Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Schweigen zum bringen und nach dumpfer \ Mutlosigkeit - die ganze Nation mit fester Zuversicht, mit stolzem Selbstbewußtsein, .im Glauben an sich selbst und an die Idealedie Schiller besungen,, zu erfüllen, dürfen wirda nicht der Hoffnung Raum gewähren, daß auch alle. Irrungen und Wirrungen, 'die die Herzesi entzweien und die Geister trennen, wie Nebel vor dem aufsteigenden Sonnenlicht wieder verschwinden. werdend Schiller ist ein Zeuge unserer Kraft und unseres Vermögens, -die Einigkeit immer wieder zu finden, die uns im Getriebe des^ Alltags so oft abhanden zu kommen droht. Und darum sammelt sich das deutsche Volk in der Glorie seines Namens und darum Preisen die deutschen Juden seine Dichtungdie ihnen wie ein Abglanz des Göttlichen und Ewigen erscheint, das ihre Propheten und Psalmisten ihnen vor . Jahrtausenden verkündet haben. So mag es bei der Feier des Schillertags uns ein besonders erhebender Gedanke sein, daß in diesem Dichter die Vorsehung der Menschheit ein Gut und einen Schatz gegeben hat, an dem sich unser aller Bewußtsein immerdar aufrichten kann. Mögen wir von ihm lernen die Begeisterung für alles Hohe und Herrliche, und wie er durch die gewaltigen Schwierigkeiten hindurch feinem Genius Bahn brach und durch die Energie seines Willens, sich zu der freien Höhe seines Wirkens -und Schaffens erhob. Wie er der Not und dem Tod sein Leben und seine Dichterexistenz abtrotzte, so möge er ein Vorbild des Ringens uns allen, der Jugend wie dem Mannesalter, werden. Das ist die rechte Schillerfeier. Dann wird der Genius des Dichters würdig von seinem Volke geehrt, und das hehrste Standbild wird ihm dann in unfern Taten errichtet. Wir aber freuen uns dieses Tages. Die Tiefe der Ueberzeugung, welche den Dichter beseelte, ist das elektrische Feuer, das sich auch uns noch mitteilt und unsere Stimmung mit dem hohem Mute erfüllt, der für das Ideal zu kämpfen, zu leiden und, seines Sieges gewiß, auch zu sterben bereit ist. Froh, wie Gottes Sonnen fliegen Durch des Himmels prächtigen Plan, Lauset, Brüder, eure Bahn, Freudig wie ein Held zum Siegen! s Die Mache. Berlin, 2. Mai. bekannt, in welcher Weife unsere Feinde die Ergebnisse der Statistik gegen uns gelegentlich zu verwerten suchen. Da ist es denn interessant, ein Urteil von einer Seite, der man Voreingenommenheit für die Juden sicher nicht .zuschreiben kann, über derartiges Treiben zu vernehmen. Die „Germania" nämlich ist es, die in einem Artikel „Mißbrauch der Statistik oder falsche Moralstatistik" sich sehr scharf gegen die Art wendet, mit der man häufig mit allerhand Zahlenmaterial den sittlichen Wert oder die Wertlosigkeit der einen ader anderen Konfession zu beweisen sucht. Wenn man so Moralstatistik treibe, komme man zu dem Schluß: also ist der Protestantismus gebrandmarkt durch den Selbstmord seiner Bekenner, der Katholizismus durch die Körperverletzungen und das Judentum durch die Betrugsvergehen ihrer Bekenner. Ferner bemerkt die „Germania" wörtlich: Und doch ist dieser Schluß so falsch, wie nur etwas falsch sein kann. Denn er berücksichtigt nicht die soziale Stellung, die ökonomische Lage und die Berufe der Delinquenten. So ist das Vergehen des Wuchers, Bankerotts und der Zuwiderhandlung gegen § 147 der Gewerbeordnung eben ein nicht der mosaischen Religion, -Fmrdern^deiw Handel und - Gewerbe eigentümliches Vergehen. Wer nun weiß, in - welchem Maße die Juden an. diesen Berufsarten beteiligt sind, hat sofort den Schlüssel für die größere Belästzmg der . Juden au diesen Delikten. Eine gerechte Statistik müßte