Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · p. Seite 209

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228655--61683-3275517
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Erfolg, daß der eine bald darauf zum Oberlehrer ernannt wurde, während der andere noch immer als. Hilfslehrer an einem kleinen Proghmnasium beschäftigt wird. - Die 16 jüdischen Oberlehrer, die außer jenen 54 an preußischen nichtjüdischen höheren Lehranstalten tätig sind, waren im Schuljahr 1895,96 noch nicht im „Kunze" verzeichnet, womit freilich nicht gesägt ist, daß sie damals noch nicht anstellungsfähig gewesen wären. Manche haben sich eben erst nachträglich in die Liste eintragen lassen, um sich dadurch die Möglichkeit zu verschaffen, zunächst als Hilfslehrer beschäftigt zu werden. 2 von ihnen waren vorher an jüdischen Anstalten außerhalb Preußens als Oberlehrer tätig und haben so den Vorteil gehabt, daß ihnen ein großer Teil ihrer auswärtigen Dienstjahre bei der Uebernahme in den Schuldienst einer preußischen Stadt angerechnet wurde, während sowohl der Staat wie die Stadt Berlin den Oberlehrern bei der definitiven Anstellung nur das Ansangsgehalt zahlt, ohne jede Anrechnung von Hilsslehrerjahren, die bei einzelnen recht beträchtlich gewesen sind. Die 7 jüdischen Oberlehrer z. B., die der Staat in den letzten 10 Jahren angestellt hat, haben ein Dienstalter von 7 bis 14l/s Jahren von der Anstellungsfäbigkeit bis zur Anstellung aufzuweisen (im Durchschnittt 10 Jahre 11 Monat), während die 4 älteren staatlichen Oberlehrer jüdischen Glaubens bedeutend schneller zur Anstellung gelangt sind (im Durchschnitt 274 Jahre). In: ganzen sind in dem 3. bis 11. Jahrgang des „Kunze" 29 anstellungssähige jüdische Kandidaten verzeichnet, die im 2. Jahrgange noch nicht ausgeführt worden sind. Von diesen sind 15 Oberlehrer geworden (davon 10 in Berlin, 1 in Charlottenburg, 2 in Schlesien, 1 in Frankfurt a. M., 1 in Bromberg); 4 sind ausgeschieden, die übrigen werden noch in der Liste der Kandidaten geführt. Die meisten jüdischen Kandidaten hat Berlin gehabt. Von den 37 Kandidaten des Schuljahres 1895/96 waren 24 in Berlin ansässig, 2 in Ostpreußen, 3 in Westpreußen, 1 in Posen, 2 in Schlesien, 1 in Sachsen und 4 in Hessen-Nassau. Von den 29 Kandidaten, die nach jener Zeit hinzugekommen sind, waren 17 in Berlin, 1 in Westpreußen, 9 in Hessen-Nassau, 1 in Hannover, 1 in Schleswig-Holstein. Pommern, Westfalen und Nheinprovinz sind in dem Dezennium ohne jüdische Kandidaten gewesen. vr. M. G. Ismsrl bm Llils. Von Albert Katz.9 1Tnter den vielen Kriegsgefangenen, die von dem Besieger Jerusalems nach Rom weggeführt und dort in Staatsgefängnissen untergebracht wurden, befand sich auch ein Sohn des Hohepriefters Elisa, der bildschöne, in noch zartem Jugendalter stehende Jsmael, der wie so mancher seiner unglücklichen Genossen von den harten römischen Machthabern zu einen: Leben der Schande ausersehen war. Als Josua ben Ghananja, der sich um diese Zeit vorübergehend in Rom aufhielt, von dem traurigen Schicksal Jsmaels Kenntnis erhielt, beschloß er, ihm die Freiheit zu erkaufen. Er begab sich an den Ort seiner Gefangenschaft und richtete in der Vätersprache an ihn die Frage: „Wer ist es, der Jakob dem Elend und Israel den 9 Aus einem demnächst im „Verlag für moderne Literatur" erscheinenden Buche des Verfassers, das den Titel führt: „Biographische Bilder aus der jüdischen Geschichte und Sage", und auf das wir schon eht die. Aufmerksamkeit der.Leser le t?e.t m.iX.'