Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Johann Hsroby. Jum ijunbevifken Orbrrvtstttg. Von M. Friedebevg. ir leben in einer Zeit der Jubiläen, die vielfach ohne seelische Erhebung gefeiert werden. Seit; einigen Wochen aber geht ein Frühlingsahnen durch die Herzen und Geister; soll doch in kurzem der 100. Todestag eines großen Dichters pietätvoll begangen werden, und überall sind die Werkleute um Friedrich Schiller bereits eifrig am Bau, die namentlich die Jugend für diesen Gedenktag zu begeistern versuchen. Viel stiller, ja mehr als gebührend kühl, wird von vielen der Gedenktag der vor 100 Jahren erfolgten Geburt eines bedeutenden Mannes ausgenommen werden, der zwar ganz nach Schillers hohen sittlichen Idealen gelebt hat, der einst, von seinen Mitbürgern abgesandt als moderner Marquis Posa auch mutig vor einen König hin trat, um die Freiheit für das Volk als sein gutes Recht zu fordern, der aber um seiner aufrechten Gesinnung halber für diesen Kampf ums Recht mehrmals ins Gefängnis wandern mußte. ' Johann Jacpby wird nie Mode sein; er ist Jude geblieben, er ist nicht Hofrat geworden, er hat niemals einen Kompromiß geschlossen, und das macht ihm heute bei vielen unpopulär, während angesichts der sittlichen Bedeutung dieses Mannes mit Recht sein Freund, der Rabbiner Dr. Isaak Bamberger in Königsberg i. Pr., seine Rede am Grabe Johann Jaeobys mit den Worten des Talmud einleiten durfte: „Es sterben die Könige und lassen die Krone ihren Söhnen; es sterben die Reichen und lassen den Kindern die Reichtümer; dieser Werse ist gestorben und hat seinen ganzen Schatz mit sich genommen — und hat uns zurückgelassen." In der Tat schien der über alles gemeine Hasten erhabene, den höchsten Problemen der Menschheit zugewandte Geist dieses Mannes in seiner unendlichen Ruhe höheren geistigen Regionen anzugehören, in denen vor allem, mit Stoizismus und Konsequenz für seine Ueberzeugung zu dulden erste Pflicht des Mannes ist. Hätte nicht der Kampf jener Tage, in denen Johann Jacobh nicht nur für die staatliche Emanzipation der Juden, sondern auch für die Befreiung der gesamten Menschheit von mittelalterlichen Vorurteilen erfolgreich rang, den Einsatz dieses edlen Lebens ganz gefordert, so hätte man manches an dem Lose dieses Mannes tief tragisch finden können. Jacobh lebte einsam, unvermählt, wenn auch als Arzt und Denker hochgeachtet und von seinen Anverwandten geliebt, dazu zum oft aus gesprochenen Aerger der ganz Radikalen bis zum Ende der jüdischen Gemeinschaft treu. Er ist nach so schweren Kämpfen um die Freiheit des Versassungslebens dann, als die Einheit des deutschen Volkes unter dem Schutz der Verfassung errungen war, weil er nicht heucheln wollte, ferner allein immer weiter seinen Weg gegangen, der ihn zum Schlüsse zum gemäßigten Sozialismus und dann ganz in das Gebiet der abstrakten Philosophie führte. Wahrheit und Gerechtigkeit, in diesen beiden Prinzipien wurzelte die Philosophie Jacobys, und das starke ethische Element in diesem als Jude in finsterer Zeit für den Rechtsstaat kämpfenden Manne läßt es angebracht erscheinen, seiner an seinem Gedenktage auch an dieser Stelle besonders zu gedenken. „Seit 30 Jahren," erzählt einer feiner Mitstreiter, Professor Möller, der gleich ihm, wenn auch weniger hart, unter den Verfolgungen des Absolutismus gelitten, „habe ich Jacobh nicht lächeln sehen. Erst in der Todesstunde bemerkte ich, wie die sonst so starren Züge zu einem milden Lächeln sich lösten." Jacobh war wie Kant ein persönlicher Vertreter des kategorischen Imperativs, aber im Kreise seiner Glaubensgenossen, seiner Fanülienangehörigen hat er auch sein" herzlich frohes Gemüt gezeigt. Es ist eine absolut falsche Darstellung, wenn Heinrich v. Treitschke im letzten Bande Mwr „Deutschen Geschichte" von Jacobh bei Besprechung der. eDchemachenden „Vier Fragen") mit denen der junge Königsberger Arzt bis 1848 der Führer im, Verfassungskampfe wurde, Seite 139 .