Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mensch, daß der böse Trieb sich seiner bemächtigen würde, eile er ins Lehrhaus und vertiefe sich in das Gesetzesstudium." Obwohl R. Jsmaek im Hinblick auf die. menschlichen Bedürfnisse das Wort : „Vertiefe dich in die Lehre Tag und Nacht", nicht wörtlich nimmt, so macht er es doch dem Menschen zur heiligen Pflicht, seine freie Zeit ausschließlich dem Studium der Lehre zu widmen : Begnüge dich nicht, lehrt er, mit. deinem Studium in der Jugendzeit, sondern setze es auch im Alter fort, denn du weißt nicht, ob dieses oder jenes dir bleibt, und welchem von beiden der Vorzug gebührt. In seiner Liebe zur Lehre seines Volkes ging er soweit, daß er seinen Schwestersohn, . Eleasar ben .Dama, der ihn fragte, ob er sich mit griechischer Wissenschaft befassen dürfe, dies verbot, indem er ihm zürief: „Wähle dir eine Stunde, die weder Tag noch Nacht ist und studiere dann griechische Wissenschaft." Indessen scheint R. Jsmael lein prinzipieller Gegner fremder Wissenschaften gewesen zu sein, sonst hätte er sich gelegentlich einer Gesetzesentscheidung nicht auf einen Kriminalfall aus der Zeit der Königin Kleopatra berufen. Wir glauben vielmehr, daß es die Sorge um die Erhaltung des jüdischen Volkes und seiner Lehre war, die ihn, vermutlich in den letzten Jahren seines Lebens, gegen alles Fremde und Fremdartige unduldsam machte. Dies zeigt sich auch in seinem Verhältnis zu den Judenchristen in Palästina, die er als Verräter an dem einen einzigen Gott Israels betrachtete, und deren Schriften er am liebsten der Vernichtung preisgegeben hätte. Als sein bereits erwähnter Neffe, Ben Dama, von einer giftigen Schlange gebissen wurde und ein Judenchrist, namens Jacob aus Kefar Sekania, ihn im Namen Jesu heilen wollte, gestattete es Jsmael unter keinen Umständen und als Ben Dama gleich darauf starb, rief ihm Jsmael nach: „Heil dir, Ben Dama, dein Körper blieb rein und deine Seele schied in unbefleckter Reinheit." Da über fein Verhältnis zu feinem ehemaligen Wohltäter und Lehrer Josua ben Chananja nichts Näheres berichtet wird, so dürfte es nicht ausgeschlossen sein, daß im Laufe der Zeit eine gewisse Spannung zwischen ihnen eingetreten sei. Wahrscheinlich waren es politische Meinungsverschiedenheiten, die den Schüler dem Lehrer nach und nach entfremdeten. Denn während dieser als absoluter Anhänger des Friedens stets zum ruhigen Ausharren unter dem römischen Joch riet, scheint Jsmael, in gleicher Weise wie fein Gegner in der Theorie, Rabbi Akiba, sich mit Feuereifer der nationalen Partei angeschlossen und seine ganze Persönlichkeit für die Befreiung des Volkes aus dem-römischen Druck eingesetzt zu haben. Dies geht nämlich aus der Mitteilung hervor, daß Samuel Hakaton in seiner Sterbestunde dem Jsmael ben Elisa einen grausamen Tod prophezeit habe, und, wie die Quellen berichten, soll er der erste jener zehn Patrioten gewesen sein, die ihre Liebe zu Gott und seinem Volke mit ihrem Blute besiegelt haben. Eine Tochter des Kaisers, die Jsmaels außergewöhnliche Schönheit bewunderte, soll, wie eine Sage berichtet, ihren Vater angefleht haben, ihm das Leben zu schenken; allein ihre Bitte fei vergeblich gewesen. Jsmael ben Elisa starb unter gräßlichen Qualen eines schrecklichen Todes : Sein Haupt wurde enthäutet und als traurige Sehenswürdigkeit nach Rom gesandt. Die Ueberlebenden aber, die aus begreiflicher Angst um das eigene Leben nicht einmal ihren Tränen um den entsetzlichen Tod des teuren Lehrers freien Lauf lassen