Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sein; das Problem der-Offenbarung dagegen ist ein natürliches, ein notwendiges. "Das ist der Sinn Gottes, daß er erscheint, daß er sich-offenbare. Darin liegt in der Tat an sich noch nicht der Zwang der Heteronomie. Dieser entsteht erst durch die Präzisierung des Denkens zum Worte." „Das Wort Gottes wird zur Urkunde vom Denken Gottes. So wird das Wort Gottes ein Analogon zu den Gesetzen und Prinzipien der wissenschaftlichen Vernunft. Dadurch entsteht der unausgteichbare Gegensatz zwischen Ethik und Theologie, der als ein solcher zwischen Ethik und Religion gedacht wird." „Ohnehin widerspricht der Fortgang solcher Offenbarungen der Geschlossenheit dieses Wortes. Die neue Offenbarung muß wie ein Nachwort erscheinen. Und welches Wort Gottes, das man als Einheit betrachtet, kann sich als ein einheitlich entstandenes darstellen und behaupten? Wird nicht vielmehr Gottes Wort in jeder Einheit als ein allmählich entstandenes Werk einer nationalen Literatur nachweisbar? Aber auch abgesehen von dem Literarischen muß jede Religion soviel Ignorierungen, Deutungen und Idealisierungen an ihrem Worte Gottes vornehmen, daß es überall einer offenkundigen Korrektur unterzogen wird. Wenn dennoch die Theologie auf die geschichtlichen Tatsachen und auf die literarischen Urkunden, in welchen die Tatsachen enthalten sind, als auf Gottes Wort sich beruft, so muß diese Art von Theonomie als Heteronomie bezeichnet werden." Die kräftigen Worte der Abwehr mögen sich alle Buchstaben- und Jnspirationsgläubigen zu Herzen nehmen. So sehr nun auch Cohen gegen den Buchstabenglauben zu Felde zieht, so wenig ist er geneigt, den Vorwurf der Heteronomie gegen die Idee Gottes gelten zu lassen. Er schreibt: „Die Heteronomie, welche das Wort Gottes bildet, geht daher nur gegen die Theologie, nicht aber eigentlich aus die Religion. Daraus ergibt sich eine sehr wichtige Folgerung: die Heteronomie richtet sich nicht gegen die Idee Gottes. Der Grundgedanke jeder echten Religion, Gott zum. Urheber der Sittlichkeit zu machen, bildet keineswegs einen Widerspruch gegen die freie sittliche Vernunft. Wenn man, sofern man Gott denkt, seine Offenbarungen für unausbleiblich hält, wie könnte man die Offenbarungen als etwas anderes denken, denn als Sittlichkeit? Und was könnte Gott überhaupt, als der Gott der monotheistischen Religion, anderes zu leisten und überhaupt zu. bedeuten haben als ^die Gewährung und Gewährleistung der Sittlichkeit? Gerade die Verbindung der Religion mit der Philosophie, welche ihre eigenen, von der Theologie sich unterscheidenden Wege ging, strebte in der Tendenz des Pantheismus eine Vereinigung von Gott und Mensch für die Sittlichkeit an. Schon die Seele enthält in der Ursprache der Religion diese Vereinigung. „Wahrlich Geist ist im Menschen, und die Seele des Allmächtigen macht sie vernünftig." So vereinigt Hiob den Menschen mit Gott in der Seele und in der Vernunft. Philo konnte sich daher an diesem zentralen Punkte der griechischen Anschauung ungezwungen anschließen, indem er den Logos als die Vermittlung zwischen Gott und Mensch anerkannte und auszeichnete, der Logos hat wahrlich nicht die Theonomie befestigt. So sehen wir, daß nicht in Gott der Grund der Heteronomie gelegen ist, sondern lediglich in dem fixierten Worte Gottes. Daß Gott die Sittlichkeit fordert, ja selbst als der Urheber der Sittlichkeit gilt, daran ist, genauer bedacht, kein Anstoß zu nehmen; wenn nur darum die Ethik ihren eigenen Weg und ihre eigene Methode nicht aufgibt. Es ist in dieser Methodik aber keineswegs die Weisung enthalten, daß das so erzeugte Sittengesetz einen Gegensatz oder gar einen Widerspruch bilden müsse gegen den Gedanken, der alle Sittlichkeit in Gott