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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-12 · Heft 19 (12.5.1905) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Bescheid. Wenn Ihr angekommen seid, sagt: „Leo!" und er wird Euch durchlassen. Womöglich werde ich Euch ^führen, wenn nicht, so wißt Ihr Bescheid?" „Wir wissen und möge Euch Gott segnen für Eure Bravheit und uns beistehen. Doch sagt, was wird aus uns, wenn wir draußen , sind?" „Ihr wißt, ich hoffe Euch zu führen. Doch wo nicht, so geht nach dem Hause des Theodor Moreas, des Patriziers. Man wird Euch dort erwarten." „Ah! Ihr seid des bekannten Moreas —" ' „Sohn, ja. Ihr wißt nun genau Bescheid?" „Ja, doch erlaubt mir noch eine Frage. Wißt Ihr genau, daß im Zirkus etwas passieren wird?" „Ja, genau." „Etwas ungewöhnliches?" „Ja." „Was? — Verzeiht die Frage, aber vielleicht ist's besser, daß ich's weiß." „Wohl kaum. Doch kann's auch nicht schaden, ^also: Es wird eine Eule dahinfliegen über den Kopf der Kaiserin." „Ah, ah, — das Zeichen des Unglücks." „Das untrügliche Zeichen des Unglücks bei diesen — diesen Bilderverehrern, diesen — diesen abergläubigen Götzendienern," zischte er. „Eine Eule — am hellen Tage — über dem Kopse der Kaiserin. Ah, es ist gut, es ist gut." Sie nickte lebhaft mit dem Kopfe. Und dann: „Den andern da, ist denen nicht zu Helsen?"! Er schüttelte verneinend das Haupt. „Wie?" fragte er. „Die Wachen sind alle treu?" „Wenn durch die Eule ein Tumult entstände — vielleicht —" meinte sie. Er schüttelte wieder den Kopf. Noch eine Weile saßen sie da, lautlos. Dann sagte Neschuschta: „Vorläufig habt Dank. Ich gehe jetzt zu Rachel. Und so- Gott uns beisteht, auf baldiges Wiedersehen!" Die Kämpfe der Sklaven und Bilderstürmer waren vorüber. Die tausende, die da auf den Tribünen saßen, hatten sich heiser geschrien, wenn dieser oder jener der Kämpfenden besondere Tapferkeit gezeigt hatte, zum Zeichen, daß ihm das Leben geschenkt werden sollte. Und so oft hatten sich diese Szenen wiederholt, das; die Kaiserin sich genötigt sah, gar vielen das Leben zu schenken. Jetzt, während man auf die Juden wartete, deren Vernichtung der Schluß des Siegesfestes bilden sollte, traten Sklaven in den Ring undbeseitigten die Spuren des geflossenen Blutes und streuten frischen Sand. Indessen unterhielt sich die Kaiserin mit ihrem Nachbar zur rechten Hand, dem Eunuchen Steurakius. „Das Volk scheint Freude zu haben an den Spielen," sagte sie. „Wie sollte es nicht. Verdankt es doch diese gottgefällige Einrichtung seiner siegreichen Kaiserin." „Nicht wahr, Steurakius, auch Ihr haltet mein Tun für gottgefällig." „Wie denn anders? Eine Rächerin seid ihr der gesamten Christenheit, o große Majestät. Wie Nerv vor 600 Jahren die Christen verfolgte und zerreißen ließ im Zirkus von wilden Tieren, weil jüdische Rabbinen ihn angestiftet, so tut ihr jetzt den- Juden. Nach ihrem eignen Gesetz: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und das soll nicht gottgefällig sein? Und dabei seid Ihr noch barmherzig, denn, ihr'verbrennt sie nicht, wie jener. Und die Bilderstürmer — das sind Ketzer. Und Ketzer und Juden zu vernichten ist ein löblich Werk. Das Volk aber kann Euch nur dankbar sein für das grandiose Schauspiel." „Ihr