Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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daß die Organe der Presse nach Möglichkeit der koäkreten Beleuchtung der jüdischen'Frage Raum gewähren sollen, um dadurch die Forderungen von Artikel 1 zur reellen Durchführung im Leben zu bringen. Wie übrigens der Petersburger Korrespondent des „Hasman" mitteilt, sei das Ministerkomitee jetzt augenscheinlich damit einverstanden, den „Ansiedlungsrayon" aufzuheben. Abwarten! * Das englische Unterhaus hat am 3. d. M. die Fremdenbill mit 211 gegen 59 Stimmen angenommen. Ueber die Erörterung der Vorlage wird berichtet: Das Unterhaus trat am 2. d. M. nach den Osterferien wieder zusammen. Im Laufe der Beratung der am 18. April eingebrachten Bill betreffend die Einwanderung sprechen sich Sir Charles Dilke und andere Liberale gegen den Gesetzentwurf aus unter Hinweis darauf, daß er keine Fürsorge treffe in Fällen, wo es sich um Opfer politischer oder religiöser Verfolgung handle. Trepelyan (lib.) sagt, wahre und allgemeine Teilnahme bestehe für das unterdrückte russische Volk. Nicht nur russische Juden, sondern Nationalrussen flüchteten aus Rußland, um der Konskription zu entgehen. Diese Leute würden von England ferngehalten werden und würden noch größere Schwierigkeit hüben, Amerika zu erreichen, wenn die Bill angenommen würde. Evans Gordon (kons.) befürwortet den Gesetzentwurf und sagt, dieser verstoße nicht gegen das seit alter Zeit bestehende englische Asylrecht für politische Gesetzübertreter. Asquith (liberal) spricht sich für die Bestimmungen in der Vorlage betreffend fremdländische Verbrecher aus, aber gegen die Bestimmungen über Politische Flüchtlinge, da sie in der vorliegenden Form England für die große Mehrheit solcher Flüchtlinge verschließen würde. Staatssekretär des Innern Akers Douglas erklärt namens der Regierung, die Bill richte sich nur gegen unerwünschte Einwanderer, wahre aber die Interessen der politischen Flüchtlinge. Er weise den Gedanken zurück, daß die Regierung sich bei Einbringung des Gesetzentwurfs von irgendwelchen antisemitischen Gefühlen hätte leiten lassen. Dasselbe sagte am andern Tage der Premierminister Balfour: . Die Frage der Fremdeneinwanderung in England hat ganz und gar nichts mit der Iudensrage zu tun. Wir haben uneingeschränkt die Berechtigung, darüber zu entscheiden, unter welchen Bedingungen wir Bürger anderer Nationen zur Teilnahme an den Fortschritten unserer Zivilisation zulassen wollen oder nicht. Das Asylrecht, wie es von unseren Vorvätern verstanden wurde, wird durch die Bill keineswegs verletzt, sondern die Bill schließt nur diejenigen Personen von der Einwanderung aus, welche voraussichtlich dem Staate zur Last fallen würden. Das klingt alles sehr schön. Aber „der andere hört vor allem nur das Nein!" Im übrigen weist die Bill gegen die vorjährige einige Verbesserungen auf. Vor allem ist es zu begrüßen, daß eine dlpellation der Zurückgewiesenen an den Immigrations-Board vorgesehen ist. Diese Körperschaft soll aus drei Mitgliedern bestehen. Es ist wahrscheinlich, daß sich ein Mitglied des Londoner „Jewish Board of Guardians" unter diesen drei Mitgliedern befinden werde. Am meisten Bedenken erregen die Punkte 6 und 7 wegen ihrer Dehnbarkeit. Nach § 6 können Ausländer, die bereits in England ansässig sind, auf Antrag des Staatssekretärs ausgewiesen werden für Vergehen, für die Gefängnisstrafen ohne die Wahl einer Geldstrafe vorgesehen ist. Nach 8 7 erhalten die Richter die Machtvollkommenheit, bei Ausländern statt einer Strafe oder Zusatzstrafe die Ausweisung zu empfehlen. JBrirf aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. or kurzem fand in der Zentralfynagoge in London eine ernste Feier statt, die einen kurzen, aber wichtigen Abschnitt in der modernen Geschichte der Juden Englands bildet. Dieselbe bestand aus der Enthüllung einer kunstvoll angefertigten Marmortafel, die die Namen aller englisch-jüdischen Soldaten verschiedenen Ranges enthält, welche in neuester Zeit im Süden Afrikas für König und Vaterland kämpfend, einen fieggekrönten Tod fanden. Die Zahl dieser Gefallenen beläuft sich aus 116, und es ist bemerkenswert, daß mehrere unter ihnen in den entlegensten Teilen des englischen Weltreiches ihre Heimatsstätte hatten. Nach einem feierlichen Gottesdienste, wobei die Häupter der jüdischen Gemeinde der englischen Metropole nebst mehreren hochgestellten christlichen Persönlichkeiten zugegen waren, vollzog Lord Roberts, ehemaliger Kommandant der englischen Truppen im Süden Afrikas, den Akt der Enthüllung der besagten Gedenktafel, und in einer kurzen Ansprache machte er folgende denkwürdige Bemerkungen. „Es gereicht mir" — sagte er — „zun: besondern Vergnügen, allen hier Anwesenden sagen zu können, daß unter den zahlreichen englischen Soldaten, die aus den Schlachtfeldern im Süden Afrikas für ihr gemeinsames Vaterland gekämpft, keiner mit größerer Bravour und Bereitwilligkeit sich seiner Militärpflicht entledigt hat, als ihre jüdischen Kameraden es getan haben. Von letztern fielen 116 im Kampfe für König und Vaterland, und ich bin fest überzeugt, daß jeder einzelne Ihrer jugendlichen Glaubensgenossen, die unter dem Schutze der britischen Krone leben,, ebenso willig und furchtlos für die Ehre und den Ruhm Englands kämpfen werde, sollte je die Notwendigkeit dazu wieder eintreten." Bemerkungen wie diese beweisen sofort die Absurdität der so oft wiederholten Behauptung gewisser Antisemiten, daß die Juden im allgemeinen weder patriotisch gesinnt sind noch den Willen haben, patriotisch zu handeln. Freilich kann man dies kaum von ihnen in einen: Lande erwarten, wo sie stets gehetzt und verfolgt werden, und wo selbst ihr Leben und Hab und Gut dem Zufalle frei gestellt sind. Aber selbst auch in einem solchen Lande — wie z. B. in Rußland und Rumänien — findet manidie Juden mehr oder weniger patriotisch und opferungsfähig, obschon sie dafür weder Dank noch Anerkennung erwarten oder erhalten. — Manche andere, nicht minder schmeichelhafte Bemerkungen hinsichtlich der Juden Englands und der „jüdischen Rasse" im allgemeinen wurden kürzlich von verschiedenen namhaften nicht-jüdischen Künstlern in London gemacht, wovon einige in diesen Blättern erwähnt zu werden verdienen. Die Leiter des Londoner Makkabäerklubs, dessen Mitglieder meistenteils aus jüdischen Künstlern und Literaten bestehen, veranstalteten jüngst ein Bankett, wozu sie, nebst dem Präsidenten der Royal Academy, auch mehrere nicht-jüdische Künstler ersten Ranges einluden. Einige von diesen hielten die üblichen Tischreden, worin sie auf die Tatsache hinwiesen, daß eine beträchtliche Anzahl von genialen Künstlern dem jüdischen Stamme angehörten, die auf dem Gebiete der Musik, der Malerei und der Schauspielerkunst sich einen klangvollen Namen erworben und Werke geschaffen haben, die einen bleibenden Wert besitzen. Besonders charakteristisch waren die Bemerkungen eines Redners — Sir Wyke Vüiliß mit Namen — worin Homers poetische Schilderung eines Sonnenaufgangs mit einer andern verglichen wurde, die ein Psalmift in der Bibel machte. Homer,, sagte er, zeichnete ihn in einem herrlichen poetischenMlde, das Apollo darstellte, wie er in einem Streitwagen dasaß, während