Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Warum nicht, Herrin? Wenn alles wahr ist, was geschrieben steht, dann werden wir sehen den Mond für immer und ewig. Ist es aber nicht wahrdann wird uns weder Licht noch Schatten je mehr betrüben. Aber ganz gleich, noch sind wir nicht tot und ich meine, wie werden morgen auch noch nicht sterben." „Wie willst Du das verhüten, Neschuschta?" fragte Rachel mit wehmütigem Lächeln. „Löwen haben keinen Respekt vor uns." „Dennoch, Herrin, glaube ich, sie werden respektieren meine Person — und um meinetwillen auch Deine." „Wie meinst Du das, Neschuschta?" „Ich meine, daß ich mich vor Löwen nicht fürchte. Sie sind Landsleute von mir und brüllten neben meiner Wiege. Meinen Vater, der Häuptling von unfern Leuten, nannte man Herr 'der Löwen, weil er sie zähmen konnte. Als ich ein Kind war, Herrin, da habe ich sie gefüttert ans der Hand und sie haben sie mir geleckt wie Hunde." „Diese Löwen sind längst tot, Neschuschta, und die andern — die haben vergessen." „Ich weiß nicht so genau — daß sie tot sind. Jedenfalls, Blut erkennt Blut. Sie werden erkennen das Kind des Herrn der Löwen. Wer auch zerrissen werden mag, wir werden entrinnen." „Ich habe keine Hoffnung, Neschuschta, morgen müssen wir eines schrecklichen Todes sterben — und unschuldig, nur weil wir Juden sind. Gut, daß Du es nicht erlebt hast, Mutter," setzte sie nach kürzer Pause schluchzend hinzu — „und Du, Du armer, armer Vater." . „Und Leo. „Sst, nenne nicht hier seinen Namen — und möge Gott ihm beistehen." Und sie schluchzte. „Herrin," sagte Neschuschta, und knirschte mit ihren Zähnen, ,-um Deinetwillen bin ich Jüdin geworden und ich glaube! alles, was geschrieben steht. Aber das sage ich Dir — solange I ich lebe, soll kein Löwe Dir Dein Fleisch von Deinen Knochen " reißen. Eher, wenn es notwendig sollte sein, würde ich Dich! erstechen dort in dem Ring, und wolltest Du mir das Messer j sortnehmen, — ich würde Dich erwürgen, oder Deinen Schädel - gegen die Mauer zerschmettern, und " | „Höre," unterbrach sie Rachel, „die Löwen brüllen in j ihren Käfigen dort unten."! Neschuschta hob den Kopf und horchte, wie der Jäger j horcht in der Wüste. : „Neun," nmrmelte sie, nachdem sie die verschiedenen j wütend ausgestoßenen Töne gezählt hatte, „und alles männliche ' Tiere. Sie zu hören macht mich wieder jung. Ich sehe die Wüste und sehe den Rauch aufsteigen aus dem Zelte meines Vaters. Ja, damals jagte ich sie, jetzt jagen sie mich. Es ist ihre Stunde." „Gebt mir Luft, ich sterbe," rief Rachel und siel wie tot auf Neschuschta. Neschuschta legte ihre Herrin aus die Steinfliesen nieder,! dann kniete sie neben ihr und betete zu Gott, er möge die Ohn-! mächtige nicht wieder zum Leben erwachen lassen. (Fortsetzung folgt.) Antonio Iofb da Krina." Bon Di-. M., L evin. uf dem Platze St. Domingo, Bor der großen Klosterkirche, Harrt gespannt die wüste Menge, Auf die Scheiterhaufen blickend. Aus den Fenstern lugen Frauen In den hellsten Feftgewändern, Und es blitzen die Juwelen, Um dem Gottestag zu ehren. Gilt es doch Antonio heute, Den sie ihren Plautus heißen. Gilt es doch dem srühern Liebling Letzte Ehre zu erweisen, Der beschuldigt eines Rückfalls In den alten Väterglauben, Ihn will nun das Volk verleugnen, Jhw im Flammentode schauen. Er, der sie mit seinem Spiele Oft gerühret und ergötzet, Heute wollen die Gemeinen An ihm selber sich ergötzen. , Horch! schon tönt die düstre Glocke, Welche grauenvoll verkündet, Daß die Stunde war gekommen Für den unbeugsamen Sünder. Alles gafft jetzt nach der Straße, Welche zu dem Platze führet. Und mit Schäkern und mit Späßen Sucht man sich die Zeit zu kürzen. Schau! da kommen sie die Schwarzen, Die den König stolz umgeben, Schau! da konunen auch die Frevler, Welche heute man verbrennet. Demutsvoll ist ihre Haltung, Und mit flehentlichen Mienen Suchen sie wohl noch Erbarmen, Ob sich Nicht noch Mitleid finde? Nur Antonio schreitet sicher Und gefaßt zur Richtestätte, Ob er auch im Büßerkleide Und sein Antlitz abgehärmet. Nochmals wiederholt der König Zarte Worte an den Dichter, Daß er noch in letzter Stunde Seiner Seele Heil gewinne. „Lös dich los von jenen Scharen, Die gekreuzigt den Erlöser, Lös dich los von den Verstockten, Deren Weg nur führt zur Hölle!" „Wenn", entgegnet sanft Antonio, „Wenn in Gottes Plan gelegen Seines Sohnes Kreuzesleiden, Um die Menschen zu erlösen — Warum hasset ihr dann Jene, Die den Gottesplan vollzogen? Warum hasset ihr dann Jene, Die getan, was Gott gewollet?" Wohlgeneigt vernimmt der König, Wie der Dichter ihm erwidert, Und es schien sein Herz zu rühren, Als er auf Antonio blickte: h Antonio Jose da Silva, einer Marannensamilie entstammend, ward zu Rio Janeiro am 8. Mai 1705 geboren. Sein Vater Joao! Mendes da Silva war daselbst ein gesuchter Advokat. Als Louren^a, dre Gattin Joaos, des heimlichen Judaismus angeklagt und 1713 nach Lissabon in den Kerker geführt wurde, folgte ihr dahin der Gatte mit den Kindern. Auch in Lissabon erwarb er sich bald als Advokat? eine - ausgebreitete Praxis, in welcher ihn später sein Sohn j Antonio, nach zurückgelegtem. Studium in' Coimbra, unterstützte. 1 Antonio vermählte sich 1734 mit Lconor de Cärvalho, die in Valladolid wegen Judaismus verurteilt wurde, sich aber durch die Flucht gerettet hatte. Ihre Ehe war durch ein Töchterchen gesegnet. Wiederholt wurde Antonio por culpas do judaismo angeklagt, bis man endlich 1739 den Feuertod über ihn verhängte, welches Urteil am.19. Oktober 1739 in Lissabon vollstreckt wurde. Die Prozeßakten -befinden sich noch im Königlichen Archive Torre do tombo. An der Stelle des alten Jnguisitionsgebäudes, welches das Erdbeben 1755 verschlang, steht heute das schöne Theater Donna Maria. Zum hundertsten Geburtstag des großen und mit Recht von seinen Landsleuten als einer der hervorragendsten Dramatiker gefeierten Dichters werden in Lissabon große Vorbereitungen gemacht. Auch ein Denkmal 'soll ihm dort gesetzt werden. Vielleicht au derselben Stelle, wo der Scheiterhäufengeftanden!