Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-12 · Heft 19 (12.5.1905) · p. Seite 223

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228656--61702-3275537
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

. Vor einigen Tagen ist nach Odessa der Gemeine der Reserve, der Jude Abraham.Gensel, zurückgekehrt, der zweimal in der Schlacht Heim Putilowhügel verwundet wurde. Gensel ist ein Odesfaer, seiner Profession nach Schlosser. Im September vorigen Jahres wurde er zum aktiven Dienst einberufen. Das erste Mal wurde er am 5. Januar am Fuße verwundet, blieb aber.in der Front. Am 10. Januar wurde er.nochmals an der. rechten Seite verwundet. Gensel erhielt den St. Georgsorden 4. Klasse. Er spricht mit Entzücken von den Aerzten und den barmherzigen Schwestern jener Spitäler, in welchen er sich zur Heilung und . Pflege befand. — Der „Kiewsky Otklik" („Das Kiewer Echo") schreibt aus Kremenez (dem Geburtsorte des berühmten Gelehrten Isaak Ber Lewinsohn, s. A. des russischen Mendelssohn), folgendes: „Eingewisser Weiner aus der Reserve oiente in Odessa in einem Magazin. Zum aktiven Dienst einberufen, ging Weiner nach dem fernen Osten, wo er an den Schlachten bei Schachu teilnahm, und wurde schwer an der Hand und an der Seite verwundet. Nachdem er drei Monate im Charbiner Hospital zubrachte, wurde er von den Aerzten als dienstunfähig erklärt ünh nach seinem Geburtsorte, dem Dorfe Rachmanow, zurückgeschickt. Dort mit vier Rubel in der Tasche angelangt, wandte sich Weiner^ an den Vorsteher der Kleinbürger mit der Bitte, ihm einen Paß zu geben, ohne welchen er nicht nach Odessa reisen konnte. Auf dem Paß befand sich folgende Aufschrift: „Dem Vorzeiger ist gestattet dort zu. wohnen, wo den Juden der Wohnsitz erlaubt ist." Und dies geschieht, nachdem durch Allerhöchsten Ukas den Juden, die an dem gegenwärtigen russisch-japanischen Kriege teilnahmen, gestattet ist, überall im Reiche zu wohnen. Endlich langte der arme Weiner in Kremenez an, wo er sich bei seiner nächsten Militärbehörde meldete, mit der Bitte, ihn nach Odessa zu seiner Familie zu befördern. Es erfolgte eine Absage folgenden Inhaltes: „Ich kann nichts tun; wende Dich an Deine Juden, sie mögen Dir für Deine Reife geben." Den ganzen Tag streifte der Unglückliche in den Straßen umher, Almosen heischend. Sein leidendes, kränkliches Gesicht, der zerrissene Militärmantel zogen unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich. Zum Glück kauften ihm gute Menschen ein Eisenbahnbillet bis Odessa, und gaben ihm dadurch die Möglichkeit, zu seiner Familie zurückzukehren. So weit der Zeitungsbericht. Mit tiefer Wehmut erfüllt sich unser Herz, wenn wir sehen, aus welche Art und Weise die tapferen jüdischen Helden, die ihr Blut für das Vaterland vergießen, behandelt werden. Aus Kertsch schreibt man, daß einer der Verteidiger Sebastopols- M. Schneider, im 75. Lebensjahre dort gestorben ist. Er trat im Jahre 1851 im Dienst und während der Belagerung von Sebastopol war er eine Ordonanz beim berühmten Verteidiger dieser Festung, Grafen Totleben.. Für seine Tapferkeit in der Schlacht erhielt er das Georgskreuz, .und außerdem besaß er die silberne Medaille für seine Teilnahme an der Verteidigung Sebastopols. M. Schneider erhielt seinerzeit die Einladung, bei den Festlichkeiten der 50-jährigen Wiederkehr der Verteidigung dieser Festung teilzunehmen. Der tapfere Krieger wurde auf den jüdischen Friedhofe in Kertsch bestattet. — Der jüdische Soldat Josef Moschkowitsch wurde, für seine Tapferkeit zum Unteroffizier befördert. — Frau Stoessel, die Gattin des Verteidigers von Port Arthur, erzählt, daß die christlichen Frauen zu träge und faul waren, um die Wäsche der Soldaten zu .waschen. „Ich muß sagen", — schließt