Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 17. Berlin, 28. April 1905. Beilage zur „Allgemeinen Leitung heg Judentums" korrrlpondrn-m und Nachrichten. Deutschland. S. Berlin, 26. April. Unter nicht weniger als 44 Bewerbern wurde, wie wir seinerzeit meldeten, der Historiker Dr. Moritz Stern in Charlottenburg zum Leiter der jüdischen Gemeindebibliothek 'gewählt. Der Gewählte, bisher als Rabbiner und Schuldirektor in Kiel, Fürth und Berlin tätige hat durch zahlreiche' Werke die Geschichtswissenschaft des Mittelalters gefördert. Von ihm darf unt Sicherheit erhofft werden, daß er im Verein mit der Bibliothekkommission die sich von Jahr zu Jahr vergrößernde Gemeindebibliothek zu einem Musterinstitute ausbauen und zu einem Mittelpunkte aller derer machen wird, die sich mit der Vergangenheit und Gegenwart des Judentums historisch, literarisch oder statistisch beschäftigen. Ein Schüler Weizsäckers und Breßlans hat sich Dr. Stern besonders der quellenmäßigen Erforschung der mittelalterlichen Geschichte der Juden zugewandt und für diesen Zweck die bedeutendsten Bibliotheken und Archive Deutschlands, Oesterreichs und Italiens durchforscht. Von Sterns Forschungen liegt bisher nur ein kleiner Teil gedruckt vor, doch beläuft sich selbst dieser — von Aufsätzen in Zeitschriften ganz abgesehen — auf 24 selbständige Werke. Im Aufträge der Historischen Kommission des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes gab er mit Professor Robert Hoeniger 1888 „Das Judenschreinsbuch der Laurenzpfarre zu Köln" und mit Adolf Neubauer 1892 die „Hebräischen Berichte über die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge" heraus. Eine Frucht seiner Forschungsreisen in Italien sind seine „Urkundlichen Beiträge über die Stellung der Päpste zu den Juden, mit Benutzung des päpstlichen Geheimarchivs zu Rom" und die anonym erschienene Sammlung „Die Bullen der Päpste über die Blutbeschuldigung" (München 1900) mit dem bedeutsamen Gutachten des Kardinals Ganganelli. Wichtig war sein Fund einer, nur. in einem Exemplar geretteten Schrift des Reformationszeitalters, die der Pfarrer Andreas Osiander in Nürnberg 1541 zugunsten der Juden veröffentlichte. Sehr wertvoll ist Sterns Serie über „Die israelitische Bevölkerung der deutschen Städte", die er als „Beitrag zur deutschen Städtegeschichte" seit 1890 heransgibt, eine wichtige Arbeit die Studie „König Ruprecht von der Pfalz in seinen Beziehungen zu den Juden" (Kiel 1898). Sterns „Quellenkunde zur Geschichte der deutschen Juden" (Kiel 1892) und seine „Tabellen zur Geschichte der Juden und ihrer Literatur" (4. Auflage, Kiel 1897), die mehr als ihr Titel besagt, bieten einen gut orientierenden Grundriß. Neben diesen und anderen literarischen Arbeiten hat sich Dr. Stern auch auf dem Gebiete der holsteinischen Landesgeschichte betätigt. Besonders hat er sich die Stadt Kiel, die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte und den Verein für Schleswig- Holsteinische Kirchengeschichte durch Auffindung neuer Geschichtsquellen zu Danke verpflichtet. Im Aufträge der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte gab er 1901 die „Kieler Chronik des Bürgermeisters Asmus Bremer" und 1904 „Das zweite Kieler Rentebuch" heraus, welche Publikationen durch gründliche Bearbeitung allgemeineren Wert erhielten. Zurzeit ist Dr. Stern unter anderem im Aufträge der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" mit einer „Quellenkunde zur Geschichte der Juden" beschäftigt. 8. Berlin, 25. April. Wie bereits mitgeteilt, beginnen am 1. Mai d. I. wieder die vom D. I. G. B. veranstalteten Fortbildungskurse für seminaristisch gebildete Kantoren. Die Leitung des Unterrichts, der unentgeltlich ist, liegt auch diesmal in den Händen der Herren Musikdirektor William Wolf und Oberkantor A. Friedmann. m. Berlin, 19. April. In der Sitzung der wissenschaftlichen Vereinigung, v. 4. v. M. trat Kollege Hauff in seinem Referat aufs wärmste für die Errichtung einer höheren Prüfung auf döm Gebiete der Religionswissenschaften ein., In der sehr lebhaften Diskussion wurde im großen und ganzen die Notwendigkeit