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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-19 · Heft 20 (19.5.1905) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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; „Also doch. Die Elenden. Ist das der Dank dafür, daß ich ihnen den Tribut' erlassen habe? Doch was hast Du weiter erfahren?" ' „Es heißt,, daß die andern noch zögern, während die Wjatitschen bereit sind zum Kriege." „Weißt Du das genau?" . „Das Landvolk sagt es. Es heißt, der nächste Tribut soll verweigert werden, daß die Chakun zu ihrem Vater, ihrem Volke und ihrem Glauben zurückkehre." - , - Der König fuhr bedächtig mit der Hand über seinen Langen, wallenden Bart. „Hast Du die Ehakun schon gesprochen?" „Nein, o Herr." „Gut. .So erwähne nichts zu ihr, bis wir gemeinsam beratschlagt haben. Erzähle weiter.". „Vor zwei Nächten nunnachdem wir geforscht hatten, was zu erforschen wir ausgezogen waren und uns aus dem Rückweg befanden — hörten wir in der Steppe großes Geschrei und Hilferufe- Wir eilten hinzu und fanden einen gefesselten Soldaten aus. Byzanz. Er war von Kaufleuten überfallen worden, doch behauptet er, sie seien nur verkleidet gewesen, jedenfalls scheint er ein braver Mann zu sein, denn sechs fielen durch sein Schwert, ehe sie ihn verwunden und fesseln konnten. Die andern entkamen, als sie uns kommen hörten. Wir setzten den Fremdling aus sein Pferd und nahmen ihn mit uns. Aber unterwegs übermannten ihn seine Wunden, so daß wir häufig anhalten mußten. Deshalb erreichten wir erst heute früh die Stadt," „Was tat der Fremdling in der Steppe. Wohin führte sein Weg?- „Es wollte es nicht sagen." „Wer ist er?" „Auch das will er nicht sagen. Er verweigert seinen Namen zu nennen. Doch bat er, sobald als möglich zu Euch gebracht zu werden, o Herr!" „Führwahr eigentümlich. Wo ist er jetzt?" „Im Palast." „Dann laß ihn nach der Mahlzeit zu mir führen." — — Chakan Bulan saß auf seinem Throne, die goldene Krone, — ein einfacher, gezackter goldner Reif, der vorn in der Mitte eine Nachbildung des Schildes David aufwies — auf dem Haupte; angetan mit der purpurnen, über und über mit Gold gestickten Robe, die ihn bis zu den Füßen einhüllte. Der König war nicht groß, seine Gestalt etwas stark, fein Gesicht aber von einer männlichen Schönheit, wie vielleicht kein zweites. Ein herrlicher, schwarzer, wallender Vollbart fiel auf seine Brust herab, Haupthaar und Augen waren gleichfalls schwarz. Seine Gesichtszüge zeugten von hoher Intelligenz und Wohlwollen, sein breiter Unterkiefer aber auch von Willenskraft. Als der Fremdling, geführt von Moses Jbn Muffta in das Zimmer trat, blieb er einen Moment wie gebannt am Eingang stehen, und starrte die schöne, königliche Erscheinung an, denn Männer mit wallenden Bärten hatte er noch nie gesehen. Dann aber stürzte er auf den Thron zu und warf sich dem König zu Füßen. „Nicht so, Fremdling, steh auf," sagte der Chakan. „In meinem Lande beugt «tan die Knie nur vor Gott." Der Fremdling gehorchte. „Wer bist Du. und wo kommst Du her?" Der Fremdling blickte sich nach seinem Begleiter um, der in der Nähe der Tür stehen geblieben war. Doch der Chakan winkte ihn zu sich heran. „Di'eses ist Moses Jbn Muffta, ein Fürst in meinem Lande, Vor ihm kannst Dü ruhig sprechen. - Und wer bist Du?" „O, großmächtiger .König der Chazaren," Hub der Fremdling