sprecht die Wahrheit, mein. Steurakius." Sie blickte im Kreise herum. „Und all das Volk, dhin ja, es ist der erste Zirkus von Byzanz und die ersten Spiele dieser Art seit Menschenalter. Ob Neros größer waren?" Ein Herold trat in die Arena. „Die Juden, — die Juden," ging es von Mund zu Mund. Die Vordersten beugten sich weit über die Ballustrade und blickten gierig hinüber zu dem Eingang durch den der Herold gekommen. Und alsbald öffnete sich das Tor und herein - traten die gefangenen Juden, Schlotternde, apathische Gestalten, Männer, Frauen und Kinder. Die nicht freiwillig vorwärts gingen, wurden hineingestoßen. Dann schloß sich das Tor hinter ihnen. Die. Juden waren allein in der Arena. Verwirrt, geblendet vom hellen Sonnenlichte blickten sie um sich. Die Kinder schrien. Alle waren dicht aneinandergedrängt bei der Eingangspforte stehen geblieben, so daß aller Augen dorthin gerichtet waren. „Kommt näher!" schrien die, welche am andern Ende des Zirkus ihre Plätze hatten. „Näher, näher in die Mitte konunen! Holt Soldaten! Treibt sie in die Mitte! Feige Juden!" ertönte jetzt ein verworrenes Geschrei von allen Seiten. Da drängtel sich plötzlich eine hohe weibliche Gestalt von hinten durch die Menge. Es war Neschuschta. „Was wollt ihr?" rief sie ihren Leidensgenossen zu, „warum^geht ihr nicht?" Wollt ihr nicht jenes Untier dort verfluchen, ehe ihr sterbt? Folgt mir im Namen Jehovas!" Dann schritt sie der Mitte des Zirkus zu. Jetzt achtete niemand mehr auf die andern, von denen nur wenige ihr auf einige Schritte gefolgt waren. Alle sahen nur dieses Weib. — Vor dem purpurnen Baldachin der Kaiserin Irene machte Neschuschta halt. Ihre Gestalt reckte sich, ihre Augen blitzten als sie mit einem knochigen Finger zur Kaiserin empor zeigte und ihre Stimme schallte durch den Zirkus als sie ausrief: „In einigen Minuten werden die Bestien mich zerrissen haben. Aber ehe ich sterbe, will ich Dir meinen Fluch hinterlassen. Sei verflucht in alle Ewigkeit. Ich bin Magier der Juden, ich verfluche Dich, sei verfallen dem Teufel. Inden Sternen habe ich^s gelesen, Du bist verfallen. Mögest Du verfaulen bei lebendigem Leibe und Deine Feinde nlögen Dir die Augen ausstechen." Dann wandte sie ihr Gesicht zum Himmel und schrie: O Jeheva, Du Herrscher des Himmels und. der Erden, sende mir ein Zeichen, damit wir wissen, ich und dies Weib, daß mein Fluch erhört ist." Irene war leichenblaß geworden. „Soldaten! Soldaten!" rief sie, „reißt dem Weibe die Zunge aus!" Doch kamn war der Ruf verklungen, als sich plötzlich eil; „Ukhu! Ukhu!" vernehmen.ließ und vorn, jenseits des Zirkus eine riesige Eule dähergeflogen kam. Sie flog direkt auf die Kaiserin zu und über ihren Kops hinweg. „Lust, ich sterbe," hauchte Irene. Dann wurde sie ohnmächtig. „Die Kaiserin stirbt, die Kaiserin stirbt. Die Juden haben sie behext," schrie Steurakius in den Zirkus hinein. Der Schrei wurde ausgenommen. „Die Kaiserin stirbt. Die Juden haben die Kaiserin behext. Nieder mit den Juden!" ertönte es von allen Seiten. Ein unbeschreiblicher Tunmlt brach los. Auf den Lärm eilten die Soldaten, die an den Toren Wache hielten, in die Arena, um zu sehen was es gäbe, die Tore hinter sich offen lassend.

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