Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWWWWWWWWWMWWWWMS^WZWH^DWW^WWWUWWWW^WMWMNWWDNDWM 232 Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß diese Schacherpolitik in Rußland nichts neues ist. Den Altgläubigen ist der .Toleranzerlaß gespendet worden, weil sie bereits mehrere Millionen für Kriegszwecke hergegeben und für eine neue Anleihe, wie es heißt, eine Milliarde zeichnen wollen. Den Firmen hat man das Privileg der Befreiung vom Militärdienst für zehn Millionen Rubel verkauft. Und jetzt sollen die Juden an die Reihe kommen! In der Zeit vom 1. November 1904 bis 1. März 1905 sind in Amerika 47 130 Juden eingewandert, gegen 27 266 in demselben Zeitraum des Jahres 1904 und 19 478 im Jahre 1903. So stark auch diese Einwanderung ist, und obgleich die Oesterreicher und Italiener in demselben Zeitraum in noch Verhältnismäßig stärkeren Zahlen einwanderten, ist die Furcht vor einem generellen Einwanderungsverbot oder selbst vor einer erheblichen Erschwerung der Einwanderung in den jüdischen Kreisen Amerikas seit der Absetzung des grausamen Mr. Williams erheblich zurückgegangen. Dieser Mr. Williams, der als Ehef des Einwanderungswesens auf Ellis Island, dem Einwanderungshafen von Newyork, Herr über das Schicksal von hunderttausenden hilfslosen Emigranten war, galt als schlimmer Menschenquäler und seine Untergebenen trieben es womöglich noch ärger als er selber. Denn die Menschen sind einmal soschlecht, daß sie dem schlimmen Beispiel ihrer Vorgesetzten mit weit größerer Bereitwilligkeit nachahmen, als den guten, und so waltete während des kurzen Selbstherrschertums des Mr, Williams auf Ellis Island ein grausames Schicksal und viele, viele Tausende von Familien, die ihre geringen Habseligkeiten zusammenrassend nach der neuen Welt. auswandern wollten, sahen im Hafen von Newyork ihre letzte Hoffnung scheitern. Aber gestrenge Herren regieren bekanntlich nicht lange. Das fortwährende Schikanieren der Emigranten ries den Unwillen der öffentlichen Meinung gegen ihn hervor, und zwang den Präsidenten Roosevelt, den Mann Knall und Fall von seinem Posten zu entfernen. Seit dem 1. Januar 1901 regiert auf Ellis Eslaud an Stelle des Fremdenhassers Williams, der weit mildere Mr. Watchorn. Derselbe bereiste vor wenigen Jahren im Aufträge des auswärtigen Amtes Rumänien, um die Ursache der Judenverfolgungen zu ergründen, und war darauf zwei Jahre lang Einwanderungskommiffar der Vereinigten Staaten in Kanada. Dieser, mit dem Wesen der Emigration völlig vertraute Mann, teilt die Ansicht der überwiegenden Mehrheit des nordamerikanischen Volkes und diese geht dahin,, daß die Vereinigten Staaten die Einwanderer ebenso nötig haben, wie diese die Vereinigten Staaten brauchen. In Amerika liegen noch viele Millionen Acres Land brach und harren der fleißigen Hände der Einwanderer,- während diese wiederum dringend Land brauchen, um die heiß ersehnte wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen. Wenn sich aber trotzdem zahl- und einflußreiche Stimmen gegen die Einwanderung erheben, so hat es seinen Grund in der sehr ungleichmäßigen Verteilung der Emigranten über das Land. Von den 812 870 Menschen, die im Jahre 1903/4 in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, haben sich nicht weniger als 560 276 ca. 69,7 Prozent aller Emigranten in den fünf Staaten, Newyork, Pennsylvania, Illinois, Maffachuse8s, Newyersey niedergelassen. Die Zentralstaaten, der gesamte Westen, sowie die umfangreichen aber menschenleeren Südstaaten bekämen von dem Segen der Einwanderung sehr wenig zu spüren. Daß die Einwanderer sich in einigen wenigen großen Städten zusammendrängen und große Ghettos bildend, dem Lande zur Last, und sich selber nicht zum