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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-05 · Heft 18 (5.5.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 18. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeler. Begründet von Rabbiner 2>*- Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. 2llle Zusendungen für Rcdcrklion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8XV., Ierusalemer Straße <*6/49, zu richten Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. j Schiller. Berlin, 4. Mai. ^^as ganze deutsche Vaterland feiert in diesen Tagen das Andenken seines edelsten Dichters und wir deutsche Juden feiern dieses Andenken mit verdoppelter Innigkeit. Gerade in solchem Augenblick fühlen wir es mehr als je, daß wir Deutsche sind und bleiben werden, daß die ganze häßliche Agitation, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert sich bemüht, yns unser Deutschtum abzusprechen und das^deutsche Volk uns zu entfremden, nicht vermocht hat, unsere Treue zu erschüttern, unser deutsches Fühlen und Empfinden auch nur im geringsten zu beeinträchtigen. Schiller ist ohneLZweisel der deutscheste Dichter. Und Schiller ist auch mehr denn ein Jahrhundert hindurch der Lieblingsdichter der deutschen Juden gewesen und geblieben. An dieser Tatsache ist nichts zu deuteln und nichts zu ändern. Sie spricht vernehmlicher als alle Theorien des Rassenhasses und des antisemitischen Fanatismus. Sie ist das Zeugnis, das die Geschichte einst den deutschen Juden ausstellen wird. Mit den ersten Lichtstrahlen, die in die enge Judengasse des achtzehnten Jahrhunderts fielen, zogen auch die Gedanken Lessings und Schillers dort ein und zündeten mächtig in den sehnenden Gemütern der Jugend. Selbst durch .die finsteren Ghettomauern des Ostens drangen, wie der liehliche Klang der Verheißung besserer Tage und lichterer Zeiten, Schillers Gedichte und entflammten dort die strebende Jugend zu hohen Idealen, zu Heller Begeisterung für die Ideen der Kultur und des Fortschritts. Der größte Kulturträger des Ghetto ist Friedrich Schiller gewesen. Diese Tatsache können alle bezeugen, die die geschichtliche Entwicklung aufmerksam verfolgt haben. Worauf beruhte aber die Beliebtheit gerade dieses Dichters, der doch kaum ein einziges Mal für die bedrückten Juden das Wort ergriffen, ja, der ihnen im Gegenteil in seiner „Sendung Mosis" sogar recht weh getan hatte, bei den Juden aller deutschsprechenden Länder und weit darüber hinaus^? Auf diese Frage'hat ein hervorragender jüdischer Denker, und zwar einer der strengsten Richtung in unserer Gemeinschaft,, schon als der hundertste Geburtstag Schillers in allen deutschen Gauen gefeiert wurde, die treffende Antwort. gegeben: Der Gedankenkreis Schiller'scher Dichtung, ist es nicht der Boden unserer^ Weltanschauung, dem sie entstammt? Ist es nicht unsere Lebensanschauung, wie sie in der Bibel, in den prophetischen und späteren Sittenbüchern zu finden, die in allem diesem lebt und webt? Diese heitere Anschauung der Lebensbestimmung, diese in frohem Bewußtsein erfüllter Lebensbestimmung vor Gott zu findende Freude, dieses Verständnis Gottes in seiner Allmacht Tempel der Natur, und diese Heiligkeit des Hauses und die hohe Bedeutung des Weibes: das Haus im Weibe und das Weib im Hause, dieser Staatenbau auf Gesetz in der Freiheit und der Freiheit im Gesetz, diese göttliche Gleichheit jedes gottgeborenen Menschen, dieser gleiche Adel und gleiche Wert und diese gleiche Würde jedes gottgeweihten Menschenlebens — sind das, fast bis auf den Wortausdruck, nicht Blüten von dem Baume unseres religiösen Denkens und Empfindens? Sind es nicht Keime jenes Gottesvermächtnisses, das das Judentum seit Jahrtausenden für die Menschheit gepflegt und die nun immer mehr, bewußt und unbewußt, aufgehen in der Brust der Menschheit und ihre Erleichterung und Veredlung vollenden? Wenn Schiller die Menschen hinausführt in den Kreis der Endlichkeit und ihnen den Unendlichen in seiner Allmacht zeigt, wenn er es versteht, über alle Prüfungeu des Lebens sie mit der Hoffnung zu trösten, daß einst bessere Tage kommen müssen, wenn er den Odem der Freiheit in ihnen weckt und den Preis der Tugend verkündet, wenn er der Freude am Leben und an den Menschen sein unsterbliches Trinmphlied singt, wenn er allen Elenden und Leidenden zuruft: Duldet mutig, Millionen! Duldet für die bessere Welt! Droben über'm Sternenzelt Wird ein großer Gott belohnen... Sind es nicht, so dürfen wir heute wohl mit Recht fragen, die Gedanken und Anschauungen, die auf dem Geistesboden Israels hervorgekeimt, mit denen er sich in das Herz des deutschen Volkes hineingesungen und für welche jetzt das ganze'Volk Schiller den Jubel seines Herzens entgegenbringt? Daß aber heute ein ganzes Volk dem Geiste, und zwar dem sittlich veredelnden Schillerschen Geiste seine Huldigung darbringt, das dürfen wir als eine Dämmerung jenes Morgenrots begrüßen, wo die Menschen einst .alle ausstehen werden und die Binde vollends von ihren Augen fallen wird, und die Gemüter und die Geister wach werden und man endlich auf dem weiten Erdenrund begreifen wird, daß die Menschen nur Menschen zu sein brauchen, um sich auch gut und glücklich auf Erden unter ihrem ewigen Vater im Himmel zu finden. Auf diesen Gedanken und Erwägungen beruht die Beliebtheit Schillers bei den Juden vom Ende des 18. Jahrhunderts bis auf diesen Tag. Darum feiern wir Schiller und darum gerade feiern wir ihn mit besonderer Freude und Innigkeit. Denn wenn der Zauber seines Namens es nach langen trüben Tagen zum erstenmal wieder vermocht, den Zwist der Parteien zum

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