Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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228 - ' Indessen hatte das Volk sich in den Ring gestürzt. „Nieder mit-den Juden, nieder mit den Juden," schrien sie, wie^v ahnwitzig über die wehrlosen Juden herfallend. Soldaten, Wächter, Juden, Volk, — alles war jetzt zu einem Knäuel vermischt. Die Arena war viel zu klein sür alle die Menschen und in gleicheur Instinkt drängten alle den Ausgängen zu.' Rachel und der Patrizier waren längst verschwunden. Viele der Inden entkamen, aber die Kinder wurden meistens zu Tode getrampelt und auch viele Erwachsene wurden niedergemetzelt. Und die erste die fiel, war Neschuschta. Joseph schwieg. Minute auf Minute verrann, ohne daß jemand ein Wort sprach. Schließlich sagte der Großvater: „Es graut der Morgen. Begeben wir uns zur Ruhe." Schweigend drückte man sich die Hände. Dann schied man voneinander. — — — . „Vater," sagte Maria. „Das war ein Kapitel von Juden und Christen. Ich konnte heute Abend den Juden nicht in die Augen sehen, Vater!" „Offen gestanden, ich auch nicht!" erwiderte er zögernd. So liebenswürdig war Ludanyi noch nie seinen Gästen gegenüber gewesen, wie am nächsten Tage. Und als am Abend die Lesung wieder anfing meinte er: „Hoffentlich wird's heute — na, — angenehmer." Dann nahm er seinen Platz inr Schaukelstuhl wieder ein, während Joseph anhub: „Es war in der siebenten Morgenstunde. Die männlichen Bewohner der Chazarenhauptstadt Belendscher — die wenigen Andersgläubigen ausgenommen — hatten sich zum Morgengebet versammelt und füllten den Vorhos des Tempels, während der König als Hohepriester das Opferlamm am Altar dar-" brachte. Denn als der König mit dem größten Teil seines Volkes sich im Bund Abrahams hatte aufnehmen lassen, da sann er lange darüber nach, wie er dem einzigen Gotte danken könne für die Erleuchtung. Sein Rat der Weisen schlug ihm vor, eine Nachahmung des Tempel Salomons aufznbauen, in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Der König aber dachte anders. „Nicht an mir ist es, den Tempel wieder aufzübauen in Belendscher. Bin ich ein Nachkommen Salomons oder Davids? Wenn der Messia kommen wird, uns alle zurückführen in unfern rechtmäßigen Besitz, dann soll der unter uns, der antreten wird das Erbe Davids den Tempel wieder aufbauen an seinem rechten Ort. Und wenn ich, oder einer meiner Nachkommen sollten dazu ausersehen sein, dieses Erbe anzutreten, dann werden wir Gott danken von ganzem Herzen und aufbauen feinen Tempel in aller Pracht. Aber es schon hier zu tun, wäre Anmaßung und sündhaft." Der weise Rat sah, daß der König noch weiser sei, wie sie alle, denn er fuhr fort: „Wir sind, Gott sei gelobt, in nnserm eignen Land. Und doch wieder nicht. Denn eigentlich gehören wir nach Zion. Da wir aber nach Gottes Ausspruch — gelobt sei sein Name, — auf Messia warten müssen, so haben wir uns inzwischen hier unser Reich gegründet, und hier warten wir. Dieses ist also ein Aufenthalt, eine Station, eine. ebenso wie die Wüste unfern Vätern eine Station gewesen. Und deshalb werde ich einen Tempel bauen, wie ihn unser Väter erbaut haben in der Wüste noch Gottes Geboten-" Und so geschah es. Mitten in der Stadt wurden? bie Häuser niedergerissen und ein großer Flecken frei gelegt. Und hier wurde ein Tempel angelegt, genau nach dem Muster, wie ihll Moses in der Wüste hat bauen lassen. Nichts fehlte. Der Vorhof war etwa 200 Fuß lang und 100 Fuß breit und von einem sieben Fuß hohem Gehege umgeben. Das Gehege bestand aus 60 schweren Damastdecken,, die straff, zwischen ebenso vielen Pfeilern aus.purem Silber aufgespannt waren. Direkt gegenüber dem Eingang zum Hofe befand sich der Altar, an dem der König täglich ein Lamm und am Schabboth zwei Lämmer opferte, nachdem er vorher das Blut des Opfers herumgesprengt hatte. Dieser Teil des Hofes, mit dem hinter dem Altar stehenden Allerheiligsten war durch einen Perlenvorhang, durch den die Betenden die Handlungen ihres Königs und Priesters genau verfolgen konnten, vom Volke getrennt. Das Allerheiligste war gleichfalls möglichst genau nach biblischer Vorschrift hergestellt und mit einer großen Decke aus Sealfallen bedeckt. Innen befand sich ein Altar aus reinem Golde, ein goldener siebenarmiger Leuchter und die ewige Lampe, gefüllt mit Olivenöl, die der König täglich selbst versorgte. In einem Nebenraum, in dem der König nur am Jom Kipur betete, befand sich eine Kopie der Bundeslade. Sie war aus echtem Schittim-Holz hergestellt, das der König mit groben Mühen und Geldkosten hatte heranschaffen lassen. Innen und außen war sie mit Gold belegt, während der Deckel ans reinem Golde bestand. Die beiden Cherubim, die links und rechts auf dem Deckel der Lade standen, - waren in Gestalt von zwei Engeln, Gesicht zu Gesicht, deren Riesenflügel über ihre Schultern hinweg bis zur Mitte der Lade sich ausbreiteten, wo die vier Flügelspitzen sich berührten und so eine Arche über der Lade bildeten. In der Lade lag eine Thora- Nolle. Um dieses Ganze herum waren hohe Steinmauern aufgeführt, die mit ihrem Glasdach ein festes Haus bildeten. Im Dach .waren Fenster, die von unten geöffnet wurdenum den Opferrauch abziehen zu lassen. Oben, beinahe unter dem Dach, zog sich eine durch Perlenvorhünge verstrickte Galerie entlang, die für die Frauen war. Die Männer beteten inr Vorhos diesseits des Perlenvorhanges. Der König betrat den Tempel durch einen besonderen Eingang, der direkt zum Altar führte. Ehe er den Hof betrat, legte er alle Zeicherr der königlichen Würde ab, und bekleidete sich mit denr weißen Kleid und der weißen Kappe des Hohenpriesters. Der Gottesdienst war eine Vermischung des Alten mit denr Neuen, denn währerrd der König drinnen opferte, betete draußen das Volk die von den Gelehrten vorgeschriebenen Gebete. (Fortsetzung folgt.) Sprechtag!. Sehr geehrter Herr Redakteur! u Ihrem Bericht über die Generalversammlung der Wohltäter der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums (in Nr. 18 des „Gemeindeboten" p. 1) befindet sich eine irrtümliche Angabe. Ich habe leider aus dem Kuratorium ausscheiden müssen und von vornherein erklärt, eine etwaige Wiederwahl nicht annehmen zu können. Berlin, 4. Mar. In ausgezeichneter Hochachtung Professor Dr. Pagel. Druck und Verlan von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bnuchwitz in Berlin.