gründet. Wenn nur die Sittlichkeit, und sie allein gefordert wird; ihre Zurückführung auf Gott ist au sich nicht Heteronomie. Wird doch eigentlich dadurch der Unterschied zwischen Gott und Mensch aufgehoben, so daß ein Gesetz beide bindet: „Heilig sollt Ihr sein; denn heilig bin ich, Euer Gott!" „Seid vollkommen, wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist." „Es ist, als ob der Monotheismus sich selbst in Pantheismus aufhöbe; als ob in der Sittlichkeit der Unterschied zwischen Gott und Mensch verschwinden sollte." Gelang es nun Cohen durch derartige Deduktionen, die Gottesidee gegen den Vorwurf der Heteronomie zu schützen, so gelingt es ihm nicht minder, auch die ethischen Grundsätze der religiösen Urkunden in das allgemeine Kultnrbewußtsein hinüberzuretten und somit auch hier den Vorwurf der Heteronomie zu widerlegen. Freilich ist auch dieser Vorwurf nur dadurch entstanden, daß man den Begriff der Autonomie ganz äußerlich faßte. Man verstand darunter die Gesetze, welche das Selbst als eine empirische Macht verfaßte. Dann wären allerdings alle ethischen Gesetze heteronom, wenn sie. als religiöse Vorschriften sich . darbieten. In Wahrheit aber ist unter dem „Selbst" die Aufgabe des Selbst, d. h. zum Selbst zu verstehen, wie solche in der Gesetzgebung enthüllt. Aus diesem Grunde ist auch die Frage nach dem Urheber der Gesetze bedeutungslos. Die Anerkennung der Gesetze entspricht in diesem Falle der Erzeugung. Wir können es uns nicht versagen, auch bei dieser Gelegenheit Cohen selbst das Wort zu geben: „Das dogmatisch fixierte Wort Gottes ist freilich ein Widerspruch gegen die Autonomie. Sollte aber etwa darum die sittliche Erwägung und Selbstbelehrung den Lehren der Sittlichkeit schnurstracks aus dem Wege gehen, welche in den religiösen Urkunden enthalten sind? Das kann doch unmöglich die Selbstgesetzgebung bedeuten sollen, daß das Selbst durch die religiöse Literatur schlechterdings gehemmt oder gar vernichtet würde? Wäre dies der Fäll, so würde dann allerdings nicht allein das Wort Gottes, sondern auch der Begriff Gottes der autonomen Ethik widersprechen. Wenn dies aber nicht der Fall ist, so kann es auch keinen Widerspruch gegen die Selbstgesetzgebung bilden, daß ich den sittlichen Inhalt der gesamten religiösen Literatur erforsche, erlerne und auf seinen sittlichen Reingehalt zu prüfen habe." Wir verstehen es deshalb völlig, wenn Sokrates die Tugend als etwas Lehrbares und damit als etwas Lernbares erklärte. Und wir verstehen es nicht minder, wenn im nachexilischen Judentum das Studium der „Lehre" als höchste religiöse Pflicht betrachtet wurde. „Sollte diese natürliche Forderung der literarischen Sittlichkeit etwa der Autonomie widerstreiten? Dann würde sie einer eiteln, unsittlichen Originalitätssucht Vorschub leisten, welche in der Originalität guanä-möme die Gewähr des Selbst sieht. Dann würde man auf die Bahn des Eigensinns und des Dünkels durch sie geleitet werden, ein eigenes Sittengesetz sich auszutüfteln; oder aber, wofern dies doch eben schwerlich auszuführen ist, eines der vielen alten mit einem neuen Aufputz zu versehen, um es, da es doch einmal nötig sei, zu einem neuen, soweit es angeht, auszustatten. An Beispielen fehlt es gerade unserer Zeit am wenigsten für diese falsche Originalität, welche inhaltlich zu einer falschen, hohlen, innerlich unwahren, weil allen natürlichen und geschichtlichen Leitungslinien der Moral widersprechenden, angeblichen Ethik führt?" Wer dächte bei diesen Ausführungen nicht unwillkürlich an all' die modernen Rasfentheoretiker und Sozialanthropologen, wer dächte nicht hierbei an Nietzsche und seine Anhänger? Indessen ist die Leistung der Autonomie keineswegs mit der Erzeugung des ethischen Inhalts erschöpft; vielmehr bleibt