14 Personen wurden festgenommen, darunter scchs Iuden und vier Jüdinnen. Auf dem Preobraschenski-Kirchhofe versammelten sich etwa 400 Personen, hauptsächlich Studierende und Personen der freien Berufe und meist jüdischer Herkunft. Auf dem Kirchhofe wurden 12 Personen verhaftet, davon waren fünf Juden und zwei Jüdinnen." Diese Kraftleistung war nun doch der deutschen Presse zu toll. Und allgemein wurde die Verlogenheit der russischen offiziösen Berichterstattung gebührend gegeißelt. Zum Schluß hat nunmehr das Ministerkomitee allen jüdischen Handwerkern den Aufenthalt in allen Orten gestattet, jede weitere Erörterung der Judenfrage jedoch „bis zur Einberufung der Volksvertretung" verschoben. Das heißt, wenn wir es recht auffassen, daß alle jüdischen Handwerker die Erlaubnis bekonnnen, sich fortan an allen Orten Rußlands erschlagen zu lassen, daß aber sonst das Ministerkomitee keinen Finger für die Juden rührt! Die Drahtmeldung darüber lautet: „Petersburg, 17. Mai. Das Ministerkomitee beriet heute von den am 12. Mai angekündigten Materien nur Einzelheiten der Judenfrage, besonders das Aufenthaltsrecht jüdischer Handwerker. Es -wurde beschlossen, allen jüdischen Handwerkern die Erlaubnis zum Aufenthalte an allen Orten zu gewähren. Diese Erlaubnis haben bisher nur jüdische Handwerker mit Zeugnissen der Handwerksämter genossen. Es wurde weiter beschlossen, die Besprechung der jüdischen Frage in ihrer ganzen Ausdehnung bis zur Einberufung der Volksvertreter aufzuschieben." Hetzen und Ausschieben, das ist der russischen Weisheit letzter Schluß. Aber es ist noch nicht alle Tage Abend — und auch diese „Weisheit" wird zu Schanden werden. * Der von dem englischen Board of Trade (Handelsministerium) eben herausgegebene Bericht über das englische Emigrations- und Jmmigrationswesen, beansprucht dieses Mal um so größeres Interesse, als das Parlament sich ja gegenwärtig mit der neuen Fremdenbill beschäftigt. Nach den vorliegenden offiziellen Zahlen sind im Jahre 1904 aus England nach überseeischen Ländern 177 517 Fremde ausgewandert. Eingewandert sind dagegen aus überseeischen Ländern in England 94 174, demnach hat England an die überseeischen Länder. 83348 Fremde abgegeben. Dieser Ausgabe gegenüber steht eine Einnahme an Fremden aus europäischen Ländern, welche nach Abzug der Auswanderung aus England nach diesen Ländern einen Ueberschuß von 84 343 Seelen ergibt. Ziehen wir den Ueberschuß der Auswanderung

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