Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228656--61709-3275544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m nach jeder Weise gerecht werden können. Es steht zu erwarten, das; dasselbe unter ihrer Leitung sein bisheriges gutes Renommee behalten wird. s. Berlin, 7. Mai. Der Verein „Jüdisches Kinderheim" erfreut' sich, wie aus seinem Geschäftsbericht für das Jahr 1904 hervorgeht, einer recht gedeihlichen Entwicklung. Im Lause des Berichtsjahres fanden zwanzig Kinder auf Rechnung des Kindersparvereins Ausnahme und Pflege in Bad Ebnen, 25 Kinder wurden in das Mädchenhaus in Pankow in Halbkolonie ausgenommen, außerdem waren 65 Kinder während voller fünf Wochen in Niederschönhausen in Halbkolonie. Die erzielten Erfolge waren so glänzende, daß im nächsten Sommer der Versuch wiederholt werden soll, allen Kindern des Kindergartens und -Hortes die ihnen so nötige Erholung im Sommer zu gewähren. Unter Leitung vortrefflicher Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen werden die Kinder angehalten, aus beinahe wertlosen Dingen brauchbare und nützliche Gegenstände herzustellen, zu praktischem Denken und^fleißigem Arbeiten angeregt; im Handfertigkeitsunterricht folgen die kleinen Lehrlinge mit Lust und Eifer den Erklärungen des Lehrers. Zu Beginn dieses Jahres wurde von zwei Vorstandsdamen ein „Mütterkaffee" veranstaltet, und diese persönlichen gegenseitigen Aussprachen zwischen den Müttern und den Vorstandsdamen und Lehrerinnen haben nicht unwesentlich zur Förderung der Bestrebungen des Vereins beigetragen. In großer Zahl stehen dem Vereine bei seiner Tätigkeit Helferinnen zur Seite, welche sich in liebenswiirdigster Weise dem „Kinderheim" widmen. Einen tiesschmerzlichen Verlust hat der Verein durch, das Hinscheiden seiner langjährigen Vorsitzenden Frau Stadtrat Dr. Weigert erlitten, die bis zuletzt mit unvermindertem Interesse und größter Liebe die Wohlfahrt und das Gedeihen der Anstaltgefördert hat. Die Verewigte ist zum immerwährenden Ehrenmitglied ernannt worden; in hochherziger Weise hat Herr Stadtrat Weigert zum Andenken an seine Gemahlin, dem Verein zehntausend Mark gespendet zu einer Mathilde Weigert geb. Meyer-Stiftung mit der Bestimmung, daß die Zinsen dieser Summe für die Ferienkolonie verwandt werden sollen. Die jüdische Gemeinde hat wie in früheren Jahren einen Zuschuß gewährt, außerdem dem Verein noch zweihundert Mark von den Zinsen eines Nachlasses zufließen lassen. Auch aus der Jacob Plaut-Stiftung ist dem „Kinderheim" ein Zuschuß in Aussicht gestellt worden, so daß der Verein voraussichtlich bereits im nächsten Jahre seinen lange gehegten Wunsch, geeignetere Räume für sein Heim mit einem dazu gehörigen Garten zu erwerben, wird zur Ausführung bringen können. 22 Berlin,'4. Maß Der Jüdifche Studienbeförderungs- Verein, über dessen segensreiche Wirksamkeit wir schon öfters berichtet haben, entwickelt sich unter der gegenwärtigen Leitung in wahrhaft gedeihlicher Weise, wie der Bericht über das abgelaufene Jahr beweisen kann. Die Einnahmen betrugen 2153 M., die Aus" gaben 1783 M., so daß zum ersten Male nach langer Zeit ein allerdings sehr kleiner Ueberschuß zu verzeichnen ist. Die Mitgliederzahl ist durch die Propaganda der Herren vom Vorstande von 79 auf 119 gestiegen. Es wurden im Jahre 1904 14 Schüler regelmäßig durch Stipendien unterstützt. Ferner erhielten 9 Schüler in einem vom Verein eingerichteten Privatkursus Unterricht und zwei wurden mit Geld unterstützt, die selbständig für ihren Unterricht gesorgt haben. In der Hauptsache hat der Verein stets nur das Schuljahr bezahlt. Da aber die Mittel etwas, wenn auch, nicht gerade viel reichlicher geworden sind, so gab der Verein den Stipendierten auch kleine Geldbeträge zu ihrer besseren Pflege. Aber schon aus diesen wenigen Andeutungen ist zu ersehen, was dieser Verein leisten könnte,^ wenn er sich der Gunst und Teilnahme weiterer Kreise und der Förderung seitens der Gemeinde zu erfreuen hätte. Von allen Vereinen, die seitens der Gemeinde subventioniert werden, ist kaum einer solcher Subvention würdiger und bedürftiger als der jüdische Studienbeförderungsverein, der bereits auf eine mehr als 60 jährige Wirksamkeit innerhalb unserer Gemeinde Hinweisen kann. Wir hoffen deshalb zuversichtlich, daß unsere Gemeindebehörden auch diesem Verein, dessen Existenz ein dringendes Bedürfnis in Berlin ist, eine angemessene Subvention zuwenden werden. o. Graitderrz, im April. Der zweite Rechenschaftsbericht über die Verwaltung des Casper Lachmannschen Provinzial- WaisenHauses für 1904 konstatiert, daß das zweite