konnten, sahen nun bangenden Herzens den kommenden Tagen entgegen, und selbst der sonst unerschrockene Rabbi Akiba erbebte beim Gedanken an-die Zukunft und rief in herzzerreißender Klage dem trauernden Kreise den ach, so traurigen Trost zu: „Macht euch alle ans den Tod gefaßt; denn gar schreckliche Tage stehen uns bevor!" Israels arme Töchter aber, für welche Jsmael ben Elisa wie ein liebevoller Vater zu sorgen pflegte, stimmten auf ihn, so oft sie seiner gedachten, jenes alte Klagelied an, das einst der königliche Sänger beim Tode des auf dem Felde der Ehre gefallenen ersten Königs in Israel angestimmt hatte: Weinet, Töchter Israels, um euren Beschützer, der nun dahin ist!" tzermonn Cohens „Lthik des reinen Wittens." Von Dr. B. Kellermann. VIII. er Unterschied zwischen Selbstgesetzgebung und Selbstbestimmung tritt klär hervor: In der Selbstgesetzgebung handelt es sich um die Begründung jener Gesetze, welche der Aufgabe des Selbst entsprechen. In der Selbstbestimmung handelt es sich um die Erzeugung jenes Begriffes, der die Realisierung der allgemeinen Selbstaufgabe durch Auflösung in einzelne Aufgaben, in Wirklichkeiten, in Handlungen ermöglicht. Dort ist das Selbst nur allgemeine Direktive, hier ist es der durch das Selbst idealisierte Affekt, die Begründung und Neuerzeugung des „reinen" Affekts. Auf der Höhe dieser Begriffsentwicklung springt auch der Unterschied zwischen Kant und Cohen lebhaft in die Augen. Bei Kant ist das Selbst Tatsache, wenn vielleicht auch nur als Muster und Vorbild, bei Cohen jedoch ist es Aufgabe und zwar eine solche Aufgabe, die nicht nur nicht endgültig gelöst werden kann, sondern auch in jedem Augenblick als Aufgabe neu erzeugt werden muß. Und in dieser ewigen Neuerzeugung realisiert sich erst das Selbst. Ohne die Beschränktheit des Selbstbewußtseins auf die ewige Neuerzeugung der bestimmten Einzelausgaben und deren Lösungen ist das Selbst nicht zu verwirklichen. „Selbstbewußtsein ist Selbstbestimmung." Die Selbstbestimmung aber, d. h. die in den einzelnen Handlungen sich kundgebenden Neuschöpfungen des Selbst stellen eine Art Freiheit dar. . Diese Freiheit setzt . aber in dem Vorsatz zur Handlung die Erkenntnis des Kausalzusammenhanges zwischen meiner Handlung und dem Schicksal des anderen voraus. Mithin hat diese Art der Freiheit geradezu als eine Bestätigung des allgemein gültigen Kausalgesetzes zu gelten. Indessen erhebt sich hier eine neue Frage: Wir sagten, daß die Selbstbestimmung die Normalität des kausalen Denkens voraussetze. Wie verhält es sich aber, wenn das kausale Denken selbst unter dem Zwange innerer-oder äußerer Kräfte zustande käme, so daß gleichsam die Handlung die Bedingung des kausalen Denkens wäre? Welcher Begriff sichert die Priorität des kausalen Denkens als die conditio sine qua non der Selbstbestimmung? Die S elb stverantwortung. Die Selbstverantwortung hat vor allen Dingen die „Freiheit des kausalen Denkens" gegen die verschiedensten Angriffe sicher zu stellen. In erster Instanz ist es der Mythos, der in dem Schicksale, in der Schuld das Individuum von der Pflicht der Selbstbestimmung entlastet. „Das Böse ist die Schuld. Und die Schüld ist das Verhängnis. Der Mythos nimmt an der Verbindung dieser Begriffe keinen Anstoß." Erst in der Poesie, besonders in der Tragödie, wird das Schicksal in seinen Ansprüchen auf den/ Alleinbesitz der Freiheit des Individuums entrechtet: -„Das Schicksal des Geschlechts muß sich mit der Schuld des - Individuums. verknüpfen." In zweiter Instanz ist es die