Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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WW vv>;\'s sich in die Front aufstellten, um die nächsten" Hi^gel .zu attackieren. Sie gingen am ersten Hügel vorbei, und'an der Neigung des zweiten begannen sie schon auf Leichen zu stoßen. Sie bückten sich über dieselben, schnell/ den Mantel und die Epäuletten berührend, um-den Offizier vom S.oldaten zu unterscheiden, ein schreckliches, peinigendes Suchen, bei dem sie sehr oft ein Schrecken erfaßte, wenn sie einen kälten, unbeweglichen Körper oder eine klaffende Wunde mit geronnenem, verdichtetem Blute berührten. An mehreren Orten machten Hausen von zerstückelten Leichen die Recherchen unmöglich: man war gezwungen, dieselben zu sammeln, sie aufdie Seite zu legen, mit Mühe einzelne Stücke auszugraben, sie umzudrehen, auszudehnen — die Berührung an den Körpern der Getöteten rief bei unfern Helden einen Ekel hervor und zu gleicher Zeit schien es ihnen schrecklich gotteslästerlich. Als sie einen Haufen von Leichen auszugraben hatten, schien es ihnen sogar, als ob sie ein Gestöhn und ein unterdrücktes Schluchzen vernahmen. Den Atem zurückhaltend, kein Wort hervorbringend, begannen sie zu horchen; aber das Schluchzen wiederholte sich nicht mehr, und sie gingen weiter; von dem Wunsche durchdrungen, ihren Obersten zu finden, beschlossen sie nochmals jenen Ort auf ihrem Rückwege aufzusuchen, von welchem sie das Schluchzen vernahmen. An diesem Abende wütete der Kampf beim schwarzen Berge; dort aber, wo die beiden Juden sich fortschleppten, schossen sowohl die Japaner als die Russen sehr wenig. Nur selten fielen hier einzelne Geschosse, die von einem kleinen' Wachtposten abgefeuert wurden. Es waren bereits mehrere Stunden verstrichen, seit sie auf die Suche gingen; sie zogen immer vorwärts, der feindlichen Position sich nähernd. Da stießen sie mit einem Mal auf ein Offizierskostüm, und es schien ihnen, daß sie gefunden, den sie suchten. Sie beugten sich über die Leiche in großer Unruhe und begannen die Gesichtszüge zu untersuchen, mit den Händen die Augen ersetzend. Aber der Verstorbene hatte einen Bart — und dieser nicht! Sich gegenseitig Mut zusprechend, vom Schrecken erfaßt, aber von ihrem Ziele nicht lassend, setzten sie ihre Wanderung fort; sie krochen, sich auf die Erde hinlegend, bei dem geringsten Geräusch anhaltend. Da hinter den Büschen wurden Stimmen laut; hier unterhielten sich die Japaner. Von der unterbrochenen Schlacht erschöpft, die zwei. Tage und zwei Nächte währte, soupierten jetzt die Soldaten: man sah, wie sie die Kost verteilten, sich fortbewegten, man hörte das Klopfen des Geschirrs. Aber vergeblich suchten auch hier die zwei Schreiber den teuren Körper; er war nicht zu finden. Augenscheinlich hatten die Japaner gesehen, wie er niederfiel, und in ihm einen höheren Offizier erkennend, schleppten sie die Leiche fort, um diese zu untersuchen, und die bei derselben sich befindlichen Dokumente wegzunehmen. Am andern Morgen in der Frühe, müde und erschöpft von den durchlebten Aufregungen und vom vielen Gehen, kehrten sie nach Hause zurück, und teilten dem Burschen des Obersten mit, daß sein Herr verschollen sei- Von ihren nächtlichen Abenteuern erfuhr aber der General; er berief sie zu sich und zeichnete sie mit dem St: Georgskreuz aus. — „Wenn ihr schon so nahe von den Japanern'wart," sagte er lachend, „warum habt ihr nicht jemand von ihnen in Gefangenschaft genommen?" Die Juden waren einen Moment stutzig und dann antwortete ganz ruhig und gelassen der eine, der etwas kühner war: „Wir hatten keinen Befehl dazu von Euerer Exzellenz!" Im „Boten der Mandschurischen Armeen" („Wjestnik Mandjurskich Armiji") finden wir folgende Schilderung, die den Heldentaten des jüdischen Bombardiers Lazar Lichtmacher gewidmet ist: Ein