Verwaltungsjahr 1904 dank der Tätigkeit der Beamten und des Damenkomitees und der Förderung und Unterstützung von seiten derlFrennde und Wohltäter der Anstalt einen erfreulichen, durch nichts gestörtem Verlauf genommen hat. Die finanzielle Lage hat sich gegen das Vorjahr wenig verändert. Zwar weisen die Beiträge einen Rückgang gegen das Vorjahr auf, der indes nicht sonderlich erheblich ist (er stelltffich auf 468,50), Und erklärt sich im wesentlichen dadurch, daß eine Anzahl Freunde verstorben oder aus unserer Provinz verzogen ist. Dem gegenüber ist das Institut auch im letzten Jahre durch besondere einmalige Zuwendungen und durch ein Vermächtnis bedacht worden, welche den Ausfall in den Beiträgen ausgeglichen haben. Ende 1903 befanden sich in der Anstalt 19 Zöglinge (11 Knaben und 8 Mädchen); sie sind auch heute noch im Hause und haben sich körperlich und geistig gut entwickelt. Die Zöglinge besuchen bis auf einen Knaben die städtische Volksschule in Graudenz und sind von Zahlung des Schulgeldes befreit. Die Kinder selbst erhalten in der Anstalt wie bisher Handfertigkeits-, Gesang- und Turnunterricht und werden regelmäßig zu häuslichen Verrichtungen herangezogen; die Verwaltung befindet sich in Danzig. Der Vorstand besteht aus folgenden Herren: Rechtsanwalt Behrendt - Danzig, Ph. Simson - Danzig, M. Kadisch-Tanzig, Stadtrat Belgard-Graudenz, P. Herzfeld-Graudenz. D. Wolff-Thorn, A. Jacob-Thorn, Stadtrat Löwenstein-Elbing, S. Levy-Elbing, Kommerzienrat A. Goldfarb-Pr.-Stargard, I. Lippfeld-Tirschan. n. Breslau, 8. Mai. Soeben erschienen die Jahresberichte der Religionsunterrichtsanstalten der hiesigen Gemeinde, denen als Einleitung der statistische Bericht, den Herr Rabbiner Fabian in dankenswerter Weise zusammen gestellt hat, über die Beteiligung am Religionsunterricht beigegeben ist. In den einleitenden Worten beklagen sich die Dirigenten bitter über die zunehmende Interesselosigkeit der Eltern und Kinder an unserer Religion und ermahnen in dringenden Worten die Eltern, ihren Kindern Religionsunterricht erteilen zu lassen. Wem das Wohl unserer Gesamtheit am Herzen liegt, ans den muß wahrlich die beigegebene Tabelle über die Beteiligung am Religionsunterricht einen wahrhaft betrübenden Eindruck machen. In allen Gymnasien, mit Ausnahme des städtischen Johanneums, fehlt der Unterricht in den oberen' Klassen ganz. Iin königlichen Friedrichsgymnasium ist bei 14 Schülern überhaupt kein Unterricht, ebenso nicht in der kath. Knabenmittelschule bei 41 Schülern. Im städtischen Magdalenengymnasium werden 124 Schüler in 4 Stunden wöchentlich unterrichtet. In den höheren Mädchenschulen, sonne in einigen Privatschulen liegt die Sache etwas besser; aber auch hier ist der Unterricht bei weitem nicht ausreichend. Auch an den Volksschulen, wo doch die Eltern gesetzlich verpflichtet sind, ihre Kinder in den Religionsunterricht zu schicken, ist es nicht besser. Am 1. Februar 1904 hatten von 506 jüdischen Kinder nur 401 die Religionsschulen besucht; also über lOOKindern wachsen ohne Religionsunterricht auf. Betrachtet man die Verteilung der Schüler der einzelnen Schulen auf die drei Religionsschulen, so sieht man,"daß der Prozentsatz der Schüler höherer Lehranstalten ein vergleichsweise äußerst geringer ist. Von 1018 Schülern höherer Lehranstalten besuchten'am 1. Februar 1904 nur 165, von 872 Schülerinnen höherer Lehranstalten nur 138 zugleich die Religionssckulen. -Als Gesamtresultat ergibt sich, das; von 3083 Kindern der Gemeinde nur 1130 einen in jeder Beziehung ausreichenden Religionsunterricht, wozu auch der Unterricht im Hebräischen gehört, erhalten. Rechnet man dazu noch ca. 6—800 Kinder, die zeitweise privatim im Hebräischen unterrichtet werden, so ergibt sich, das; noch weit über 1000 Kinder entweder von dem Glauben unserer Väter überhaupt nichts gehört haben, oder gar christlichen Religionsunterricht haben. Mit Recht heißt es daher wörtlich in der Denkschrift: „Diese Ziffern sprechen für sich. Sie zeigen, daß gerade die Eltern, die bemüht^sind, ihren Kindern eine höhere Ausbildung angedeihen zu lassen, sie zumeist von der Religionsschule fernhalten. Diese Tatsache ist um so beklagenswerter, als infolgedessen die)Iugend dieser Kreise ohne jede Kenntnis der Sprache unserer Gebete und unserer heiligen Schrift aufwächst und dadurch die Fähigkeit nicht erlangt? mit Verständnis an dem öffentlichen Gottesdienst teilzunehmen." Wenn auch in vielen Grobgemeinden sich dieselben Uebelstände finden werden, so sind dieselben doch mehr als unwürdig. Dankenswert ist es jedenfalls, daß endlich einmal die