und Nützlichkeit einer Einrichtung wie der vorgeschlagenen anerkannt, doch wünschte man mit Rücksicht auf die Bedeutung der Frage noch ein zweites, besonders: Ziel, Ort und Weg eingehend behandelndes Referat. Dr. Kellernrann übernimmt ein solches. — In der Sitzung vonr 11. Februar hatten die Kollegen Dr. Gutmann und Hauff ihr Bedauern darüber ausgesprochen, daß in dem Zeitungsbericht über den Verbandstag in Kassel die Ausführungen derjenigen Herren, welche für die Freiheit der wissenschaftlichen Bestrebungen der Lehrer eingetreten waren, zu kurz gekommen und nicht zutreffend wiedergegeben worden wären. Gemäß einem Versammlungsbeschlusse war dann der Vorstand an den Verbandsvorstaud mit dem Ersuchen herangetreten, in geeigneter Weise Abhilfe zu schaffen. Schriftführer Falkenberg verlas nun in der heutigen Sitzung die in dieser Angelegenheit mit dem geschäftssührenden Vorsitzenden gewechselten Briefe. Obwohl Dr. Gutmann sich jetzt dahin aussprach, mit Rücksicht darauf, daß das offizielle Verbandsprotokoll inzwischen bereits gedrückt und eine krrrze von ihm eingesandte Richtigstellung in der VerbändszeituNg veröffentlicht worden sei, keine Schritte weiter zu tun, so sprach doch die Vereinigung ihr-Bedauern über die unzutreffende Wiedergabe der Ausführungen der Kollegen Dr. Gutmann und Hauff aus und beschloß, daß diese Angelegenheit auch in dem den Zeitungen zur Veröffentlichung übersandten Vereinsbericht erwähnt würde. In der Sitzung von: 8. d. M. wies der Vorsitzende darauf hin, daß die Vereinigung nunmehr 10 Jahre bestehe; sie dürfe wohl mit Befriedigung auf das Erstrebte und Vollbrachte zurückblicken, doch wäre zu wünschen, daß die Sitzungen noch reger besucht, die Geselligkeit stärker gepflegt und öfter als bisher Referate über neuere Werke, die für uns von Wichtigkeit sind, gehalten würden. Hierauf wurden die Thesen des Kollegen Abraham zu seinem früher gehaltenen Vorträge: Der hebräische UebersetzungsuNterricht auf der Unterstufe beraten und in 'folgender, abgekürzter Form angenommen: a) Da die vornehmste Aufgabe des hebräischen Unterrichts darin besieht, die Kinder zu verständnisvoller Anteilnahme am öffentlichen und häuslichen Gottesdienst zu befähigen, so muß er sich möglichst früh an das Gebetbuch anschließen, b) Die Methode des hebräischen Unterrichts muß vornehmlich folgenden Anforderungen entsprechen: 1. Gehe vom Leichten zum Schweren! Daher müssen die zu behandelnden Gebetstücke — unter möglichster Berücksichtigung des inneren und äußeren Zusammenhanges — nach ihrer Uebersetzungsschwierigkeit geordnet werden. 2. Aller Unterricht sei Denkunterricht! a) Daher verbietet sich jedes rein mechanische Verfahren z. B. das nur an das Gedächtnis sich wendende Vor- und Nachsprechen. b) Stamm- und Bildungsformeu der einzelnen Wörter müssen deutlich zur Erkenntnis gebracht werden. -3. Sorge für sichere Aneignung des Behandelten! a) durch Einprägung der Vokabeln, b) Durch Verbindung der bereits bekannten Wörter zu neuen Sätzen, c) Durch häufige Wiederholung. 8. Berlin, 24. April. Unter der großen Zahl von. Jahresberichten, die alljährlich um diese Zeit den Mitgliedern und Gönnern der verschiedenen wissenschaftlichen und humanitären Vereine überreicht werden, stellt sich auch rechtzeitig beim Eintritt der milderen Jahreszeit der stets gern begrüßte Bericht des Komitees für Ferienkolonien jüdischer Kinder ein. Infolge besonderer Förderung durch den Berliner Verein für Ferienkolonien ist es im Vorjahre möglich geworden, der stattlichen Zahl von 400 Kindern die Wohltat eines vierwöchentlichen Sommeraufenthalts zu gewähren. In Bad Eimen waren in der. Eugen und Amalie Rosenthal-Stiftung 60 Mädchen und 30 Knaben untergebracht. Das Königliche Salzamt in Schönebeck stellt in liebenswürdiger Weise unter Streichung der Kurtaxe den kurbedürftigen Kindern die Benutzung der heilkräftigen Soolbäder im Juni und August völlig unentgeltlich, im Juli zu halbem Preise zur Verfügung, und der Badearzt Herr Dr. Fricke führt seit dem Jahre 1894 mit dankenswerter Uneigennützigkeit trotz seiner großen Praxis die ärztliche Aufsicht über die Kinder. Vom