Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
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und auch selbst Treitschke bekundet, daß „der König die Fühlung mit dem Volke verlor" und daß die Ostpreußen ganz auf Seiten Jacoby's standen, der für verfassungsmäßige Zustände und in einer neuen scharfen Schrift gegen die Zensur kämpfte. Bei den Sammlungen, für die Göttinger Sieben erschien er schon wie ein Parteiführer. Da die Ostpreußen von allen Deutschen am besten verstehen, sich ihre Juden zu erziehen, so war auch Jacoby weit mehr Ostpreuße als Jude. Was er für Recht hielt, dabei blieb er, unerschrocken und unbelehrbar.. . Auch den starken Provinzialstolz teilte er mit seinen Landsleuten; sprach er von der Stadt, „wo einst Kant die Welt erleuchtet, dann klang durch seine allezeit ernsthafte Rede ein Ton hohenpriesterlicher Salbung." Wer erkennt in dieser äußerlich glänzenden und innerlich schiefen Darstellung nicht den Stil Treitschke's, der es einem Jacoby sogar zum. Vorwurf Macht, daß er hartnäckig für die bürgerliche Gleichstellung der Juden eintrat. Eine Menge Stellen aus dem Pentateuch und den Propheten hat Jacoby in seiner Schrift ausgezogen, die gegen Karl Streckfuß, der „den Gott der Juden" angegriffen hatte, ins Feld geführt werden. So beginnt Jacoby mit 3. Mose 19, 34: „Wenn ein Fremdling in eurem Lande wohnen wird, den sollt ihr nicht schinden. Er soll bei euch wohnen, wie ein Einheimischer unter euch, und sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Aegypterlande." Jacoby bemerkt gegen Streckfuß: „und dieser Gott sollte „andere Völker hassen und verachten?" Wir werden sehen, ob Herr Streckfuß sich ebenso duldsam gegen seine jüdischen Mitbürger erweist, als dieser Gott gegen die Fremdlinge." Und weiter sagt Jacoby, von dem so oft behauptet wird, er sei kein Jude gewesen: „Es dürsten wenige Religionen vorhanden sein, die geringeren Wert aus äußere Gebräuche und Formen legen als eben die jüdische; vor allem empfiehlt sie ihren Bekennern nur werktätige Frönnnigkeit und geistige Gottesverehrung" ... Seinem Gegner aber ruft er zu: „Wehe denen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis, die aus sauersüß und aus süß sauer machen! — Aber ihre sauer-süße Rede soll uns nicht täuschen!" Ein Meisterin der Dialektik versteht es Jacoby, seinen Gegner sich durch sich selbst widerlegen zu lassen. So Seite 23: „Herr Streckfuß sei Richter. In vielen Städten", sagt er, „ist eine der ersten Vorschriften von Klubs, Kasinos, Ressourcen, daß Juden nicht ausgenommen werden dürfen; und wo die Statuten nichts hierüber enthalten, werden sie meistens infolge stillschweigender Uebereinkunst durch die Mehrzahl der schwarzen Kugeln ausgeschlossen" ... Und doch ist es wiederum derselbe Herr Streckfuß, der gegen die Ungeselligkeit der Juden eifert und behauptet, daß sie „sich fortwährend von.derGemeinschaft mit dem Einheimischen zurückhalten." Die Preußischen Provinzial-Landtage hatten sich anfangs gegen eine Emanzipation der Juden ausgesprochen, Jacoby widerlegte aus den Parlamenten anderer Länder die Befürchtungen der Emanzipations-Gegner. Er ruft ihnen schon 1833 zu: „Was den Pöbel betrifft, von dessen Judenhasse der wohlmeinende Herr llnordnungen und Gefahren für uns besorgt, so können wir ihm zur Beruhigung versichern, daß wir Beteiligten von so gespenstischer Furcht völlig frei sind. So wenig das No poper^-Geschrei des englischen John Bull den Katholiken nachteilig gewesen, eben so wenig vermag irgend ein anderes Geschrei den Juden Gefahr zu bringen, oder ihre Gleichstellung zu verhindern." Sein Gegner hatte zwei Kläffen von Juden, assimilierte und nichtassimilierte, unterschieden. Jacoby charakterisiert diese Unterscheidung, der er zwei