Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · p. Seite 210

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228655--61684-3275518
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schriftauslegung durchaus methodisch -zu Werke, stellte für die Ableitung der Tradition aus. der Heiligen Schrift dreizehn bestimmte Regeln auf.und verwarf auch die sinnreichen und geistvollen 'Herleitungen Akibas, wenn er sie nicht mit Hilfe der von ihm angewendeten dreizehn Auslegungsregeln in den .Worten der Schrift ausdrücklich,begründet fand. So wendet er sich einst gegen Akiba, der aus einem scheinbar überflüssigen Buchstaben der Heiligen Schrift die Strafe des Feuertodes-für eine verheiratete ehebrecherische Priestertochter folgerte, mit den Worten: „Und wegen eines Buchstabens möchtest du die Frau dem Feuertode preisgeben?" Ebenso widersprach er. Akiba, der aus Numeri 15, 31, weil dort der Ausdruck „ausgerottet" wiederholt wird, die Ausrottung der Götzendiener aus dieser wie aus der kommenden Welt herleitete, mit dem treffenden Bemerken: . „Sollte, weil inder Schrift ein Wort mehr angeführt ist, die Seele eines Menschen gänzlich ausgerottet werden?" Aus diesem Grunde wohl ging von seiner Schule die Lehre aus, daß selbst derjenige, der sich aus Not an einen Götzentempel als Sklave verkauft hat, von seinen Angehörigen losgekauft werden müsse. An das Gesetz von dem Sühnegeld, durch das ein der Todesstrafe verfallener -sich loskaufen kann (Exod.. 21, 30), knüpft Jsmael die Betrachtung: „Komm und sieh das Erbarmen Gottes über den Menschen, daß er es diesem gestattet, sich dem vom Himmel über ihn verhängten Tode durch Sühne zu entziehen." Das strenge Sabbatgefetz, lehrte er, darf,-wenn es sich um die Rettung eines Menschenlebens handelt, ohne weiteres übertreten werden. Als Hadrian die Widerstandskraft der Juden dadurch zu brechen versuchte, daß er ihnen, wie einst Antiochus Epiphanes, bei Todesstrafe die Betätigung ihrer religiösen Vorschriften untersagte, erklärte Jsmael im Gegensatz, zu vielen seiner Zeitgenossen, die der geringsten Gesetzesübertretung den freiwilligen Tod vorgezogen wissen wollten: Um das Leben zu erhalten, dürfe man, wenn kein anderer Ausweg vorhanden sei, sämtliche Religionsgesetze übertreten; denn in der Lehre stehe geschrieben: „Der Mensch soll durch die Ausübung der Gebote leben, aber nicht sterben." Nur wenn man zur öffentlichen Götzenanbetung gezwungen wird, da soll man, um nicht den Namen des einen einzigen Gottes entweihen zu müssen, lieber den Märtyrertod erleiden. Für alle Vergehen, lehrte er, gibt es eine Sühne, nur nicht für die Entweihung des göttlichen Namens; diese Schuld wird höchstens durch den Tod gesühnt. Unsägliches Weh spricht zu uns aus feiner Schilderung der traurigen Lage, in der die Juden in jener unheilfchweren Zeit sich befanden: „Da das frevelhafte Rom uns so hart bedrückt, uns hindert, nach den Gesetzen unseres Gottes zu leben, unsere Söhne seinem mit Abraham geschlossenen Bunde zu weihen, müßten wir ja, um dem Religionszwang und den mit ihm verbundenen Leiden zu entgehen, uns zur größten Enthaltsamkeit, zum Zölibat entschließen, und die Nachkommenschaft Abrahams würde dann von selbst erlöschen; allein es ist doch ratsamer, zeitweise die Religionsgesetze zu übertreten als Erschwerungen einzuführen, die das Volk unmöglich würde beachten können." Indessen verließ ihn nie die Hoffnung, daß für sein schwerbedrängtes Volk dereinst eine bessere Zeit anbrechen werde. Sein felsenfestes Gottvertrauen ließ seinen Geist einen neuerbauten Tempel auf dem Berge Zion erblicken, so daß er, als er einmal ein rabbinische Vorschrift, übertreten hatte, auf seine Tafel schrieb: „Jsmael ben Elisa hat am Sabbat die Lampe geneigt und wird, wenn, der Tempel , wieder erbaut wird, dort eine Sühnopfer darbringen." Die Liebe zu seinen Glaubensgenossen kam bei ihm so intensiv zum Ausdruckdaß er sich bei deren Erwähnung nicht selten der Redewendung bediente: Möge ich doch anstatt ihrer leiden, ich ihre Sühne sein." . - - _ . , - , In der Liebe zu seinem Volke wurzeln auch viele .seiner Lehren, von welchen der Talmud uns berichtet, daß sie.