Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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r 213 in die Vergangenheit und so entsteht das verlorene Paradies. Die. Worte nun, die Cohen über das Verhältnis zwischen Mythos und Religion spricht, insbesondere auch über die scharfe Differenz zwischen Mythos und prophetischer Religion sind zu bedeutsam, als daß wir sie dem Leser vorenthalten könnten: „Bei den Propheten hingegen wird der Ursprung der Religion in ihrer Differenz vom Mythos darum so evident und prägnant: daß sie durch den Begriff ihres neuen einzigen Gottes in eine schroffe Opposition zu allem Mythos getrieben werden. Der neue Gott hat dem Menschen verkündet, was gut sei." Und das ist. Recht und Gerechtigkeit zu üben. Die Sittlichkeit allein ist, wie Luther sagen würde, das Amt dieses Einzigen Gottes der Propheten. Und wenn dieser Gott vom Menschen fordert, daß er ihn erkenne und liebe, so fordert er nur, daß er die Sittlichkeit erkenne, liebe und übe. Gott erkennen heißt hier nicht seine Natur und sein Wesen erforschen. Gott kennt die Wege des Menschen und die Gedanken seines Herzens; aber Gottes Wege und Gottes Gedanken sind nicht des Menschen Wege. „Wolltest Du das Geheimnis der^ Gottheit finden?" Der Prophet befreit sich von dem Interesse des Mythos in bezug auf den Menschen und auf Gott. Was die Götter zu bedeuten - hatten, das bedeutet nicht sein Gott. Die Götter waren, wie die Welt und wie das Schicksal, die Gegenstände tiefster Geheimnisse, um deren Lösung der mythische Geist sich bemüht. Gott dagegen soll ein Ausdruck für die Lösung jenes mythischen Welträtsels sein; er darf nicht selbst wieder ein Mysterium und ein Problem des Wissens werden. Problem des Wissens, das einzige des einzigen — denn solche Beschränkung vollzieht sogleich das prophetische Denken — ist die Sittlichkeit; was ist sie? die Antwort auf diese Frage gibt Gott. Er hat nichts anderes zu bedeuten, als diese Antwort zu erteilen. Und er hat daher den Menschen in keiner andern Hinsicht zu interessieren als in dieser einzigen: zu lehren, was Sittlichkeit ist. Nicht was Gott sei, soll Gott mich lehren, sondern was der Mensch sei. Daher wird dieser neue Gott als Einziger gedacht. Die Einzigkeit bedeutet nicht im letzten Grunde den Gegensatz zur Mehrheit, sondern zu allem sonstigen Sein; zu allem, was sonst als Sein gedacht wird. Denn alles Sein ist Natur, ist Fleisch und Blume und Himmelszelt. Der Mensch selbst ist wie ein Wurm. Nirgend ist Sittlichkeit. Gott fordert die Sittlichkeit; das heißt zugleich, er macht sie offenbar; und er verbürgt sie; er ist der Gott der Sittlichkeit. Daher muß seine Art des Seins eine andere sein als die alles Seins der Natur. Diesen Unterschied von der Natur bedeutet die Einzigkeit Gottes". Der Monotheismus der Propheten steht demgemäß in einem scharfen Gegensätze zum Pantheismus, unter dessen Form doch immer nur die Spuren des griechischen Monotheimus sich bewegen. „Der Begriff des Menschen liegt für sie nicht in dem Verhältnisse des Menschen zur Welt, so daß sie für dieses Verhältnis den Begriff Gottes erdacht hätten; sondern erbeschränkt sich mit einer Einseitigkeit, wie sie den großen Standpunkten des Geistes der Menschheit eigen ist, auf das Verhältnis des Menschen zu seiner Sittlichkeit". Die Propheten sind aber nicht nur Prediger der Sittlichkeit, sie sind auch Schöpfer einer neuen Denkrichtung, der Religion. Sie sagen nicht nur: so soll es sein, sie sagen auch: so wird