Klassen von Menschen, gebildete und halbgebildete gegenüberstellt, als leere und gleißnerische Worte. Er sagt über diese Halbgebildeten: „In Bendemann's Meisterbilde selbst erblicken sie nichts als — eine Gruppe trauriger Juden. Von dem tiefen Schmerze, den der Verfolgte über kränkende Zurücksetzung, über gehemmtes Streben und verfehlte Lebensrichtung empfindet, haben sie keine Ahnung: sonst würden sie schwerlich ohne Erröten den spöttischen Vorschlag machen, des eigenen Heils wegen sich noch einige Jahrzehnte ruhig zu gedulden. Wird ein solcher Halber von einem reichen Juden zum Gastmahle geladen, so versteht er unter der Maske der Freundlichkeit sich zu bücken und zu schmeicheln; aber wehe nachher dem gastfreundlichen Wirte, wenn seinem Munde ein jüdischer Ausdruck entschlüpft. Seinem jüdischen Wirte gegenüber deklamiert er gegen die Intoleranz des Pöbels und hinter dem Rücken spricht er von Mangel an Patrio tismus . . . Wir mögen mit Herrn Streckfuß nicht um unsere Ansprüche feilschen . . . Tut er doch überhaupt, als ob wir um eine Begünstigung flehen; — nicht eine Gnade ist zu gewähren, wir fordern die Gleichstellung als ein uns vorenthaltenes Recht, und werden — im Bewußtsein des notwendigen Sieges — nicht ab lassen zu fordern, bis eine humanere Zukunft unsere billigen Ansprüche völlig befriedigt. So lange auch nur ein Recht dem Juden entzogen wird, so lange bleibt er ein — Sklave, und alle übrigen Zugeständnisse vermögen ihm nicht das schmerzliche Gefühl der Kränkung zu mildern." Ganz verständlich werden uns die goldenen Worte, die Jacoby in seiner Schrift gegen Streckfuß niederschrieb, erst aus der Zeit jener bewegten Kämpfe heraus; aber noch heute imponiert ihr edles Pathos. Hatte doch 1833, im Jahre des Erscheinens der Schrift Jacoby's, die Regierung die Vorschläge des Geh. Oberregierungsrats Streckfuß für Posen durchgeführt und dort die Juden in zwei Klassen, in naturalisierte Juden und Schutzjuden eingekeilt. Zwei Jahre vorher hatte Kirchenrat Paulus, das Haupt der süddeutschen Liberalen, eine sehrscharfe Schrift gegen „die jüdische Rationalabsvnderung" erscheinen lassen. Darum zitiert Jacoby so viele Stellen aus Pentateuch und Propheten und auch die Stelle Jesaias &6,7: „Mein Haus heißt ein Bethaus allen Völkern", .ferner Jeremias 29,4 und 7: „Suchet der Stadt Bestes zu fördern" usw. und auch das schöne Gebet Salomo's bei der Einweihung des Tempels 2 Chronik 6, 32. Heinrich von Treitschke wird ja demnächst in Berlin ein Denkmal errichtet werden, sein von ihm bekämpfter geistiger Antipode Johann Jacoby, der nie mit dem Strom ging und selbst . die Ausschreitungen des Nationa'kitätsprinzips bekämpfte, soweit sie die sittliche und freiheitliche Entwicklung hemmen, hat sein Denkmal im Herzen der Verehrer eines solchen wahrhaft antiken Charakters, und wir hoffen, daß er einer späteren Zeit größer erscheinen wird als den Epigonen Bismarcks, der ihn einmal wegen seiner scharfen Opposition gegen das budgetlose Regime als „Juden und Königsberger", ein anderes Mal in der Laune des Feldquartiers als „alten Juden" bespöttelte. Dieser Jude blieb sich selbst getreu aufrecht, als alle sich beugten. Sein Leben, ganz der Wissenschaft hingegeben, war einfach und bedürfnislos. Bei seiner mäßigen Lebensweise erreichte er trotz Gefängnis und Verfolgungen, für die ihn die Liebe seiner Mitbürger entschädigte, ein Alter von 72 Jahren. Jacoby starb am 6. März 1877. Seine früheren Schicksale sind bekannt. Das preußische Obertribunal hatte ihn 1843 und 1845 sreigesprochen. Als Mitglied der Deputation, die im November 1848 im Namen der preußischen Nationalversammlung dem König eine Ädresse überreichte, rief er diesem, als er Jacoby's Bitte um Gehör barsch abwies; die bekannten