Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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235 einem Juden, Julius Fürst gebührt das Verdienst, die Wahrheit ausgesprochen zu haben, daß die wissenschaftliche Begründung der geschichtlichen, prophetischen und dichterischen Schriftdenkmale Israels nur aus der eigentümlich israelitischen Geschichtsentwicklung entspringen konnte, und daß der Geist der Geschichte in den hebräischen Quellenschriften, der Ursprung, die Entwicklung und die Ziele der prophetischen Schriften, die besonderen Regeln der althebräischen Poesie nicht nach der Schablone der griechischen und römischen Literaturgeschichte betrachtet werden könnten, denn jedes Kulturvolk ist in seinem geistigen Schaffen individuell, durch allerlei örtliche und zeitliche, physische und geistige, religiöse und weltliche Beziehungen mehr oder weniger beschränkt, und das Volk der Hebräer ist in seinen literarischen Schöpfungen noch am meisten von derartigen Einflüssen abhängig. Hier sei noch seines dreibändigen Werkes „Bibliotheca judaica" (Leipzig 1849—63) Erwähnung getan. Es ist dies ein sehr wertvolles Handbuch, das nicht weniger als 18 000 Druckwerke der jüdischen Literatur umfaßt und durch eine beigefügte „Geschichte der jüdischen Bibliographie" von besonderer Bedeutung ist. Trotz des Mangels an Vorarbeiten gelang es dem Verfasser eine bis dahin wenig beachtete Disziplin zu erschließen, und das Buch dient noch heute als Nachschlagewerk. Am Abend seines Lebens wurde Julius Fürst, der so selten wahre Anerkennung fand, die Freude zu teil, daß nicht allein Fürsten, sondern Gelehrte und Forscher seinen großen wissenschaftlichen Verdiensten ihre Anerkennung zollten. So veröffentlichte z. B. die Leipziger Illustrierte Zeitung anläßlich seines fünfzigjährigen literarischen Jubiläums einen würdigen Aufsatz mit dem Bilde des Gelehrten und ich kann nicht umhin, den Schlußpassus dieses Artikels hier wiederzugeben: „Diese flüchtige Skizze dieses Gelehrten, für den das Biblische „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen" so recht geschrieben scheint, genüge, um darzutun, was Geist und Beharrlichkeit vermögen, wenn sich dazu ein glückliches Temperament gesellt, welches sich über die Engherzigkeit so. mancher Zeit- und Berufsgenossen hinwegsetzt und in der Wissenschaft sein Genüge findet. Fürst gehört unbedingt zu den hervorragenden Naturen, welche die Wissenschaft um ihrer selbst willen lieben und deren Arbeitslust, trotz konfessioneller Hindernisse und Zürücksetzung, nicht abgenommen hat. Sein Name wird nach den Worten Sirachs: „Das Werk lobt den Meister" stets eine Zierde der Wissenschaft bleiben und die Gelehrtenwelt seine Verdienste mehr zu würdigen wissen, als diejenigen Kreise, denen er seit Beginrp seiner Laufbahn unmittelbar angehörte." Nahezu 68 Jahre alt starb Julius Fürst am 9. Februar 1873 in Leipzig, und mit Recht rühmte die Presse in den zahlreichen Nachrufen, die ihm gewidmet wurden, daß er ein liebenswürdiger Mensch, ein erstaunlich arbeitsamer Gelehrter und ein unermüdlicher Lehrer gewesen sei. Der Bedeutung des Verblichenen entsprechend, war auch die Teilnahme aller gebildeten Kreise anläßlich der letzten Ehren, die ihm erwiesen wurden. Sein Leichenbegängnis war ein solennes. Der Hauptteit der Feier fand in der Synagoge statt, wohin der Leichenzug mit dem Sarkophag sich bewegte, geleitet durch studentisches Trauer - Komitat, bestehend aus Deputationen vieler akademischer Verbindungen, denen die umflorten Fahnen der philosophischen Fakultät, sodann ein auf weißem Kissen liegender, von des Verstorbenen Zuhörern dargebrachter Lorbeerkranz, der die Ordensinsignien des Entschlafenen umschloß, sowie andere Lorbeerkränze vorangetragen wurden. Von Seiten der Hochschule war der Rektor Magnificus, von der theologischen Fakultät Professor