an, „dessen Ruhm gedrungen ist bis zu meinem Lande und zu meinem Volke. Ihr seid bekannt Eurer Gerechtigkeit wegen weit und breit. Ihr helfet den Bedrängten und Verfolgten und deshalb bin ich zu Euch gekommen, um Hilfe von Euch zu erflehen. Ich komme aus Byzanz, wo. die Kaiserin Irene gar grausam herrscht. O Herr, könntet Ihr all das Elend sehen, könntet Ihr dabei sein, wie sie alte, brave Soldaten, die ihr Leben tausendmal eingesetzt haben für ihr Vaterland, zu den gemeinsten Arbeiten verdammt, wie sie alles mit Tod und Vernichtung verfolgt, was ihr nicht zu , Willen ist, und mit ihr Götzendienst treiben will; wie sie unschuldige Christen und Juden der verschiedensten Missetaten beschuldigt und sie dann martern läßt, wie sie ihren eigenen Sohn mit dem Tode bedroht, den Sohn, der eigentlich der richtige Kaiser von Byzanz; wenn .Ihr sehen könntet die Kreaturen, mit denen sie sich umgibt, die Eunuchen, die Patriarchen, die Götzendiener; , wenn Ihr wüßtet, wie die Edlen des Volkes umgeben sind von Spionen, wie die gemeinsten Schufte die höchsten Stellen des Staates bekleiden, wie das Volk durch Steuern zu Boden gedrückt wird, damit jene schwelgen und stehlen können. O, Herr und König, wenn Ihr das ganze Elend kennen würdet, fürwahr, das Herz im Leibe würde Euch schmerzen und Ihr würdet helfen." Tränen standen in den Augen des Fremdlings als er geendet hatte. Der König blickte erstaunt hinüber zum Kommandanten. „Fremdling"- sagte er dann mit weicher Stimme, „mit welchem Recht sprecht Ihr so? Wer seid Ihr?" „Ich bin auch einer der Bedrängten, der Verfolgten," erwiderte jener leidenschaftlich. „Diese Bestie verfolgt mich, weil ich ihren Götzen nicht dienen will — und auch weil sie mich fürchtet. O, ich bin nicht Konstantin, ich werde mich wehren und Ihr, großer und gerechter König — o helft mir!" „Fremdling, Du bist erregt und deshalb sei Dir vergeben. , Aber an Deine guten Sitten will ich Dich erinnern. Ich bin der König, der dort, ist mein Kommandant, Moses Jbn Muffta, und wer bist Du?" fragte der König in mildem Ton. „Verzeiht o großer König! Fürwahr ich bin sehr erregt. Verzeiht. Ich heiße Leo." „Wie Leo? Führst Du nicht Deines Vaters Namen?" ‘ „Nein, denn mein Vater war Kaiser Leo IV, der Chazar. Meine Mutter aber war nicht Irene." „So wärest Du ein Bruder des Kaisers von Byzanz." „Ja, o Herr, ein Bruder linker Hand des Kaisers Konstantin VI. von Byzanz. Und unser Vater war ein Chazar- und deshalb kam ich zu Euch, o Herr." ' „Dein Kommen sei gesegnet," sagte der König und reichte Leo die Hand, „und nun sage mir ausführlich, was Du von mir verlangst." „Eure Hilfe, o König, Eure Hilfe," flehte Leo. „Wenn ihr nicht Hilfe kommt, sind wir alle verloren. Der Kaiser, ich selbst, alle. Edlen des Reiches. Wir sind von Spionen umgeben Tag und Nacht. Einst errettete ich einen Mann aus dem Wasser mit eigener Lebensgefahr. Er war mir sehr dankbar, wir wurden die besten Freunde. Er - haßte Irene und die Bilderverehrer, wie ich. Er verehrte den wahren Kaiser, wie ich. Alle meine heimlichen Pläne für die Zukunft vertraute ich ihm. Als die Bilderstürmer geschlagen und viele gefangen genommen wurden, da verheimlichte ich ihm nicht, daß ich nrich zu Euch begebe, o Herr, um Hilfe von Euch zu erflehen für unsere gerechte Sache; so ich sie hier nicht fände, daß ich

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