Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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69. Jahrgang, No. 20, Berlin, 19. Mai 1905. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Luchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. RedakteurrGustav Rarpele». Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philippsoli. Verlszs-LpeMill: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8UV., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Rlosse, Berlin. Die englilchk FrrmdmbM. Berlin, 16. Mai. as. englische. Unterhaus hat die Fremdenbill in zweiter Lesung mit großer Majorität angenommen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie auch die dritte Lesung passieren wird. Die große Majorität und der geringe Widerstand, auf den die Bill in diesem Jahre im Gegensatz zum vorigen gestoßen ist, sind nur zum. geringsten Teile den Verbesserungen zuzuschreiben, die inzwischen schon von der Negierung vorgenommen worden sind. Es ist vielmehr offenes Geheimnis, daß die Nähe der Parlamentsauslösung der Opposition es ratsam erscheinen ließ, sich nicht durch Bekämpfung der populären Bill bei den Wählern zu schaden. Die harmlosere Fassung des jetzigen Entwurfs gestattete ihnen ein Auge zuzudrücken, und so hat denn der rasende See sein trauriges Opfer. - Vorläufig nur auf dem Papier. Wenn das Gesetz so gehandhabt wird, wie seine Fassung es vorschreibt, dann wird es zwar den vorgeschützten Zweck, die Einwanderung von verbrecherischen, mit ansteckenden Krankheiten behafteten und durch . Armut voraussichtlich dem Lande zur Last fallenden Fremden zu verhindern, nicht erfüllen, aber es wird auch nicht viel Schaden anrichten. Man besorgt nur, daß die der Exekutive eingeräumten diskretionären Befugnisse werden mißbraucht werden, um denjenigen Zweck zu erfüllen, der den eigentlichen Urhebern der Fremdenbill vorgeschwebt hat. Diese aber haben unzweifelhaft die Erschwerung der jüdischen Einwanderung im Auge gehabt, auch wenn sie nicht gerade antisemitisch im kontinentalen Sinne sind. Gar zu bedenklich wird auch in dieser Hinsicht die Wirkung nicht sein. Die amerikanische Einwanderungsgesetzgebung ist viel härter, wird viel rigoroser angewandt, als sie voraussichtlich in England ausgeführt werden wird, und dennoch und trotz umfassendster Vorsichtsmaßregeln wird nur ein Prozent der Einwanderer zurückgewiesen und diese sind auch meist nicht polnische und rumänische Juden, sondern Italiener. Die Möglichkeit polizeilicher Willkür, welche die Fremdenbill schafft, das ist vielleicht das Schlimmste, unenglischste an ihr. Schließlich kommt ja alles auf die Ausführung eines Gesetzes an. Wie weit aber die Auslegungskunst gehen kann, das zeigt ein neulich in dem doch auch freien Amerika vorgekommener Fall. Dort hatten zwei jüdische Einwanderer auf die Frage, wo sie Beschäftigung zu suchen gedenken, geantwortet, ihr Onkel da und da habe ihnen fest versprochen, ihnen Beschäftigung, zu verschaffen. Darauf sollten die Beiden in ihre Heimat zurückbefördert werden, weil nach einem amerikanischen Gesetz die Einwanderung von Personen, die vor ihrer Landung bereits verpflichtet seien, verboten ist. Erst die energischsten Reklamationen, das Eintreten des Mayors des betreffenden Ortes und die Vorstellung, daß ja die meisten Einwanderer nur kommen, wenn ihnen solche Zusicherungen gemacht werden und daß es gut sei, daß Leute mit einer gewissen Aussicht auf Beschäftigung ins Land kommen, konnten den Willkürakt und das Unrecht verhindern. .. Ganz vor kurzem wiederum wurde eine junge Dame, die zu ihrer Verheiratung hinübergekommen war, zurückgewiesen, weil sie an einer ansteckenden Augenkrankheit litt, so daß der Bräutigam sein Geschäft aufgeben und mit der Braut nach Europa zurückkehren mußte. Noch andere ähnliche Fälle werden berichtet. Im großen und ganzen kann man von der amerikanischen Einwanderungsgesetzgebung sagen und wird es auch von der englischen sagen können, sie erfüllt nicht/was man von ihr will, wohl aber ermöglicht sie allerlei Willkür. Und unter dieser werden, das wollen wir uns nicht verhehlen, ganz besonders die jüdischen Einwanderer leiden. Denn die meisten wollen in London landen, hier aber werden die vermeintlichen Nachteile der jüdischen Einwanderung am meisten und fast ausschließlich empfunden. Man hat darauf hingewiesen — und im vorigen Jahre ist dies auch in einer unserem Blatte zugegangenen und abgedruckten Zuschrift geschehen — daß ja damals von den zehn jüdischen Parlamentsmitgliedern drei für die Bill gestimmt, und fünf sich der Abstimmung enthalten haben, die Bill also nicht so schlimm für die Juden fein könne. In diesem Jahre hat eine namentliche Abstimmung überhaupt nicht stattgefunden, es ist nur ein Amendement Dilke mit 211 gegen 59 Stimmen abgelehnt worden. Aber die fünf Parlamentsmitglieder, die sich der Abstimmung enthalten haben, sind Anhänger der Regierung und hatten nicht den Mut, gegen sie zu stimmen. Ihre Stimmenthaltung beweist indessen doch, daß das Gesetz ihnen keineswegs recht ist. Bezeichnend genug ist, daß die zwei Herren, die für die Erschwerung der Einwanderung stimmten, die beiden einzigen Juden, selbst Nachkämmen Eingewanderter sind. Und hat der damalige Einsender auch gehört, wie man über die tapferen jüdischen Parlamentarier denkt? L. I. Greenberg, der mit größtem Eifer die Einwanderer verteidigt hat, nannte die beiden Jasager „curs afraid of the party whip“ — Hunde, die sich vor dem Partei-Einpeitscher fürchteten. Ein Blatt nennt die lieben jüdischen Parlamentsmitglieder, die für die Bill gestimmt oder sich der Abstimmung enthalten haben „Erzseiglinge" (rank cowards). „Kein Wort des Tadels sei zu scharf für sie. Sie haben in sich das Zeug zu Renegaten. Pfui über sie! Pfui st