- denjenigen, die sie befolgten, zum Segen gereichten. Das Wort der Heiligen Schrift: „Das Wort der Lehre weiche nicht von deinen. Lippen, sinne darüber Tag und Nacht," erklärte er, fei nicht wörtlich zu nehmen, sonst hätte die Schrift keine Normen für Arbeit, Ackerbau und Gewerbe aufgestellt. Die Armut verglich er mit einem Rad, das sich ewig drehe. Des Menschen Pflicht aber sei es, durch fleißige Arbeit den Segen des Himmels zu erringen. Der Mensch gewöhne sich an eine edle Ausdrucksweise, halte sich fern von Unanständigem und Häßlichem und richte seine Aufmerksamkeit bei der Ausübung der . Gebote auch auf eine schöne Form derselben. Ganz im Sinne seines Lehrers Josua ben Chananja tadelte er mit bitteren -Worten denjenigen, der nicht in den Ehestand trat, sorgte väterlich für Witwen und Waisen und scheute keine Opfer, wenn es galt, ein armes Mädchen zu verheiraten. Als ihm einst hinterbracht wurde, daß jemand von seiner Verlobten wegen ihrer Armut böswillig gelassen, nahm er das Mädchen in sein Haus, pflegte es eine Zeitlang aufs sorgfältigste, ließ einen ihm fehlenden Zahn durch einen künstlichen ersetzen und schmückte es mit schönen Gewändern. Dann ließ er den Verlobten kommen und fragte ihn, indem er ihm das Mädchen entgegensührte, ob es denn wahr sei, daß er sein Verlöbnis mit dieser hübschen Jungfrau rückgängig machen wolle. Ass der junge Mann, von der Anmut und Schönheit des Mädchens angenehm überrascht, erwiderte: „Nein, von dieser hier möchte ich nicht lassen," da weinte Rabbi Jsmael und sprach: „Wahrlich! Die Töchter Israels sind schön und nur die Armut ist es, die sie entstellt." In gleichem Maße wie er.bestrebt war, das Verhältnis der Menschen zu einander durch Lehren über Recht und Billigkeit so günstig als möglich zu gestalten, dachte er auch daran, den Menschen über sein Verhältnis zu Gott aufzuklären, der Gutes belohnt und Böses bestraft. Die Frage, wer eigentlich die Strafe für eine begangene böse Tat verdiene, der Leib, der sie ausführt, oder die Seele, die sie anregt? beantwortete er durch folgende Fabel:. Ein Fürst besaß einen schönen Garten voll edler Früchte, mit dessen Bewachung er einen lahmen und einen blinden Wächter betraute. Als der Lahme einiges Tages dem Blinden von den schönen Früchten erzählte, und dieser wie jener nach dem Genüße derselben verlangte, verfielen sie aus den Gedanken, daß sie nur dann zu ihrem. Ziele würden gelangen können, wenn der Lähme auf die Schultern des Blinden steigen würde. Als der Fürst, über den in so raffinierter ^Veise ausgeführten Diebstahl erzürnt, die ungetreuen Wächter wegen ihrer Freveltat zur Rede stellte, leugneten sie auf ihre ihnen anhaftenden Gebrechen hinweisend, die Tat begangen zu haben. Doch der Fürst ließ sich nicht irreführen: er befahl, den Lahmen auf die Schultern des Blinden zu heben und beide gewissermaßen als^ eine Person bestrafen. Ebenso, meinte Rabbi Jsmael, verfährt Gott mit dem Menschen, für dessen Sünden er Leib und Seele zusammen zur Verantwortung zieht. Mit eindringlichen Worten mahnt Rabbi Jsmael den Menschen, jede Regung des Hasses gegen den Nächsten im Keime zu unterdücken und sich sowohl vor Verleumdung wie vor dem Anhören sündhafter, die Ehre des Menschen herabwürdigender Reden zu hüten. „Das Ohrläppchen," sagte er, „ist aus dem Grunde weicher als die Ohrmuschel, damit der Mensch beim Anhören sündhafter Reden es zum Verstopfen der Ohröffnung benutze. Fürchtet aber der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.