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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-12 · Heft 19 (12.5.1905) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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—— 321 — Aurora mit ihren rosigen Fingern die Lichtstrahlen des Tages öffnete. Viel großartiger und schöner aber wurde etwa 200 Jahre zuvor der Sonnenaufgang von einem hebräischen Dichter geschildert, und zwar geschah dies in folgenden Worten: „Du stellst Finsternis hin und Nacht wird es; da tummelt sich alles Gewild des Waldes. Die jungen Leuen brüllen nach Raub, um zu verlangen von Gott ihre Nahrung. Aufgeht die Sonne, sie ziehen, sich zurück und in ihren Wohnungen strecken sie sich. Der Mensch geht aus zu seinem Geschäft, und zu seinem Dienste bis zum Abend." (104. Psalm). Solch ein herrliches Gemälde von einer von der Sonne beleuchteten Landschaft, meinte der Redner, fände kaum seinesgleichen in irgend einer vorhandenen Literatur. — Die hiesigen englisch-jüdischen Blätter bringen einen interessanten Auszug aus einer auf Juden bezüglichen Rede, die Don Angel Pulidoy Fernandez neulich im spanischen Parlament zu Madrid gehalten und die in spanischen Kreisen eine große Sensation erregt hat. Die Anfrage wurde an den Minister des Auswärtigen gerichtet und ein darin vorkommender Passus lautet etwa wie folgt: „Aus einer jüngst von mir übernommenen Reise durch die östlichen Länder Europas," sagte der Redner, „traf ich häufig Juden in Konstantinopel, Sälonika, Bukarest w., die durch die außerordentliche Flüssigkeit, mit der sie im Spanischen konversierten, meine Aufmerksamkeit erregten. Dieser Umstand veranlaßte mich, daran zu denken, wie nützlich es doch für uns wäre, wenn wir die locker gewordenen Freundschaftsbande mit jenen Juden wieder befestigten, die, obschon in weiter Ferne lebend, noch immer eine so seltene Liebe für die Sprache ihres (einstigen) Vaterlandes bekunden. Alle andern Länder erblicken iit der Verbreitung und Ausdehnung ihrer Nationalsprache einen Beweis von zunehmender innerer Stärke, und so tun z. B. Italien, Deutschland und England alles Mögliche, um ihre Landessprache in allen Weltteilen populär zu machen. Was tun w i r aber in der eben bezeichneten Richtung? Durch die bekannten, neueren politischen Umwälzungen haben wir etwa eine halbe Million Staatsbürger eingebüßt, und infolge dessen scheint uns unsere jetzige Lage eine höchst ernste geworden zu sein. Welche Schritte haben wir aber bisher getan, um freundschaftliche Beziehungen mit den Abkömmlingen der aus unserm Lande einst vertriebenen spanischen Juden wieder anzuknüpsen, die bis zum heutigen Tage noch unserer Landessprache treu und anhänglich geblieben sind?" Diese mit zündender Begeisterung gemachten Bemerkungen wurden von den Cortes mit großem Beifall und sichtbarer Zustimmung angehört, und der spanische Minister hat sofort seine Bereitwilligkeit erklärt, der ganzen wichtigen Angelegenheit seine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Hier wäre noch zuzufügen, daß Don Angel Registrator der Madrider Akademie der Medizin und Verfasser eines unlängst erschienenen Buches ist, das zur Aufschrift hat: „Die Juden und der kastilianische Dialekt", und das einen großen Leserkreis gefunden hat. — Der unlängst Hingeschiedene, unvergeßliche Philantrop F. D. Mocatta hat seine reichhaltige Privatbibliothek dem Londoner „Jüdisch-Historischen Verein" letztwillig hinterlassen. Nun liegt der Plan vor, nächstens in London ein Mocatta- Mnseum zu gründen, mit dem die fragliche Bibliothek vereinigt werden soll. Die Hauptfrage des Tages ist allerdings die Fremdenbill, um die sich alles