.t Die Red. Unterdrückern preisgegeben hat?" Als Jsmael ohne sich lange zu besinnen, erwiderte: „Der Ewige, unser Gott ist es, gegen den wir gesündigt, indem wir seine Wege vernachlässigt und seine Lehre verworfen haben," sprach Josua: „Ich hoffe zuversichtlich, daß dieser Knabe dereinst seinem Volke zum Ruhme gereichen wird," und er erlegte mit Freuden das für dessen Freilassung geforderte Lösegeld. Jsmael kehrte alsdann nach Palästina zurück und widmete sich mit großem Eifer dem Studium der Lehre, indem er abwechselnd bald-die Vorlesungen seines väterlichen Freundes Josua, bald die des wegen seiner außerordentlichen Frömmigkeit und logischen Lehrweise berühmten Nechunja ben Hakana hörte. Von der Vorsehung mit herrlichen Geistesgaben begnadet, gelang es Jsmael schon nach verhältnismäßig kurzer Studienzeit, die Lehre Israels in allen ihren Zweigen mit seltener Meisterschaft zu umfassen und durch Unterweisung fortzupflanzen. Wie um nur wenige der berühmtesten Männer seiner Zeit, sammelte sich bald um ihn ein großer Kreis von wißbegierigen Jüngern, die, von seiner Geistesschärfe angezogen, seine Lehren und Sentenzen mit großer Begeisterung aufnahmen und der Nachwelt überlieferten. Um ein einigermaßen klares Bild von seinem Leben und Wirken zu gewinnen, müssen wir uns in seine Lehren vertiefen, die, Licht verbreitend, dem jüdischen Stamme aus seiner Wanderung durch die Welt als Wegweiser , dienten, seine scheinbar geschwächten Kräfte stärkten und seine finstere Leidensnacht erhellten. Jsmaels Leben und Lehre standen unter dem Banne der Liebe zu seinem Stamme, dessen Bestand er für immer gesichert wissen wollte. Ganz im Geiste Josuas, der Mißgunst und Haß gegen Menschen als die Hauptquelle aller menschlichen Leiden bezeichnete, lehrte auch Jsmael: „Sei willig gegen Vorgesetzte, nicht herrisch und schroff gegen die Jugend und nimm jeden Menschen mit Freuden auf." Diesem seinem Grundsatz getreu, befleißigte er sich im Umgänge mit seinen Freunden so großer Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit, daß sie ihn häufig mit „Bruder" anredeten Und in aufrichtiger Liebe und Verehrung ihm anhingen. Selbst Elieser ben Hhrkanos und Akiba, mit denen, insbesondere mit dem letzteren, er häufig um die richtige Auslegung der überlieferten Gesetze und Vorschriften in Streit geriet, lebten sonst in gutem Einvernehmen mit ihm und benutzten jede Gelegenheit, um ihm ihre Teilnahme an seinem Ergehen zu bekunden. Als einst Jsmael durch den plötzlich erfolgten Tod seiner Söhne in Trauer versetzt war, befand sich unter den vier Weisen, die einen beschwerlichen weiten Weg zurücklegten, um den unglücklichen Vater zu trösten, auch der in Wissenschaft^ lichen Diskussionen öfters von ihm angegriffene Rabbi Akiba, der den Trauerfall des kampflustigen Freundes mit der Trauer um den Fall Jerusalems verglich. Was für ein hohes Ansehen Jsmael in den weitesten Kreisen des jüdischen Volkes genoß, bekunden an: treffendsten die von der Nachwelt ihn: beigelegten Ehrentitel. Infolge seiner hervorragenden, alle Gebiete der damaligen Wissenschaft umfassenden Gelehrsamkeit verglichen sie ihn, nach der damaligen Redeweise, „mit einem vorzüglich sortierten Warenlager", nannten ihn „Vater der Welt" und sagten, wer von ihm träumte, der dürfe auf Weisheit hoffen. Diese Ehrentitel gebührten ihm in vollem Maße schon wegen seiner lichtvollen Auffassung und Interpretation der Heiligen Schrift, die, wie er sich ausdrückte, sich stets der Menschensprache bediene und mit ihren Lehren nichts anderes bezwecke, als das Leben der Menschen glücklich zu gestalten. Im Gegensatz zu Rabbi Akiba, der seine religionsgesetzlichen Normen nicht selten auf ein müßiges Wort, einen' überflüssigen Buchstaben, ja sogar schon auf ein über manchem Buchstaben prangendes Häkchen stützte, ging Jsmael bei der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.