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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-19 · Heft 20 (19.5.1905) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 Aus dieser kleinen Blutenlese schon ist zu ersehen, daß man aus der Haltung der sieben unter den zehn jüdischen Abgeordneten nicht, ohne Weiteres auf die Harmlosigkeit der Fremdenbill schließen darf. Einen anderen Beweis gegen die Harmlosigkeit der Bill liefert die Tatsache, daß eine Abordnung angesehenster Juden unter Führung Lord Rothschilds bei der Regierung gegen gewisse Bestimmungen des Gesetzes vorstellig geworden ist. Einige der von den Delegierten der Regierung gemachten Ausstellungen decken sich genau mit den in unserem vorjährigen Artikel hervorgehobenen. So wies Lord Rothschild beispielsweise darauf hin, daß England unmöglich zu einem Polizeistaat herabsinken dürfe, in dem es, wie in Rußland, jedem Polizisten möglich wäre, Leute zu arretieren und abzuurteilen. Wir haben seinerzeit gerade auf das „Unenglische des Gesetzes hingewiesen, daß mit ihm England sich selbst untreu werde, so zwar, daß — wie wir damals bemerkten — wir, „die wir doch noch fortwährend mehr oder weniger bevormundet und beaufsichtigt werden, nicht so bald und so sehr erkennen, wie unenglisch die Gesetzesvorschristen find, als solche, die jahrelang in England gewohnt haben, ohne auch nur ein einziges Mal nach einem Paß, nach einem wer? woher? zu welchem Zwecke? gefragt worden zu sein, ohne auch nur ein einziges Mal mit irgend einer polizeilichen Behörde das geringste zu tun gehabt zu haben." Auch was wir in unserem Artikel über die russischen Pässe ausführten, wurde mutalis mutauäis von dem Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Gemeinden Englands, der das gesamte Judentum des britischen Reiches vertretenden Körperschaft, in der Audienz gesagt. „In Rußland wird jeder Bankerotteur oder Besitzer öffentlicher Häuser gegen entsprechende Geldopfer die schönsten Zeugnisse erlangen — aber der arme, ehrliche Arbeiter, der kein Geld dafür bezahlen kann, wird das erforderliche Dokument nicht bekommen, besonders wenn er Jude ist." Früher galt nur bei den Diplomaten der Satz, die Sprache sei erfunden, um die Gedanken zu verbergen. Seit längerer Zeit scheinen auch die Gesetzgeber diese Maxime angenommen zu haben. Wer denkt nicht an des seligen Herrn v. Puttkamers Auslegung des Wortes: Sofort? In der englischen Bill ist von Juden -mit keinem Sterbenswörtchen die Rede. Die eigentlichen Urheber des Gesetzes und ebenso die Regierung verwahren sich mit größter Entschiedenheit auch nur gegen den leisesten Vorwurf des Antisemitismus. In dem Gesetz ist auch nicht mit einem Wort davon die Rede, daß es den Londoner Arbeitern billige Konkurrenten fern halten solle. Chamberlain hat aber ganz richtig herausgefunden, daß das Gesetz eine Maßregel zum Schutz der eingeborenen Arbeiter gegen die Konkurrenz der Einwanderer sei. Ja, er zog sogar die logische Konsequenz und sagte, sie sei im Grunde eine Abschlagszahlung und der Schutz gegen die Einfuhr fremder Ware werde folgen müssen. Ob das Gesetz es vorschreibt oder nicht, man wird es anwenden gegen die billiger arbeitenden Ausländer, d. d. gegen die aus Rußland und Rumänien kommenden Juden, die um jedem Preis etwas verdienen wollen, um ehrlich,' wenn auch noch so elend, leben zu können. Wenn die Engländer es aufrichtig meinen mit dem von ihnen einst und angeblich noch heute hoch gehaltenen Schutz der politisch Verfolgten, dann dürfen sie die aus Rumänien und Rußland nach England kommenden Juden nicht abweisen, denn