also, berechnen, wieviel chändeltreibende Juden kommen auf handeltreibende. Christen 's und. .wieviel Juden sind im Verhältnis zu Christen wegen Wuchers re. bestraft worden. Eine gerechte Statistik muß aber bei den Katholiken auch deren wirtschaftliche Lage berücksichtigen. Nun ist. es ja kein. Geheimnis, daß die Katholiken im allgemeinen in einer -schlechteren wirtschaftlichen Lage sich befinden. Es handelt sich für die Bewertung einer Konfession um den Grad der Religiosität, das Leben nach dem Glauben und den Einfluß der religiösen Vorschriften -auf die Handlungen des Einzelnen. Davon aber kann die Moralstatistik nicht das Allergeringste aussagen. Und doch wäre das für ein objektives Ergebnis die Hauptsache. Wir. geben der Reichsstatistik , (Band 69, II, 37) Recht, wenn sie ihre Betrachtungen über den Zusammenhang zwischen Religion und Verbrechen mit den Worten schließt: „Es kann nicht nachdrücklich genug davor gewarnt werden, solche Daten zugunsten oder ungunsten dieses oder jenes Glaubensbekenntnisses in dem Sinne zu verwerten, daß dadurch eine Wirkung desselben auf die Kriminalität erwiesen sei." Wir werden wohl noch öfter Gelegenheit haben, an dieses Urteil erinnern zu müssen. Auch in der freien Schweiz macht man seit einiger Zeit Versuche, den russischen Juden, die dort im wahren Sinne des Wortes das Asylrecht beanspruchen, Schwierigkeiten in den Weg zu legen. So soll u. a. die Luzerner Regierung die Erteilung von Hausierpatenten an siebzehn in Luzern wohnhafte russische Juden verweigert haben, gemäß der dortigen Gesetzesbestimmung, wonach Angehörigen fremder Staaten, die mit der Schweiz nicht im Vertragsverhältnis stehen, oder nicht Gegenrecht halten, kein Hausierpatent erteilt werden soll. Die siebzehn Russen rekurrierten an den Bundesrat und ließen durch die russische Gesandtschaft in Bern feststellen, daß in Rußland der Hausierhandel von In- und Ausländern ausgeübt werden dürfe und den Schweizern Gegenrecht gehalten werde. Der Bundesrat wies aber trotzdem den Rekurs ab, indem er geltend machte, die Erklärung der Gesandtschaft erfahre durch die tatsächlichen Verhältnisse insofern eine Einschränkung, als die Juden in Rußland nur in einem Ansässigkeitsrahon Handel treiben dürfen und auchsonst mancherlei Beschränkungen unterworfen seien. Diesen. Beschränkungen würde aber auch ein schweizerischer Jude in Rußland unterliegen. Daher sei der Nachweis des vollen Gegenrechts nicht erbracht und die Verweigerung der Hausierpatente im vorliegenden Falle, zu Recht erfolgt. Ob in Luzertt nichtjüdischen Russen die Hausierpatente mit Recht verweigert werden könnten, ist freilich damit nicht entschieden. * Es ist kein jüdisches und nicht einmal ein jndenfreundliches Blatt, welches zu der englischen Fremdenbill die. folgenden, leider durchaus zutreffenden Bemerkungen macht. Die „Tägliche Rundschau" nämlich läßt sich über den neuen Gesetzentwurf berichten, von dem bei seiner Einführung im Parlament der Homc-Secretary sagte, er sei bedeutend milder als derjenige, der durch die liberale Partei zu Fall kam. Der Home-Secretarh erklärte in der Lage zu sein, zu beweisen, daß die Zahl der unerwünschten Ausländer gewachsen sei. Die Uebelstände, die diese Einwanderung mit sich bringen, seien Uebervölkerung, Leben unter ungesunden Verhältnissen, Jmmoralität und Steigerung der Verbrecherliste: Die Zahl der Verbrecher fremdländischer Herkunft wachse fortwährend, absolut und relativ. Die Regierung sei fest entschlossen, dieser organisierten Einfuhr unerwünschter Elemente ein ^nde zu machen, und sie könne sich nicht daraus beschränken, nur.