Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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weiter ziehen und nicht ruhen und rasten würde, bis. ich sie gefunden.- Während meiner Abwesenheit sollte er ein wachsames Auge haben auf das Liebste, was ich besitze auf Erden, und was ich zurücklassen mußte unter Feinden. Er versprach es, er schwor, dieses Liebste zu schützen wie seinen Augapfel ' und zu verteidigen mit seinem Leben." Leo machte eine kurze Pause. Dann fügte er bitter hinzu: „'Vor zwei Nächten wurde ich in der Steppe von als Kaufleuten verkleideten Soldaten überfallen. Ich wehrte mich und erschlug sieben. Dann wurde ich schwach von meinen Wunden und die Angreifer fesselten mich. Wäre dieser brave Feldherr nicht hinzugekommen, man hätte mich nach Byzanz zurück- . geschleppt Einer der Angreifer war mein guter Freund. Er wird niemanden mehr verraten. Er liegt eingescharrt in. der Steppe." „Der gute Freund war — ein Spion. Ich glaube jetzt, er stürzte sich ins Wässer damit ich ihn errette. Von solchen Kreaturen sind wir, o- König, umgeben. Jetzt traut der Freund dem Freunde nicht mehr, der Vater fürchtet sich vor dem Sohne, der Herr vor den Sklaven. Und darum, o großer und gerechter König, bitte ich Euch: Bei dem Andenken meines Vaters, der aus Eurem Stamme entsprossen, helfet unserer' gerechten Sache!" Es dauerte eine lange Zeit ehe der Chakan antwortete. Dann aber sagte er: „Deine Erzählung hat meine Seele berührt. Aber wollte ich helfen, so müßte ich Byzanz überziehen mit Krieg, denn auf meine Worte wird man nicht hören. Krieg aber ist immer ein Unglück. Welches Recht habe ich, ein Unglück zu verursachen, um Eurer Religionsstreitigkeiten willen? Warum sollte ich meine braven Soldaten opfern. Mir ist schon viel erzählt'worden über Euern Streit. Aber ob ihr Bilder verehrt oder sie stürmt, beides ist kein Grund, weshalb ich mein Volk den Gefahren eines Krieges aussetzen soll." „So wollt Ihr nicht helfen, o König?" „Ich kann nicht. Ich darf mein Volk nicht in Krieg stürzen wegen Christen, die sich über ihre Religion streiten und einander verfolgen." „Aber auch die Juden, auch Eure Glaubensgenossen werden verfolgt." „Auch die Juden? Wie das?" fragte der König stirnrunzelnd. „Irene behandelt die Juden grausam," erwiderte Leo. „Man beschuldigt sie, Brunnen zu vergiften, oder Christenkinder zu morden ihres Blutes wegen. Die Kreaturen Irenes beschwören, alles gesehen zu Haben. Und so ist schon mancher unschuldige Jude von Byzanz zu Tode gefoltert worden." . ~ „Warum geschieht das? Nur weil sie Juden sind?" , „Sie haben meistens Geld, das. nimmt Irene und ihre Leute, und auch die Plebejer plündern gern." . „Schrecklich!" „O, großer, gerechter Herr und König, glaubt mir! Es ist, wie ich sage. Blut fließt in Strömen in Byzanz und dabei vieles Judenblut. Wollt Ihr nicht helfen, um nnsretwillen, so helfet Euern Brüdern, den Juden! Als ich Byzanz verließ, da flüsterte man, daß alle Juden gefangen genommen werden sollen, weil sie die Bilderstürmer unterstützt hätten. Ich weiß, die Anschuldigung ist falsch, aber es werden viele Zeugen sein, bereit zu schwören, daß sie Geld erhalten von den Juden, damit sie kämpfen gegen die Bilderverehrer und Irene, Während ich hier erzähle, . hat. man dort vielleicht schon begonnen mit Gesangennehmen und Foltern und Morden." Der--König blickte Leo scharf an: " - ' - ' ' „Wenn Du glaubst, meinem Enschluß durch diese Erzählung abzuändern, dann irrst Du," sagte er. --Euer VoM kann tun, was es will. Irene kann alle Bilderstürmer vernichten, oder die Bilderstürmer Irene, mich darf das nicht rühren: Wenn die Christen sich vernichten wollen, sollen sie."; „Und die Juden." „Das ist anders.- Meine Brüder, die Juden werde ich schützen — oder rächen." - „Habt Dank o großer König, Dank! Dank!" rief Leo freudig. „Wieso Dank? Weshalb danfft Du für die Juden? Bist doch ein Christ." „O Herr, ich bitte, ich flehe Euch anwenn Ihr Euern Brüdern helfen wollt, so tut es gleich, noch heute. Morgen kann es zu spät sein. Gebt mir Soldaten, Herr; ich will sie führen —" „Gegen die Bilderverehrer," unterbrach der König. : „Ja. — Nein, nein, nicht so, nicht gegen die Götzendiener, nur den Juden zu Hilfe." ,? „Man nennt Dich Leo und Du bist der Sohn des Kaisers und ein Edler in Deinem Lande. Also warum lügst Du?" fragte der König hart. „O Herr, ihr versteht nicht! Ihr versteht nicht!! Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich die Wahrheit spreche." „Aber weshalb solltest Du für die Juden kämpfen wollen. Doch nur um gegen Irene zu kämpfen." „Doch nicht ganz so, o Herr und König. So will ich es Euch denn erzählen. In Byzanz, da wohnt ein braver Jude, Benoni mit Namen, er hat eine Tochter, Rachel, das schönste Weib, das lebt. Und Rachel ist das Liebste, das ich besitze auf Erden. Ich liebe sie, und sie liebt mich.- Und um Rachel Benonis Leben, ihres und ihres Vaters, — zittere ich mehr als um alle Bilderstürmer zu Byzanz. Glaubt Ihr mir nun o Herr? Versteht ihr nun?" / „Das ist fürwahr anders," sagte der König milde. „Ich verstehe. Verzeih meine harten Worte. Und diese Rachel, wollte sie Christin werden?" „Wir sprachen nie von Religion, o Herr. Wir liebten uns nur." „Nun, wie dem sei — meine Brüder werde ich schützen. Moses Jbn Muffta — was, meinst Du, wenn wir Kundschafter schicken nach Byzanz zu Pferde und die besten Fußläufer, die uns sofort Nachricht bringen sollen, wie es steht mit unfern Brüdern in jenem Lande?" „Ich meine, es wäre gut, mein Chakan," antwortete Moses. „Und Du, Leo, was meinst Du?" " Leo hätte am liebsten Soldaten nach Byzanz geführt zum offenen Kampf, aber er hatte Furcht, falsch verstanden zu werden und so sagte er nur: » „Habt Dank aus ganzer Seele, o großer Chakan." Damit endete die Unterredung.' Muffta ward, vom Könige angewiesen, am folgenden Tage die Kundschafter auszusenden. Als die beiden den König verlassen hatten, reichte Muffta dem Leo die Hand. „Verzeiht mein Gebaren gegen Euch," sagte er, „Ihr seid ein braver Mann. Das konnte ich nicht wissen. Seien wir Freunde." „Seid bedankt," sagte Leo, „seien wir Freunde," und er legte-seine Hand in die des andern. (Fortsetzung folgt.)