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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 214 (sequence 10)
Language
German
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Benoni' und seine wunderschöne Tochter Rachel. Die Juden bestritten ihre Schuld und schworen, daß sie nicht wußten von den gefundenen Schriftstücken und daß sie gar nicht ein Interesse daran hätten, ob Bilder hingen in den Kirchen von Byzanz und dort angebetet werden oder nicht. Aber man glaubte ihnen nicht. Ich, der Schreiber dieser Geschichte, nehme an, daß die Kaiserin Irene die Sympathien der Juden für ihren gerechten, milden Sohn Konstantin VI., fürchtete der eigentlich hätte Kaiser von Byzanz sein müssen und den sie hatte vom Throne gedrängt. Und da Konstantin den Juden wohl gesinnt war, und auch gegen das Anbeten der Bilder in den Kirchen, darum hätte er bei einem energischen Aufstand die ganze gewaltige Partei der Bilderstürmer und auch die Unterstützung aller Juden für sich gehabt. Das wußte die Kaiserin, deshalb überzog sie mit Krieg und grausamen Strafen die Partei der Bilderstürmer; die Juden aber beschloß sie zu vernichten, namentlich, da dieses Vorhaben wurde gut geheißen vom Papste Leo III. Daher die falschen Beschuldigungen gegen die Juden. Die gefangenen Juden nun, die sich nicht hatten taufen lassen, um dadurch Vergebung ihrer Sünden zu erlangen, die sollten heute hineintreten in den Zirkus und kämpfen um ihre Freiheit mit. den Löwen — ebenso wie die Sklaven. Und zwar Männer und Frauen und Kinder. Dieses sollte den Glanzpunkt des Festes bilden. Und deshalb waren die Straßen so belebt, schon zwei Stunden nach Mitternacht. Denn die Mächtigsten des Landes waren zusammengeströmt, und Zehntausende des Volkes. Die Stadt war überfüllt mit ihnen; sie hatten ihr Lager ausgeschtagen am Meeresuser, auf eine Meile im Umkreis; in den Palästen und in den Hütten des Volkes war kein Platz mehr und auch in den FremdeNhäusern war für jedes Lager zwei Personen, so daß die Gäste schließlich auf den Dächern und den Ruhestühlen, auf den Böden und in den Gärten schliefen. Die große Stadt summte wie ein Bienenkorb, den man gestört hat. nach Sonnenuntergang, und obwohl der große Lärm bedeutend nachgelassen hatte, konnte man doch noch viele treffen, die nach ihren Wohnungen gingen, schreiend und singend. Und die, welche noch nicht ganz betrunken waren, unterhielten sich über die Spiele, die da sollten am kommenden Tage vor ffich gehen, und schlossen wohl auch Wetten ab, wie lange es dauern würde, ehe die Löwen diesen oder jenen würden zerrissen haben. Die Gefangenen, die untergebracht waren im Gefängnisse oben auf dem Berge, einem finsteren Gebäude aus braunem Stein, eingekeilt in Höfen und umgeben mit einer hohen Mauer und einem Graben, konnten deutlich die Arbeiter hören unten im Amphitheater. Das Hämmern interessierte sie, denn viele von denen, die zuhörten, waren verurteilt, das Hauptvergnügen zu liefern am kommenden Tag.. Im äußersten Hof z. B. waren etwa 100 Männer, Sklaven und politische Verbrecher, gefangene Bilderstürmer aus der letzten Revolution. Diese sollten kämpfen gegen die doppelte Anzahl Petschenegen, die noch gefangen waren von ihrem letzten Einfall in Byzanz. Während die Petschenegen zu Pferd sein sollten und bewaffnet mit Schwert und Lanze, aber ohne Schild und Panzer, sollten die Sklaven und Bilderstürmer zu Fuß sein, aber geschützt durch Panzer und Schild. Zwanzig Minuten nach dem Sandglase sollte der Kampf dauern. Wer dann lebte und sich im Kampfe nicht als Feigling gezeigt hatte, dem sollte seine Freiheit gegeben werden. 