sie ihren Bericht — daß die Ersten, die auf meinen Aufruf antworte ten, die jüdischen Frauen waren, die auch besser als die anderen arbeiteten." — „Die Zeitung „Donskaja Rjetsch" („Die. Donffche Rede") bringt Dinen Tagesbefehl vom 27. Ostsibirischen Jägerregiment auf den > KampfdisPositionen in derFestung Port Arthur vom 29. November 1904, „Der - Gefreite der 7. Rotte Joseph Trumpeldor wendete sich am 27. dieses an seinen Vorgesetzten mit folgendem Anliegen: „Ich behielt noch eine Hand;, aber diese eine — ist die rechte. Und deshalb wünsche ich, wie früher, mit meinen Kameraden das Kampfleben zu teilen, bitte durch Verwendung Eurer Wohlgeboren mir einen Sabel und einen Revolver geben zu lassen." Dies ist die Bitte eines wahrhaft russischen Soldaten, nicht nur dem Namen, sondern dem Geiste nach. Mit goldenen Buchstaben soll man diese^Wvrte in unsere Regimentsgeschichte einschreiben. Um so -mehr als derjenige, der sie ausgesprochen, — ein Jude ist. Noch von den Schlachten hinter den grünen Bergen hörte ich von Trumpeldor, als von einem durch seinen Heldenmut und Tapferkeit hervorragenden Soldaten. Er meldete sich stets als Freiwilliger zu gewagten und gefährlichen Angriffen; in den Schlachten diente er als Beispiel ungewöhnlicher Tapferkeit. Dafür wurde er mit dem Zeichen des Kriegsordens belohnt. Dann wurde er verwundet und büßte dabei eine Hand ein. Dies gab ihm ein moralisches und gesetzliches Recht Invalide zu werden, und ruhig die Beendigung des Kampfes für die Festung abzuwarten, um sodann nach Hause zurückzukehren, und nicht mehr der Gefahr ausgesetzt zu sein. Aber Trumpeldor, die Gefahr verachtend, verzichtete auf das ihm vom Gesetz gegebene Recht, nicht mehr in die Schlacht zu gehen, und bietet nochmals sein halbverstümmeltes Leben zum Kampfe mit dem Feinde an. Auf diese Weise bringt er dem Wohl des Vaterlandes mehr als unser Schwur verlangt. Ich bin überzeugt, daß jeder Offizier und jeder Soldat mit mir an der Spitze in Trumpeldor seinen eifrigen Dienst für das Wohl des Vaterlandes und die Ehre unseres jungen Regiments achten werden. Ich befehle, Trumpeldor mit einem Säbel und einem Revolver zu bewaffnen. Da aber einem gewöhnlichen Soldaten nicht bequem ist, sich mit dem Feinde ohne Büchse zu schlagen, so befördere ich Trumpeldor zum jüngeren Unteroffizier für seine Kriegsdienste und für die Unerschrockenheit um Kampfe, welche er in der Tat vielfach bewiesen hat. Die gute Bildung Trumpeldors (seiner Profession nach ist er Zahnarzt) gibt mir den Grund, überzeugt zu sein, daß er in der Rolle eines Befehlenden, niederen Ranges nicht weniger Nutzen bringen wird, als in seiner Eigenschaft eines gewöhnlichen Soldaten, andererseits wieder, daß er seine Untergebenen , nicht fühlen lassen wird, daß er — ein Andersglaubender fei; gerade im Gegenteil — -als Vorgesetzter wird er ihre aufrichtige Achtung und nicht nur die äußere sich erwerben, Und wie soll man nicht einen Mann achten, und einen Andersglaubenden ganz besonders, der fein Leben dem Dienste des Vaterlande geweiht, wozu er nicht mehr verpflichtet?" — Das Charakteristische in diesem Befehl ist das vielfache Unterstreichen, daß der Ausgezeichnete — ein Jude sei. Als ob in den Andersglaubenden nicht dasselbe Herz schlägt, dasselbe Gefühl spricht! Als ob es nicht verständlich sei, daß dieses Unterstreichen den Ausgezeichneten mehr beleidigt, als erhebt! — Die Zeitung „Der russische Arzt" („Rusfey Wratsch") teilt eine . Liste von Aerzten mit, die im. russisch-japanischen Kriege gelitten haben (nach statistischen Angaben der Abteilung des Generalstabes für Sammlung der Berichte über die Getöteten und Verwundeten m Japan bis zum 18.'3.1. März 1905).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.