Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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69i Jahrgang. No. 20. Berlin, IS. Mai 1905. Wetlase zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums Korrespondenzen und Kschrichten. Deutschland. LL2 Berlin, 14. Mai. Von den M i t t e il u n g e n d e s D e u t s ch - Israelitischen Gemeindebundes ist soeben Nr. 64 mit der Ein-- ladung zum X. Gemeindetage, der am 12. und 13. Juni in Frankfurt a. M. stattfinden wird, erschienen. Die Nummer ist wieder sehr reichhaltig, und wir behalten nur vor, einzelnes eingehender zu besprechen. Für Heute geben wir bloß das Inhaltsverzeichnis: Definitive Tagesordnung des X. Gemeindetages. — Auszug aus den Satzungen des D.-I. G.-B. — Bericht über die Tätigkeit des Gemeindebundes vom Frühjahr 1002 bis zum Frühjahr 1905. Vermögen des Gemeindebundes. — 'Rechnungsbericht für 1904/1905. — Einnahmen und Ausgaben der Stiftungen. — Bemerkungen zum Rechnungsbericht. — Kassenbericht für 1904 der Deutsch-Israelitischen Darlehnskasse für Frauen und Jungfrauen in Leipzig. — Kassenbericht für 1904 des Moses Mendelssohnstifts in Dessau. — Zum D.-I. G.-B. gehörige staatliche und freiwillige Gemeindeverbände. — Bundesgemeinden. — .Stiftergemeinden. — Persönliche Mitglieder. — Beamte des Gemeindebundes. ■A. Berlin, 16. Mai. In den . Frühjahrs- und Sommermonaten schwillt in der Regel die jüdische Emigration sehr stark an. Infolge der überaus traurigen Verhältnisse in Rußland wird dies in diesem Jahr ganz besonders der Fall sein. Es erscheint daher angebracht,' gerade jetzt auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, mit denen die jüdische Auswanderung zu kämpfen hat. Vor jeder unüberlegten und mit unzureichenden Mitteln unternommenen Auswanderung muß aufs allerdringendste gewarnt, werden. Der Arbeitsmarkt in den Ländern, nach denen sich der Hauptstrom der jüdischen Auswanderer ergießt, ist keineswegs verlockend. Die meisten, die vermeinen, daß sie durch eine Auswanderung, dem Elend in ihren Heimatsländern sich entziehen können, sehen sich in dem neuen Lande nur noch größerer Not ausgesetzt. Den Ort haben sie gewechselt, die Not ist geblieben. Solche Wanderungen können dem Elend im Osten Europas nicht steuern. Sie tragen vielmehr nur dazu bei, den um eine Existenz ringenden hungernden Massen, die bereits in den Jmmigrationsländern sich befinden, den schweren Kampf noch schwerer zu machen. Es ist unbedingt notwendig, daß der Zuzug nach den Ueberseeländern eine Zeitlang vollständig aufhört, damit den Armen drüben Zeit gelassen wird, sich emporzuraffen. Ganz besonders vermieden muß es werden, Frauen und Kinder nachzusenden, bevor nicht der vorausgefahrene Ernährer finanziell so gestellt ist, daß er die Ueberfährt seiner Familie bezahlen und sie in geordneter Weise nach ihrer Ankunft ernähren kann. Ebenso wie der Arbeitsmarkt ist die Gesetzgebung in den vor allem in Betracht kommenden Ländern derartig, daß eine weitere Einwanderung auf Schwierigkeiten stößt. England ist dabei, durch gesetzliche Beschränkungen die Einwanderung einzudämmen. Ein darauf hinzielender Entwurf ist bereits in erster Lesung , angenommen. Amerika handhabt die Gesetze, welche die Immigration beschränken, mit äußerster Strenge. Die Schiffahrtsgesellschaften prüfen, ehe sie einen Auswanderer an Bord nehmen, sehr rigoros, ob der Auswanderer den amerikanischen Bestimmungen entsprechend wird landen können. Jährlich werden etwa 15 000 von den Schifffahrtsgesellschaften zurückgewiesen, weil sie den Anforderungen, welche die Landungsbehörden an die körperliche Beschaffenheit und die Vermögensverhältnisse der Ankömmlinge stellen, nicht genügen, abgesehen von den vielen Tausenden, die in den Häsen Amerikas selbst noch zurückgewiesen werden.. Auch Kanada schließt sich mehr und Mehr dem Vorgehen Amerikas an. Angesichts dieser Situation erwächst den jüdischen Organisationen die Pflicht, streng an den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz sestzuhalten, daß die Auswanderung unter keinen Umständen durch Geldmittel unterstützt oder sonstwie gefördert werden darf. Ganz abgesehen davon, daß in dem