es sein. In dieser letzten Tätigkeit, in ihrer Beschreibung des „ewigen Friedens" übersteigen sie aber die ethische Kompetenz. Der Friede ist der Stillstand. Die Ewigkeit der Sittlichkeit bedingt den ewigen Fortschritt, die ewige Arbeit. „Zu keinem Augenblicke darf ich sagen: verweile doch". Die Wirklichkeit der Sittlichkeit darf nur in der Verwirklichung sich bekunden. sie ist eine Aufgabe und keine Tatsache. Der Begriff der Ewigkeit scheidet sich in dieser Beziehung von dem Begriff der Zukunft. Die Ewigkeit bedeutet nicht die ewige Dauer einer ethischen Zeitphase, sondern nichts anders als „die Ewigkeit des Fortgangs-der sittlichen Arbeit". Was ist .das aber für eine Art des Seins, das die Ewigkeit bezeichnet, und worin sie sich von dem Sein der Natur prinzipiell unterscheiden soll? Es ist das Sein des Ideals. Das Ideal bezeichnet zunächst das Musterbild, das Bild der Vollkommenheit. Es bezeichnet ferner „den Versuch eines Werkes, das nach jenem Vorbild entstanden ist. Und es bezeichnet endlich das Unzureichende des Versuchs gegenüber der absoluten Vollkommenheit. Also Vollkommenheit, Vervollkommnung und das Unvollkommene der Vollkommenheit — diese drei Momente sind auch im ethischen Ideal enthalten, sie bilden das Sein der Ewigkeit: in seiner Absolutheit, in seiner Beziehung auf das Zeitliche, in seiner Differenz zwischen Wirklichkeit und Ewigkeit. Das Ideal allein vertritt das Sein der Sittlichkeit, der ewigen Menschheit; es allein ermöglicht so die Lösung der sittlichen Aufgabe. Die gekundenr Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. V- Joseph diktierte: >^7 Zur selben Stunde, in der der Fremdling von seinen Landsleuten überfallen und beinahe ermordet worden war — also etwa zwei Stunden nach Mitternacht, herrschte in Byzanz trotz der frühen Stunde schon ein sehr reges Treiben. Hatte doch die heilige Synode die Bilder in .den Kirchen heilig erklärt und Papst Leo III. das Vorgehen der Kaiserin Irene gegen die Bilderstürmer gebilligt und gottgefällig genannt. Darauf war ein Aufruhr der Bilderstürmer gefolgt, eine Revolution. Und mit dem Schwerte in. der Hand hatte Irene sie niedergezwungen und gar viele hinrichten lassen, so daß niemand mehr wagte zu behaupten, die Bilder in den Kirchen seien nicht heilig. Und heute sollte der Sieg gefeiert werden. Es war bekannt gemacht worden im Volke, daß Kämpfe stattfinden würden im Zirkus. Eine Anzahl Sklaven sollten mit Löwen um ihre Freiheit kämpfen. Wer lebendig aus dem Zirkus herauskam, kam heraus als freier Mann. Was aber dieser Feier einen ganz besonderen Glanz verleihen sollte, das waren — die gefangenen Juden. Denn wer konnte die Bilderstürmer aufgehetzt haben gegen die gerechte, gütige Königin? Wer sonst als die Juden? Und nachdem die Revolution unterdrückt war, hatte man bei den Juden Nachforschungen gehalten. Man hatte ihre Häuser durchsucht nach Schriften und sonstigen Dingen. Und siehe, im Hause des Benoni, des vornehmste!: und reichsten Juden der Stadt, hatte man gefunden solche Schriften, die es deutlich bewiesen, daß er das Geld hatte hergegeben zum Anschaffen von Pfeilen und Bogen für die Bilderstürmer, und daß er sie hatte beredet einzubrechen in die Kirchen und niederzureißen die Bilder, und daß er hatte die Kaiserin eine Götzendienerin genannt. Und alsbald fanden sich auch Leiste, die aussagten, daß sie Geld erhalten hätten von den Juden, um niederzureißen die Götzenbilder. Da wurden viele Juden gefangen genommen, unter ihnen auch