Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 199 - Sehertums war. Der Seherist nämlich .der Anfang dieser Kette-und der Prophet ist das vollkommenste Wesen derselben. - Seher,. Zauberer und Prophet! Wie unnatürlich und unmöglich scheint diese Entwicklung! Und doch ist eK wahr, daß diese scheinbar sich, widersprechenden Extreme sich im Grunde genommen berühren. DerVerfasser sagt, daß die Haupteigenschast und der Glanz der jüdischen Prophetie die Einheit in den Anschauungen aller Propheten war. Dabei hatte ungeachtet dieser Gleichheit ein jeder Prophet eine eigenartige Doktrin und dessen Individualität wurde nie erstickt. Die individualistischen und sozialen Elemente berührten sich daher, widersprachen sich nicht, deckten sich vielmehr — und eine Harmonie macht sich überall merkbar. Im vierten Kapitel zeigt der Verfasser, wie die jüdischen Propheten für die Reinheit der Sitten aufgetreten sind und wie sie das gute Herz und die Rechtschaffenheit über alles stellten. . Der leere, unnütze Kult war ihnen ein Greuel. Dieses Thema behandelt der Verfasser mit bemerkenswerter Sachkenntnis, wenn auch mit weniger Scharfsinn als Renan oder Wellhausen. Nach der Meinung.der Propheten regiert Gerechtigkeit die Welt,' denn der Ewige ist gerecht. Damit schneidet der Prophet dem Fatalismus die Flügel ab, und wenn das Fatum nicht regiert, so herrscht die Allmacht Gottes, der die Schuldigen bestraft und die Gerechten belohnt. Der Verfasser bemerkt sehr richtig, daß die Propheten, indem sie das goldene Zeitalter in dieZu- ' kunst hinausschoben, eo ipso der Entwicklung das Wort geredet haben. Denn nicht wie. die anderen Völker schauten die Israeliten in - die Zukunft. Der Optimismus brachte'sie dazu,, daß sie irr der Zukunft noch weit Schöneres und Glänzenderes sahen als in der Vergangenheit, und dies erklärt ihre außerordentliche Energie und ihre Aufopferung für die höchsten Ideale der Menschheit. Im fünften Kapitel zeigt der Autor, wie ausgeprägt die Individualität der Propheten war. Auch hier läßt er die markantesten Propheten vorüberziehen und erklärt manches in vortrefflicher Weise. Mit dem demokratischen, naiven Amos beginnt er, mit dem aristokratischen, genialen und politisch reifen Deutorojefaja schließt er. Amos mußte als Hirt und Mann aus dem Volke selbstverständlich gegen die Ueberkultur und Entartung der Gesellschaft sich ereifern, denn die Anschauungen, die in den höheren Klassen herrschten, widersprachen seinen Idealen. Er ist markig in der Sprache, streng im Ausdruck. Jahve ist bei ihm rachsüchtig und zornig und hat noch nicht die erhabene Rolle, wie bei den späteren Propheten. Während er bei Amos streng ist, erhält er bei Micha und den späteren eine milde Gestalt, die aus jedermann einen tiefen Eindruck machen muß. Der Anthropomorphismus mußte nach der Meinung des Verfassers Platz greifen. Weil man Jahve fassen wollte, deshalb mußte man ihn in greifbarer Gestalt schildern, damit er in dieser Beziehung mehr konkret sei. Diese Mission hat Hosea am glänzendsten ausgeführt. Wenn auch die Lebensbeschreibung des Hosea uns noch weniger bekannt ist als die des Amos, so ist nichtsdestoweniger seine Individualität so ausgeprägt, daß wir ihn sehr gut zu erkennen vermögen. Die Stärke des Hosea beruht hauptsächlich auf der Allegorie. Hier ist er ein Meister, hier leistet er wirklich viel, wenn auch manches unserem ästhetischen Gefühl zuwiderläuft. Hosea wollte (wie der Verfasser richtig bemerkt) nicht, daß man die Allegorie buchstäblich anffasse, aber sie kam in andere Hände und zu anderen Völkern, man entkleidete sie der Poesie und so verlor sie ihre ursprüngliche Frische ganz und gar. Er eifert schon nicht mehr : gegen den Luxus, er dringt vielmehr tiefer und psychologischer ein als Amos und, wie es scheint, stammt er aus einem aristokratischen Hanse. Er moralisiert nicht mehr, um