wichtigsten Einwanderungsland die unterstützte Einwanderung gesetzlich-verboten ist und schon infolgedessen nicht angängig erscheint, kann durch derartige Unterstützungen aus den oben angegebenen Gründen, die Lage unserer leidenden Brüder im Osten nicht gebessert werden, dagegen die Verhältnisse in den Einwanderungsländern so verschlechtert, daß dies zu schweren Schädigungen der Gesamtjudenheit führen kann. Die einzige Hilfe, die jetzt seitens der Organisationen geleistet werden kann und muß, ist, daß man an Ort und Stelle, wo ein Notstand im Osten auftritt, nach Maßgabe der finanziellen Kräfte helfend eingreist, um dem allerschwersten EleNd abzuhelfen. L2 Berlin, 15. Mai. Die Anzahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen ist auf den einzelnen Lehranstalten unserer Stadt sehr ungleich verteilt. Aus Spruths Schulkalender ergibt sich darüber folgendes: Von den Gymnasien weist die niedrigste Ziffer das Humboldt-Gymnasium auf, 21 bei einer Gesamtzahl von 323 Schülern; dann folgt nach oben das Lessing-Ghmnasium mit 38 (511). An der Spitze stehen das Sophien-Gstmnasium mit 249 (568) und das Wilhelms-Gymnasium in der Bellevuestraße. Hier ist die Zahl der jüdischen Schüler die höchste, 250, bei 487 im ganzen, macht also mehr als die Hälfte der Gesamtheit aus. Das letztere trifft beim Französischen Gymnasium beinahe zu, das unter 217 Schülern 102 jüdische hat. Die ungleiche Verteilung erklärt sich aus der Läge der Lehranstalten. Sehr viel geringer ist die Zahl ' er jüdischen Schüler, sowohl absolut wie relativ, aus den Realgymnasien und Realschulen. Offenbar werden die Gymnasien besonders bevorzugt' Von den öffentlichen höheren Mädchenschulen weist die wenigsten jüdischen Schülerinnen die königliche Augustaschule auf, 22 unter 400, die höchsten Ziffern zeigen die Sophienschule, 298 unter 679 und die Eharlottenschule, 331 unter 710. ----- Schirwindt, im Mai. lieber „Antisemitismus und Hagelversicherung" geht der K. H. Z. eine Mitteilung zu, die wir schon als Kuriosum unseren Lesern nicht vorenthalten, wollen. Der Ort der Handlung ist Schirwindt, der Schauplatz der dortige Landwirtschaftliche Verein. In diesem Verein sollte vor kurzem ein Vortrag über die Vorzüge des Ostdeutschen Hagelverbandes stattfinden. Ein zu diesem Zwecke anwesender Taxator des Verbandes, nebenbei ein königlicher Domänenpächter, führte in einer Rede als einen besonderen Vorzug des Ostdeutschen Hagelverbandes ins Feld, daß ,-bei anderen Gesellschaften sogar Juden. die Hagelschäden abschätzten." Er habe diese schreckliche Tatsache mit eigenen Augen gesehen. Beim Ostdeutschen Hagelverband würden diese Schäden aber „nur von wirklich sachverständigen Berufsgenossen" abgeschätzt. Der Berichterstatter, der diese Tatsache mit der ausdrücklichen Versicherung übermittelt, daß er für die Richtigkeit jede Gewähr übernehme, teilt weiter mit, daß die jüdischen Mitglieder des Landwirtschaftlichen Vereins Schirwindt, da auch der Vorsitzende keine Worte gefunden habe, den Redner auf das ungeziemende seiner Ausführungen aufmerksam zu machenihren. Austritt aus dem Verein erklärt hätten. — Man darf - erwarten, fügt die L. H. Z. dieser Mitteilung hinzu, daß der Ostdeutsche Hagelverband seinen Taxator darüber belehrt, daß er konfessionelle Hagelversicherungen nicht kennt. — Tilsit, 15. Mai. Anläßlich der Anwesenheit des Sekretärs des Hilfsvereins der deutschen Juden, Herrn Meyerowitz aus Berlin, hatte das hiesige Schutzkomitee für durchreisende russische Juden am 23. v. M., eine Sitzung anberaumt, zu der auch nicht, dem Komitee angehörende Herren der Gemeinde eingeladen waren. Herr Sekretär Meyerowitz erläuterte den zahlreich Erschienenen in einem kurzen packenden Vortrage die Bestrebungen und Ziele des Hilfsvereins: er wies darauf hin, daß der Verein bereits sehr viel geleistet, aber fortlausend noch mehr zu leisten habe. Natürlich fehlen dazu fortlaufende Einnahmen, und es sei vor allem/nötig, daß jeder unserer deutschen Glaubensgenossen Mitglied des Hilfsvereins werde. Sämtliche Anwesende waren von den Ausführungen.so überzeugt, daß/ sie dem Verein als Mitglieder beitraten und sich erboten, jeder