schöner Mann von hohem Wuchs, mit hellerr durchdringenden Augen, der Bombardier des- ' ersten Geschützes der zweiten Batterie der 31. Artilleriebrigade; er ist immer der^ erste Arbeiter; wenn es.nötig ist, das Geschütz aus einemtiefen Schlamme herauszuziehen,' so stimmte er ein fröhliches Lied an; wer war der Erste, der das Geschütz richtete, wer war der Erste, der das Ziel fand, von dem Batteriekommandeur angewiesen — immer derselbe Bombardier Lazar Lichtmacher, immer munter, .zufrieden und gesund. Die Bedienung der andern Geschütze fand noch keine Zeit auch nur zwei' Schüsse zu machen, während das erste Geschütz bereits/drei Schüsse abfeuerte. Jüdischen Glaubens, verrichtete er das Abendgebet und zwar in einer recht gottesfürchtigen-Weise, welche sichln seiner Antwort ausdrückte; in der Batterie besteht bei den Soldaten die Gewohnheit, bei dem ersten Schuß die Mütze herunterzunehmen und sich zu bekreuzigen; der Offizier wußte, daß Lichtmacher sein Gebet beginne und frug ihn: „Warum bekreuzigst Au Dich nicht wie die andern?" — „Euer Wohlgeboren, wir haben einen einzigen Gott und Er erhört unser Gebet; jeder hat sein Gesetz; ich erfülle das meinige." Man achtete und schätzte Lichtmacher, man zeichnete ihn aus, aber er zeigte nie eine Ueberlegenheit über seine Kameraden. Am 18. Juli, in der Schlacht bei Laoguschin, erfüllte er flink seine Pflichten unter dem Höllenfeuer des Feindes, und im Augenblicke der Unterbrechung bemerkte er, der Erste, das Erscheinen des feindlichen Zieles und benachrichtigte vorher den Batteriekommandeur: „Euer Hochwohlgeboren, die Feinde rücken heran, es kommt eine Kolonne; eines ihrer Geschütze ist bereits vom linken Flügel auf die Position hinausgefahren!" Er erhielt nach dieser Schlacht den Kriegsorden 4. Klaffe. Aber in diesem Kampfe unterwühlte er seine Riesenkräfte und er mußte auf kurze Zeit ins Spital gehen; als er von dort zurückkam, freuten sich alle. Am 15. Januar nahm die Batterie die Stellung beim Dorfe Chuindza ein und es erfolgte der Befehl, das Dorf Baitaizis zu beschießen. Die Batterie arbeitete unter einem schrecklichen Gewehrfeuer der Japaner, und Lichtmacher blieb derselbe muntere ruhige Mensch, derselbe brave Junge, wie auf den übrigen - Kriegspositionen: er richtet zu, schießt treffend, und während der Pause des Feuers hilft er einem Verwundeten aufstehen, — er führt ihn vorsichtig fort nach einem gedeckten Ort, weit von den Kugeln, hilft er einen Kameraden zu verbinden. Am 16. Januar erhält die Batterie den Befehl, die Schlachtposition beim Dorfe Zainschantun einzunehmen und das Dorf Chanzintai zu beschießen. Schanzen gab es nicht, und die Geschütze brachte man in den Höfen der Barsen unter. Das erste und zweite Geschütz fanden ihren Platz im Zwischenräume unter zwei Varsen; die vor denselben befindliche Ziegelwand verdeckte sie nicht; die Geschütze waren wahrscheinlich den Japanern sichtbar. Gegen 10 Uhr begann der Kampf. Die feindlichen Geschosse von der Front und der Flanke zerrissen sich aus der Batterie, aber die Bedienung arbeitete brav, gründlich, im Kreise hingestreckter Kämpfer. Da zerreißt ein Geschoß neben dem ersten Geschütz und unser gemeinschaftlicher Freund des ersten Geschützes Lichtmacher fällt zu Boden — ein Splitter zerbrach dessen linke Hand, — es fließt Blut, die Kameraden machen ihm rasch einen Verband, aber zu gleicher Zeit wird, durch einen Splitter aus der Front geschleudert, der schwer am Kopfe und an der rechten Hand verwundete Feuerwerker der 1. Rotte Qufrh Blagi getroffen, und dies sehend, sagt Lichtmacher: „Lasset mich,Kameraden, in Ruh, helfet dem Schwerverwundeten!" Im Divisionsspital wurde Lichtmacher die Hand amputiert, aber er sah noch immer wie-ein braver Junge aus. Für diese Heldentat wurde er mit dem Kriegsorden zweiter Klasse ausgezeichnet.