zu moralisieren, er warnt vielmehr, indem er in die Zukunft wie ein Diplomat schaut und die Gesellschaft vor dem unvermeidlichen Ruin warnt.; Scharfsinnig weist der Verfasser nach, wie Hosea bei all dem die Hoffnung nicht verliert und die Gesellschaft tröstet, daß: noch nicht alles verloren und daß sie noch imstande sei, ihre schlechten Taten zu bereuen, um von Jahve begnadigt zu werden. Ungemein lehrreich und interessant ist die Darstellung der prophetischen Gäbe des Jesaja und des Micha; beide gleich ideale Männer, wenn auch von verschiedener Begabung. Der erstere mit seiner erhabenen Sprache, seinem genialen Blick, seiner wunderbaren Klarheit mit der Zartheit des Gefühls und dem Fluge seiner Phantasie, der letztere mit seinen furchtbaren Drohungen und Mahnungen, seiner Strenge und kategorischen aber freien Auffassung. Die Schilderung Aegyptens ist nach der Ansicht des Verfassers eine der schönsten Seiten seiner prophetischen und dichterischen Begabung. Es drohten verschiedene Mächte dem Judentume. Jesajas verhält sich verschieden zu diesen; bald droht, bald tröstet er. Nämlich, wo der Feind zu frech wird, beginnt 6er Prophet die Seinigen zu trösten und schüttet all' seinen Grimtn über den mächtigen Feind aus. Mit Genie und Verstand bespricht Jesajas die meisten Staatsangelegenheiten, so daß seine Reden bis heute ihren Wert beibehalten haben. Im sechsten Kapitel zeigt der Verfasser, wie viele mächtige Nationen aufstehen, wie die jüdische Religion und Nationalität bedroht werden und der Prophet doch die Hoffnung nicht verliert und oft in eine glänzende Zukunft schaut. Meisterhaft ist die Schilderung des Untergangs Assyriens durch den Propheten Nähum. Das jüdische Volk wird befreit werden, Assyrien aber muß untergehen, denn sein Ende ist bereits gekommen. Er zeigt auch, wie alle Völker sich freuen werden, da alle von.Assur zu leiden hatten. Zephanja, der Zeitgenosse Nahums, schildert dann den Fall Ninives. Das siebente Kapitel handelt von Jeremias, Ezechiel und Deutorojesaja. Ueber Jeremias schreibt der Verfasser gerade so wie Lazarus. Der Seelenkampf dieses Propheten, sein Kampf mit der äußeren Welt wird auf geniale Weise geschildert. Hier sieht man am besten die weite Entfernung der Propheten von den Priestern. Der Prophet, setzt sein Leben aufs Spiel, um nur die ewigen Ideale zu retten. Insbesondere gewinnt diese Schilderung an Interesse, da zu seiner Zeit die jüdische,Nation ihre Unabhängigkeit verloren hat und ihre Macht einbüßte. Klagen und Trostreden ergänzen sich gegenseitig' und der Prophet spielt mit unserem Herzen wie mit einem Ball. Er war auch ein bedeutender Diplomat und in dieser Beziehung überragt er die übrigen Propheten Israels. Ezechiel erscheint vor uns in seiner vollen Gestalt. Er ist der Schöpfer des biblischen Symbolismus par excellence und ist in gewisser Beziehung eine der interessantesten Prophetengestalten. Seine Rede ist konkret und verständlichmarkig und gediegen und dabei diplomatisch und scharfsinnig. Den. Untergang vieler Nationen schildert er vortrefflich und' treu. Er geißelt die Unsittlichkeit der Völker und des Volkes Israel, und seine prophetische Laufbahn war in mehr als einer Beziehung segensreich. Am schönsten und gediegensten behandelt der polnische Schriftsteller den Deuterojesaja. Dieser Prophet lebte im babylonischen Exil und tröstete die Juden, daß sie ihr Reich wieder bekommen werden, daß ihr Tempel wiederhergestellt werden wird — einzig und allein durch Jahve und seinen Gesandten Cyrus. Jesajas ist begeistert von Jahve, dagegen verlacht er unbarmherzig die anderen Götter, die das Werk der Menschen sind und keinen Wert haben. Hier feiert der Monotheismus wahre Triumphe. Keine Trauer umhüllt das prophetische Gesicht, seine Fittige sind rosig und ersieht die Zukunft seines Volkes in glänzendem Lichte. —*>t .tVL. - <** * - - r. -