Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 aus der Vergleichung ausgeschlossen war, in diesen Kreis hineinzuziehen. Nach einer scharfsinnigen Methode und den Beispielen von Bopp, Pott und Grimm für des Indogermanische versuchte er es, an einem Dialekt des semitischen Sprachstammes zu beweisen, daß auch dieser in den Kreis der indogermanischen Sprachvergleichung gehöre. Das „Lehrgebäude der aramäischen Idiome" Leipzig 1835) war die erste Frucht dieser Studien. Bald folgte diesem Werke „Perlenschnüre aramäischer Gnomen und Lieder" (Leipzig 1836), eine Blumenlese, die wertvolle Ergänzungen zu der im Lehrgebäude niedergelegten chaldäischen Grammatik bildete. Hieran schloß sich ein 400 Bogen umfassendes Werk „Die Konkordanz der Schriften des alten Testaments" (Leipzig 1837—1840), worin für das Hebräische die Vergleichung mit dem Indogermanischen lexikalisch durchgeführt wurde und zahlreiche durchaus neue Studien über hebräische und phönizische Eigennamen sich befinden. Ein hieraus folgendes „Kleines hebräisches und chaldäisches Schulwörterbuch" (Leipzig 1842), das mehrere Auflagen erlebte, ist Tausenden von Gymnasiasten und Studenten wohl bekannt. Doch auch für die Gelehrtenkreise selbst, denen die knappe Fassung dieses Wörterbuches nicht genügt hatte, galt es aufs neue das althebräische Sprachgut durchzuforschen. Das Ergebnis war ein „Hebräisches und Chaldäisches Handwörterbuch über das Alte Testament" (Leipzig 1851, 2 Bd.), das gleichfalls zahlreiche Austagen erlebte und in viele Sprachen übersetzt wurde. Besonders wertvoll ist der Anhang zu diesem zweibändigen lexikalischen Werk, betitelt „Eine kurze Geschichte» der hebräischen Lexikographie" (Leipzig 1857—61) — eine Arbeit, die auch im Auslande große Anerkennung fand. Neben diesen lexikalischen und literarhistorischen Arbeiten fand Julius Fürst noch Muße, journalistisch und redaktionell tätig zu sein. Von 1840—52 gab er die Zeitschrift „Orient" für jüdische Geschichte und Literatur heraus, dessen Literaturblatt noch heute von großem Wert ist und viele Abhandlungen von ihm selbst brachte. Verschiedene Ausgaben sprachlicher und philosophischer Werke beschäftigten ihn gleichfalls. Er füllte durch die treffliche Wiedergabe des Textes und durch die Korrektheit und Feinsinnigkeit der Uebertragung Lücken in der hebräischen Literatur aus und sein Verdienst ist in dieser Beziehung nicht hoch genug anzuschlagen. Seine Uebersetzung und Bearbeitung von Saadja Fajjumi^s: „Emunot we-Deot oder Glaubenslehre und Philosophie" ist ein Kabinettstück der wissenschaftlichen Uebertragung. Ueber den Zweck, den Julius Fürst mit seiner Uebertragung bezw. Bearbeitung der vorzüglichsten jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters verfolgen wollte, spricht er sich in diesem Vorwort in folgender Weise aus: „Ich glaube auf eine allgemein sich betätigende Teilnahme um so eher rechnen zu dürfen, als unter den geistigen Bewegungen und Kämpfen der^Gegenwart die Fragen über Judentum und Juden keine untergeordnete Stelle einnehmen, und es muß jedem, der sich für diese Fragen interessiert, lieb sein zu erfahren, wie die Lehrer und Meister der Juden in allen Jahrhunderten das Judentum verstanden und vorgetragen. Der Theologe, welcher das Christentum für ein sublimiertes Judentum ausgibt, der Philosoph, welcher den Entwicklungsgang des Geistes und seine Beschäftigung mit den philosophischen Problemen zu erforschen den Beruf hat, der Staatsmann und der Gesetzgeber, welcher in der zur weltgeschichtlichen Bedeutung gewordenen Judenfrage so oft bei dem Judentum anzufragen hat, werden aus diesem unparteiischen Zeugen der Vergangenheit wohl eher die Wahrheit erfahren als aus dem Geschrei der Gegenwart, und auch die jüdischen Meister der Gegenwart, welche an einer Fortbildung des Judentums und seiner Prinzipien mühsam zur Erhebung ihrer Brüder arbeiten, werden den Resultaten ihres Geistes