tatsächlich sind diese alle politische Flüchtlinge; sie fliehen aus ihrer Heimat, weil sie dem dortigen politischen Druck, unter dem sie kaum leben können, sich entziehen wollen. So wäre also gerade nach dem neulich wieder so hoch gepriesenen Ashlrecht die Bill gegen die nicht anwendbar, gegen die sie gemünzt ist. Sie wird aber im Gegenteil gerade gegen die angeweydet werden, gegen die sie angeblich nicht angewendet werden soll. Bis vielleicht die Liberalen ans Ruder kommen und das Gesetz, das sie gegen ihre Ueberzeugung und Grundsätze widerwillig angenommen haben, bezw. haben durchgehen lassendurch humane Anwendung unschädlich machen. Dir Woche. Berlin, 16. Mai. iederholt schon wurde auf das geradezu widerwärtige Treiben gewisser antisemitischer Kreise hingewiesen, die den deutschen Thronfolger als Anhänger und Förderer ihrer Richtung hinstellen möchten. Der Vorschlag eines solchen Blattes, dem Kronprinzen solle vom Reichstag eine besondere Apanage bewilligt werden, wurde von der Presse aller Parteien als taktlos zurückgewiesen. Indes scheint es jenes Blatt, nachdem es seine Rolle so ziemlich ausgespielt hat, darauf anzulegen, daß man es als das Organ des Kronprinzen ansehe. Zum mindesten gebärdet es sich so. Aber man braucht nur die Memoiren des Herrn v. Hammerstein, die jetzt sein ehemaliger Gesinnungsgenosse Hans Leuß herausgegeben, durchzulesen, um zu erkennen, daß vor etwa achtzehn Jahren in den Waldersee-Versammlungen so ziemlich dasselbe Spiel getrieben wurde. Nur daß es damals doch ganz andere Regisseure waren, die das Spiel inszenierten. Und trotzdem ging es schmählich verloren. Es ist die große Tradition der Hohenzollern, daß ihr Leben dem ganzen Volke gehört, ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung oder der politischen Parteistellung. Ein antisemitischer Jüngling hat nun selbstverständlich in einer Versammlung des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes denselben Faden weitergesponnen. Nachdem er gegen die Juden gesprochen, fuhr er fort: „Ein deutschnationciler Sieg in der deutschen Reichst) auptstadt bei unseren Wahlen zum Kaufmannsgericht, das mag zugleich unsere Hochzeitsgabe für unseren jugendfrischen Kronprinzen sein." Wir glauben nicht einen Augenblick an einen praktischen Erfolg derartigen Liebeswerbens. Es gehört gar zu wenig dazu, dabei nicht die Absicht zu merken. Wir registrieren diese einzelnen Akte, diese gar zu verfrühten Zukunftsspekulationen einzig und allein als überaus bezeichnend für die Denkweise der Antisemiten und für die Hoffnungen mit denen sie sich noch tragen. Im übrigen war jener vielgepriesene Sieg bei den Wahlen zu den kaufmännischen Schiedsgerichten durchaus kein so großer, wie es in jener Versammlung ausposaunt wurde. Die Deutschnationalen haben zwar auf ihre Liste die relativ größte Stimmenzähl vereinigt, sind aber an den insgesamt abgegebenen Stimmen noch nicht mit einem Drittel beteiligt; von den 100 gewählten Beisitzern sind 31 Deutschnationale. Von der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen (10171) sind auf ihre Liste nur 3247 entfallen. Es wäre den drei andern großen Organisationen der Handelsangestellten und den ihnen ängeschloffenen kleineren Vereinigungen, durch eine noch engere Zusammenfassung der Verbände und durch regere Beteiligung an der Wahl ein leichtes gewesen, die Deutschnationalen auch aus dieser relativen Mehrheit zu verdrängen. In Rußland stehen wieder die Judenhetzen in voller Blüte. Aus allen Teilen des Reiches kommen die Hiobsposten.

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