'Und so waren alle entschlossen, ihr bestes zu leisten. ' Im innern. Hofe dagegen war eine ganz -andere Gesellschaft versammelt. Etwa 50 Personen hatten sich dort in den Winkeln zusammengekauert, oder saßen und lagen aüf den Steinfliesen. Meistens waren es ältere Männer,' denn die jüngeren waren niedergemacht worden im Kampfe gegen ihre Gegner. ' Aber auch . viele unreife Jünglinge, Frauen und Mädchen, sogar Kinder waren da. Nur hier, und da erblickte man einen kräftigen Mann, — die paar, die von hinten wären gefesselt worden mit Stricken. Denn freiwillig gefangen nehmen ließ sich kein Jude von Byzanz in den Jahren, von denen diese Geschichte erzählt, — wußten sie doch alle, daß ihnen noch Schlimmeres als der Tod bevorstand. Diese Gesellschaft nun waren die gefangenen Juden, von denen schon - vorhin die Rede gewesen.'. Es war bekannt gegeben dem Volke, daß, nachdem die Kämpfe zwischen Sklaven, Bilderstürmer und Petschenegen und dann noch einige andere Spiele im Zirkus würden beendet sein, dann diese Juden würden in den Ring getrieben werden und es würden auf sie losgelassen werden wilde Bestien, Löwen und Tiger und andres Getier, zwanzig an der Zähl und wütend gemacht durch tagelanges Hungern. Und die von ihnen, die von den Löwen nicht zerrissen werden würden, die sollten ^rei ausgehen. Dieses also sind in den Jahren, von denen ich schreibe, die Sitten von Byzanz, und die Gefühle ihrer Bewohner, daß man dem Schauspiele, bei' welchem gefüttert werden sollten ausgehungerte Bestien mit den Leibern von lebendigen Frauen und Kindern mit großer, freudiger Erregung entgegensah. In einer Ecke des großen Hofes, in der Nähe des großen Tores, vor dem ein Soldat, die Lanze in der Hand, fortwährend auf und nieder schritt und Wache hielt, saßen ganz allein zwei Frauen. Die Verschiedenheit zwischen beiden war auffallend. Die eine, die nicht älter als zwanzig Jahre sein konnte, war Rachel, die schon erwähnte Tochter des Benoni. Ihr Gesicht war jetzt eigentlich zu mager um direkt bildschön zu sein, ihre dunklen Augen waren dagegen gar herrlich anzusehen und jede Linie ihres Körpers zeugte von nobler Abstammung. Die andere war eine Frau, gar befremdend anzusehen, etwa 40 Jahre alt. Sie war eine Eingeborene der Küste von Lybia, wo sie als Kind von Händlern gefangen genommen und dann in Byzanz als Skavin verkauft worden war. Benoni hatte sie damals erworben,, das heißt, er hatte Wohlgefallen gefunden an der Kleinen und sie freigekauft, denn Juden durften keine Sklaven halten. Und frei war sie in seinen Dienst eingetreten. Die vorstehenden Knochen in ihrem Gesicht, ihr langes, volles Haar, ihre flammenden Augen und die kupferne Haut ließen sofort die echte Araberin in ihr erkennen. Benoni hatte sie denn auch Neschuschta genannt, nach ihrer Hautfarbe. Zu Hause aber hatte sie Nou geheißen und bei diesem Namen wurde sie auch von Rachel gerufen. Neschuschtas hartes, wildes Gesicht zeigte trotz der fürchterlichen Lage, in der sie sich befand, keine Furcht, — nur, wenn sie aus das Mädchen niederblickte, das sie von Kindheit auf bewacht, das da neben ihr niederkauerte, wurden ihre Züge weich und Tränen standen dann in ihren Augen. Bei dem klaren Mondschein konnte man genau jede Bewegung dieser beiden Frauen beobachten, Rachel, auf dem Boden zusammengekauert, hatte ihr Gesicht in beide Hände gepreßt. Sie bewegte ihren Oberkörper unablässig vorwärts und rückwärts und betete dabei. Neschuschta kniete neben ihr, so wie es die Araber zu tun pflegen und starrte vor sich hin. Da ließ Rachel ihre Hände sinken,. blickte empör zu den lichten Wolken und seufzte schwer: „Unsere letzte Nacht auf dieser Welt, Neschuschta," sagte sie wehmütig. „Es ist schwer zu glauben, daß wir nie mehr den Mond sollen sehen dahinziehen über unsere Köpfe."

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