nur durch Verkettung mit der philosophischen Vergangenheit des Judentums, durch die Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, einen festen Standpunkt geben." Während diese Werke mehr für den Sprachforscher bestimmt waren, richtete sich seine Bibelübersetzung an das Verständnis der Gebildeten und sie hat harrptsächlich dazu beigetragen, ihn in den breitesten Schichten der Bevölkerung volkstümlich zu machen. Hierher gehört feine Uebersetzung der „Bücher Daniel und Esra", die in dem Zunzschen Bibelwerk (1838) erschien. Eine außerordentliche Verbreitung erlebte seine „Illustrierte Prachtbibel für Israeliten", die mit Urtext, Uebersetzung und Anmerkungen in A. H. Paynes Verlag in Leipzig erschien. Die wissenschaftliche Bedeutung von Julius Fürst ist mit der Aufzählung der hier genannten Werke noch keineswegs erschöpft, vielmehr nimmt er auch als Literarhistoriker und Kulturforscher des Judentums mit Recht einen hervorragenden Platz ein. Ja, man kann sagen, daß seine Hauptwerke in dieses Gebiet gehören. Seine „Kultur- und Literaturgeschichte der Juden in Asien" umfaßt die 500 Jahre n. Chr. und behandelt die Geschichte der Hochschulen am Euphrat, in denen sich das damalige geistige Leben der Juden konzentrierte. Ferner ist zu nennen „Geschichte des Karäertums, seiner Entwicklung, Lehre und Literatur" (Leipzig 1862—68). In dieser Schrift brachte er zum erstenmal Licht über die bis dahin wenig bekannte Sekte der Karäer, die noch jetzt in Rußland, der Türkei und Aegypten verbreitet ist. Die Resultate der Arbeit wurden allerdings ziemlich viel bestritten. Die biblische Literatur hat ebenfalls durch ihn eine eingehende Durchforschung erfahren, und zwar sowohl durch eine kleinere Schrift „Der Kanon des alten Testaments" (Leipzig 1861), worin die Reihenfolge und Entstehungszeit jener Bücher kritisch beleuchtet wird, als auch durch sein großes zweibändiges historisch-kritisches Werk „Geschichte der biblischen Literatur und des jüdisch-hellenistischen Schrifttums" (Leipzig 1867—70). Ueber den Grundgedanken, der den Verfasser bei der Ausarbeitung des letzten grundlegenden Werkes leitete, spricht er sich im Vorwort zu demselben in eingehender Weise aus. „Die geschichtliche und literarische Betrachtung der Bibel kann nicht nach einem besonderen Maßstabe gemessen, nach individuellen und ästhetischen Regeln dargestellt werden. Die Literaturbetrachtung der Bibel muß wie die Literatur aller alten Nationen geführt | werden; mehr aber noch als die anderen hat die Erforschung! sich sowohl von der rationalistischen Zweifelsucht als auch von einer überwundenen Anschauung über die biblischen Schriftenfern zu halten. Wollte man die geschichtliche Betrachtung der biblischen Literatur gar als eine Profanierung ansehen, so würde dies heutzutage nur als Heuchelei oder als Beschränktheit gedeutet werden können. Es wäre jedoch eine ebenso ungerechtfertigte Behauptung wie die, für die geschichtliche und literarische Betrachtung der Bibel individuelle Normen suchen zu müssen, wenn man Israel alle Besonderheit und alles eigentümliche Gepräge abspräche. Bei keinem alten oder neuen Volke außer Israel tritt uns die besondere Erscheinung entgegen, daß ein solch vaterlandsloses wanderndes Volk seine geschichtliche Entwicklung, seine Poesie, seine Geschichtsschreibung, seine Gesetzgebung überhaupt seine Literatur wirklich hat. Die Loslösung aller Kultur vom vaterländischen Boden scheint fast typisch für die Zukunft Israels geworden zu sein, denn es hat sich trotz Einbuße des Vaterlandes seit fast zwei tausend Jahren ebenfalls geschichtlich und literarisch fortgebildet und weiter entwickelt, wie ehedem bei seinem Beginnen." Aus mächtiger Begeisterung für die Hoheit und die Vorzüge der biblischen Schriften entsprungen, war dieses Werk des Verfassers der erste Versuch einer organischen und wohlgegliederten Geschichte der alten Israelitischen Literatur — von