Segen sind, ist ein Uebelstand, der um jeden Preis beseitigt werden muß, und wenn es nicht anders geht als durch ein Einwanderungsverbot, so wird das amerikanische Volk selbst vor diesem nicht, zurückschrecken. Einstweilen ist man aber in Amerika noch weit davon.entfernt. Wer im Besitz seiner gesunden Glieder und eines Barkapitals von 50 Dollars ist, resp. in Ermangelung des letzteren sich auf Freunde und Verwandte berufen kann, dem werden die Pforten der Vereinigten Staaten noch viele Jahre läng weit offen stehen. Zur Sprengung des großen Ghettos aber braucht es keiner Einwanderungsverbote. Es gibt noch andere weit weniger drastische Mittel, die ebenso sicher zu gleichem Zwecke führen. Auf eines dieser Mittel hat der neue Newyorker Kommissar für Einwanderungswesen, Mr. Robert Watchorn, in einem kürzlich gehaltenen Vortrag hingewiesen. Es gibt in Amerika Millionen Hektar Land, die Arbeiter brauchen, ebenso gibt es Millionen von Arbeitern, die Land brauchen. Das Problem besteht nur darin, wie man diese auseinander so sehr angewiesenen Faktoren zusammenbringt. Nach einem vorn Generalkommissionar of Immigration Mr. Sarg ent in Washington genehmigten Plan soll fortan auf Ellis Island, eine permanente Ausstellung sämtlicher Erzeugnisse der Vereinigten Staaten, sowie ein Arbeitsnachweisbureau eröffnet werden. Mit Hilfe dieser beiden Mittel soll eine gleichmäßige Verteilung der Emigranten über das ganze Land angestrebt und verhindert werden, daß ein Einwanderer dahin geht, wo er nicht gebraucht werden kann, und wo er selbst bloß Enttäuschungen erlebt. Daß der Staat Newyork von hunderttausenden Elenden und Hungernden wimmelt, während der mit Gaben der Natur reichlich gesegneten Staat Texas von einem Umfang des Deutschen Reiches im letzten Jahre nur 2297 Emigranten heranzulocken vermocht hat, ist unbegreiflich. Einstweilen wird die Dispersion der Einwanderer mit privaten Mitteln und auf privaten: Wege betrieben.- Die besten Erfolge haben immer noch die Juden darin erzielt, obgleich auch sie das Jahr über kaum 6000 Glaubensgenossen aus dem großen Newyorker Ghetto entfernen konnten. Um die Sprengung des Ghettos ein wenig zu beschleunigen, hat sich die „Agrikultural Aid Society" von Milwaukee entschlossen, eine große jüdische Kolonie aus folgender neuer Grundlage zu errichten. Die Kolonie wird nach dem System der Gütswirtschaft betrieben, d. h. die Kolonisten arbeiten auf der Kolonie als Tagelöhner. Ihr Lohn soll in Milwaukee 1 Dollar die Woche betragen. Nach Ablauf eines Jahres werden alle Arbeiter, welche sich bewährt haben werden, definitiv als Kolonisten installiert werden. Man hofft aus diese Weise viele Hunderte von Luftmenschen zu tüchtigen Kolonisten zu machen. Die Paßfrage für amerikanische Juden hat kürzlich den amerikanischen Kongreß wieder einmal beschäftigt. Mr. Alfred Lucking, Kongreßmitglied für Michigan, brachte diese Angelegenheit wieder einmal zur Sprache, wobei er der russischen Regierung für ihr hinhaltendes dilatorisches Verhalten in dieser Frage Treulosigkeit vorwarf. „Seit 20 Jahre stehen wir in Verhandlung mitRußland über diese leidige Angelegenheit. Da wir jedoch den russischen Bären stets mit Samthandschuhen angesaßt haben, so gelang es diesen noch stets, uns hinzuhalten und immer wieder zu foppen. Es ist hohe Zeit, diesem barbarischen Staat Ernst zu zeigen. Daß wir Amerikaner sehr wohl energisch sein können, hat das auswärtige Amt durch die energische Art bewiesen, mit welcher sie anläßlich des jüngsten Konflikts die Türkei angepackt hat." Er schloß seine Rede mit folgenden markanten Worten: „Unsere jüdischen Freunde in Amerika mögen es hören, ihr_ laßt euch zu leicht besänftigen und einschläfern. Ihr seid viel zu