Interesse dreht. Vom ruMlch-jspsmlchen Lriesslchsuplstz. Von Leon A. Trachtenberg. East alltäglich bringen jetzt die russischen Blätter allerlei interessante Nachrichten aus der Mandschurei über die dort kämpfenden jüdischen Soldaten. Ich habe Ihnen ein ziemlich buntes Bouquet solcher Nachrichten gepflückt, die ich ohne Wahl aneinander gereiht und die — für sich selbst, sprechen. Die Nutzanwendung sei allen Einsichtigen überlassen. Zunächst eine etwas längere Geschichte, die sogar französische Blätter gebracht haben. „Zwei Juden" — so betitelte seine letzte Korrespondenz der Korrespondent des „Temps" Reimonti-Rekuli aus der Mandschurei. Das ist die zweite Erzählung "'in der von ihm angefangenen Serie „tragischer und wahrer Geschichten" über die Schrecken des gegenwärtigen Krieges, die Entbehrungen, die die Soldaten erleiden und die von ihnen bewiesenen Heldentaten. Da waren zwei Wilnaer Juden, erzählt Rekuli, die man lange noch vor Ausbruch des Krieges in die entferntesten Gegenden Sibiriens zu dienen schickte. Sie zeichneten sich vor ihren christlichen Kameraden durch bedeutende'Bildung aus — sie verstanden zu lesen und teilweise auch zu schreiben — sie hatten das Glück, als Schreiber im Stäbe Plätze zu finden. Hier beschäftigten sie sich, die Akten ins Reine zu schreiben, dieselben zu sortieren und die Archive des Stabes zu bewahren. Der Stab änderte oft den Ort, sie folgten demselben überall nach, eifrig, strebsam, ganze Tage hindurch, und manchmal auch die Nächte emsig arbeitend. In der Nähe ihrer Obrigkeit sich befindend, genossen sie eine reichhaltigere Kost, ein besseres Obdach und hatten einen größeren Raum, sogar Stroh zum Ausruhen und zum Schlafen. Der Stabschef Oberst Pekonta behandelte die jüdischen Schreiber gütig und wohlwollend, da er in ihnen fähige und nützliche Arbeiter erblickte. Und die Juden ihrerseits hegten zu ihrem Vorgesetzten innige Anhänglichkeit. Aber er fiel auf dem Felde der Ehre, und sie erfuhren die schrecklichen Einzelheiten seines Unterganges: sein Geist trübte sich von den erlebten Eindrücken, er wurde aus dem neutralen Strich, der die beiden feindlichen Armeen trennte, niedergeschlagen. Es war noch unbekannt, ob er gestorben sei oder irgendwo verwundet liege, an Schmerzen leidend, jeder Hilfe beraubt. Es waren ja Fälle, daß die Verwundeten lange und bange Stunden auf dem Schlachtfelde verbrachten, inmitten von Leichen, ehe man ihnen zu Hilfe fctm. Niemand entschloß sich, diese neue Zone zu betreten, wo Kanonenkugeln von beiden Seiten hagelten: die Verwundeten, die hierher verschlagen wurden, starben ohne Unterstützung, die Toten wurden nicht, bestattet. Der Gedanke, daß der Oberst noch am Leben sei, möglicherweise in dieser schrecklichen Lage sich befinde, gab den jüdischen Schreibern keine Ruhe. Wäre es denkbar, daß sie ihn aus diese Weise zugrunde gehen fließen! Den ganzen Tag flüsterten sie miteinander. Als die Schatten der Nacht sich lagerten, nahmen sie ihr Abendbrot ein, und ohne jemanden ein Wort zu sagen, verließen sie die chinesische Hütte, in der sie wohnten und lenkten ihre Schritte in der Richtung zum Tale. Die Schlacht dauerte noch; von allen Seiten vernahm man das Gewehrkrachen, in tausend Echos hörte man das Stöhnen der Verwundeten, man vernahm den Lärm der sich fortbewegenden Regimenter, das Knarren der Fuhrwerke. Zwischen den schwarzen Höhenzügen der Gebirge, durchzog sich ein schmales Tal, in dessen Mitte in Form einer Schlange ein Bach sich wand: dieser dunkle Korridor führte geradewegs zum Tode. Sie erreichten^eine Gruppe von Hütten, bei der Tags zuvor die russichen Truppen

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