Dr. Delitzsch, von der philosophischen die Professoren Wuttke, Zarnke und Krehl, der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Georgi, Rabbiner Dr. Landau, Professor Dr. Lazarus und viele andere erschienen. Nach einem ergreifenden Gesang des Universitäts-Gesangvereins „Paulus" hielt der Prediger Dr. Goldschmidt eine tiefempfundene weihevolle Gedächtnisrede, worin er besonders hervorhob, wie Julius Fürst aus mühevollen Anfängen sich durch rastloses geistiges Ringen und Streben und hohe sittliche Kraft, unbekümmert um äußere Erfolge, emporgearbeitet und lediglich in der Liebe zur Wissenschaft sein Glück gefunden. Wie er in einer geradezu idealen Weise gelebt, davon gebe der seltene Charakter der Trauerversammlung sowie der Ort das beste Zeugnis, denn Fürst habe die Treue für den Glauben seiner Väter mit dem Wirken auf wissenfchaftlichenr und akademischem Gebiet harmonisch zu vereinigen verstanden. Im Anschluß an einen Gesang des Vereins „Psalterion" unter Leitung des Musikdirektors S. Jadassohn, sprach Oberrabbiner Dr. Landau aus Dresden ein längeres erhebendes Gebet. Auf dem Friedhofe angelangt, wurde die irdische Hülle des Verblichenen mit einer Ansprache des Oberrabbiners Landau unter den üblichen rituellen Gesängen eingesegnet. Es ist zu bedauern, daß wir noch keine irgend erschöpfende Biographie und wissenschaftliche Charakteristik des hochverdienten Mannes, dessen Sohn, der Geh. Sanitätsrat Dr. Livius F ü r st, in Berlin lebt und zu unseren hochgeschätztesten. populär-wissenschaftlichen Schriftstellern schon seit vier Jahrzehnten gehört, besitzen. Denjenigen, die die Summe seines Lebens und Wirkens gleichsam in nuee kennen lernen wollen, empfehlen wir die in London erschienene Schrift, betitelt „Summary Statement of my literary Jabois. A retrospective glance at my Ihree decads of scientific work.“ Die Schrift ist gewidmet den Freunden und Verehrern Fürsts, dessen Name in der Wissenschaft des Judentums fortleben wird. Am Abend seines Lebens hat Fürst diesen wissenschaftlichen „Rechenschaftsbericht", enthaltend einen Rückblick über drei Jahrzehnte seines Wirkens, für Gönner, Freunde und Fachgenossen handschriftlich herausgegeben, der für die zukünftige Biographie des verdienstvollen Gelehrten von hohem Werte sein dürfte. Zur Kennzeichnung der edlen Gesinnung und des bescheidenen Wesens des ausgezeichneten Gelehrten mögen hier nur die einleitenden Worte des „Rechenschaftsberichts" wiedergegeben werden: „Wenn man eine lange Wanderung durch das Leben zurückgelegt und auf derselben so manches gelernt, erfahren, entworfen und nach Kräften verwirklicht hat, so ist ein Rückblick auf den zurückgelegten Weg gerechtfertigt. Es ist nicht nur eine Pflicht jedes Denkenden gegen sich selbst, sondern auch ein Gebot moralischer Achtung gegen die, welche sür ein solches Streben Teilnahme und Verständnis besitzen, wenn man, nachdem das Urteil und die Erfahrung durch die Zeitgenossen zur Reise und zur ruhigen Objektivität gelangt sind, sich und anderen einen Ueberblick über das verschafft, was man erstrebt und zu leisten versucht hat. In einem solchen streng wahrheitsgemäßen und sachlich gehaltenen „Rechenschaftsbericht" über das geistige Leben und Schaffen spiegelt sich den unbefangenen und wohlwollenden Beurteilern — und nur für solche sind diese Blätter bestimmt — am besten das Leben eines Gelehrten wieder. Besonders dürste ein derartiger Bericht gerechtfertigt erscheinen gegenüber dem Wirken auf einem Gebiet, das seiner Natur nach nur einer begrenzten öffentlichen angehört und nur den Fachgelehrten völlig zugänglich ist. Dem etwaigen Vorwurf eitler Prahlsucht wird die reine sachliche Darstellung am besten beseitigen. Ich habe nicht die Absicht durch den folgenden Ueberblick meine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen; den nachstehenden Zeilen wolle man