(a. a. O.) schreibt: „Jung war er nie gewesen, die Welt des Schönen blieb ihm so fremd wie das Spiel des Scherzes." Johann Jacobh, dessen „tiefen Ernst" selbst ein Treitschke nicht zu bezweifeln wagt, war in der Welt der idealen Kunst, die auch in seinem Studierzimmer zur Geltung kam, ebenso zu Hause, wie in der Geschichte, der Staatswissenfchaft .und seinem Berufe, der medizinischen Kunst. Ebenso haltlos ist die Aeußerung Treitschkes und anderer, daß Jacobh sich früh vom Judentum entfernt hätte. Schön in seiner Erstlingsschrift „Zur Emanzipation der Juden", sagt Jacobh: „Der Geburt wie der innigen Ueberzeugung nach — Jude, machte ich oft die demütigende Lage der Glaubensgenossen zum Gegenstand schmerzlicher Betrachtung. Voll lebhaften Unwillens . sah und fühlte ich die drückenden Fesseln, mit denen ein sinnloses Vorurteil uns belastet ... Gehemmt in der freien Wahl des Berufs, unverschuldet der Geringschätzung preisgegeben, leben auf diesem zivilisierten Erdteile in diesem aufgeklärten Jahrhundert noch eine Million Menschen — den Parias gleich — in bürgerlicher Unfähigkeit und schmählichen Erniedrigungen. Unter manchen Gründen und Ausflüchten wurde auch der Zweifel erhoben, ob die Juden selbst eine Gleichstellung wünschten und die Sehnsucht nach Freiheit auch wirklich empfänden. Wahrlich! Es klingt wie bitterer Spott die Aeußerung, daß jahrelange Gewohnheit das Gefühl für den Druck der Ketten wohl abgestumpft habe. Einer so mahnenden Herausforderung Genüge zu leisten, ist nun dringende Pflicht jedes Juden geworden. Wird der Mann in seinen Rechten gekränkt, sieht er seine Brüder gleiche Beleidigung dulden: dann wäre Schweigen ein Geständnis eigener Unwürdigkeit . . . Wenn einst die Zukunft über die Gegenwart richtet, wird man auf unsere Protestationen als faktische Belege unserer Freiheitswürdigkeit Rücksicht nehmen und harten Rechtsspruch fällen über alle diejenigen, welche um des Hasses oder vermeintlichen Vorteils willen ihr Gewissen mit Unrecht belasteten". Treitschke konstatiert auch ausdrücklich „den Judenhaß" des romantischen Königs Friedrich Wilhelm IV., der aber bezüglich der „Vier Fragen" Jacobys an den Minister von Schön schrieb, der Berfasser solle unverfolgt bleiben, falls Schön ihn nenne und seine Straflosigkeit verlange. Mittlerweile hatte Jacobh die Flugschrift selbst an den König gesendet. Dies nahm Friedrich Wilhelm für eine persönliche Beleidigung und er schrieb an Schön: „Machen Sie, daß unbeschnittene Männer, die ein Herz zu mir haben, die Schmach gut machen, welche die beschnittenen Ostpreußen mir angetan." Jacobtfis Schrift wurde an alle Provinzial-Landtage versendet. „Die Gesandten der kleinen Höfe", meldet ein zeitgenössischer Bericht vom 29. April 1841 — „sahen schon das Schreckbild einer parlamentarischen Regierung emporsteigen." Friedrich Wilhelm IV. aber fuhr fort von „Grundgesetz-Wischen und dem Theaterspiel moderner Konstitutionen" zu sprechen: „Den Ständen aller im Lande wird die Wahl zwischen Israel und mir nicht schwer fallen. Den Reuigen, auch den Beschnittenen, werde ich mit Freuden die begnadete Hand reichen." (F. S. an Schön, 9. März 1841). Bald darnach wurde der Minister von Schön selbst wegen seiner Schrift: „Woher und Wohin?" seines Amtes enthoben,.