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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-21 · Heft 16 (21.4.1905) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Antrag, diese nur unter sachv erständiger Lei t::::g abzuhalten, wurde, da im Sommersemester die Diskussionen nicht stattfinden,, bis zu einer zu Beginn des Wintersemesters 1905/6 zu diesem Zwecke ein- .zuberufenden Mitgliederbersammlung vertagt. — Die Versammlung, die Brecht zahlreich besucht war, wählte den bisherigen Vorstand wieder, und zwar Herrn Dr. N. Moses zun: Vorsitzenden; die Herren Louis Lewy und Arthur Marcus zu Schriftführern; Herrn Hennanrr Keßler zum Kassierer; Herrrr Arthur Wolff zum Bibliothekar. ^2 Berlin, 12. April. In der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner hielt am 11. v. M. Kollege Auerbach einen Vortrag über das Thema: „Zur Frage der Entstehungsgeschichte der jüdischen Gemeinde." Der Vortragende führte ans: Schon die Fixierung des Themas hat gewisse Bedenken verursacht. Noch Präziser hätte sich das Thema eigentlich in der Form ankündigen müssen: „Zur Orientierung oder Frage der Entstehnngsgeschichte des Judentums", wodurch jedöm bis zur Unzweideutigkeit klar würde, daß es nicht sowohl in meiner Absicht liegt, selbständige wissenschaftliche Leistungen zu prästieren, als vielmehr nach Art eines gut belesenen Referenten einen orientiererrden Ariadnefaden durchs Labyrinth der Meinungen und Ansichten darzubieten. So interessant und anziehend der Stoff ist, ebenso dunkel und -ungeklärt ist er bis ans den Tag, wiewohl so ziemlich alle Gelehrten, alttestamentlichen Theologen von Auf und Bedeutung, mit Spezialsorschungen vertreten sind und eine schier erdrückende Fülle von Material vorliegt; aber kaum zwei Fachleute gibt es, bei denen auch nur in den wesentlichsten Punkten -Einstimmigkeit vorhanden wäre. Das ganze Feld macht den Eindruck eines Tummelplatzes zur Ausfechtung dissertierender Ansichten, kühner Konjekturen, höchst gewagter und verstiegener Hypothesen. Auffallenderweise werden in dieser Geistesarena nur äußerst wenige jüdische Gelehrte beisammen gestruden, um ihre Heiligtümer zu verteidigen, was den Anschein erweckt, als ob es ihnen nicht passend erscheint, mit dem Seziermesser der Kritik an die Heilige Schrift, die Grundlage jedes monotheistischen Glaubens, heranzugehen, wiewohl nach dem Standpunkt der modernen Wissenschaft die Anwendung der kritischen Untersuchungsmethode auch für dieses Wissestsgebiet eine gebieterische und unabweisbare Pflicht wäre. Außer Rosenzweig: „Das erste Jahrhundert nach dem babylonischen Exil" (1885), das — wiewohl in vielen Stücken in der Zwischenzeit überholt — von den Kritikern allererster Ordnung wie Knenen Hoch oft respektvoll zitiert wird, dürfte ans noch weiter zurückliegender Zeit nur noch Herzfeld „Geschichte des Volkes-Israel von der Vollendung des Teuchels bis zur Einsetzung des Makkabäers Simon zum Priester und Fürsten" (1847—1868) zu nennen sein, dessen stupende Gelehrsamkeit und Belesenheit, insbesondere in den talmudischen Quellen, allen christlichen Fachgelehrten Bewunderung abzwingt; dazu kommt selbstverständlich Graetz, der sich in manchen Fragen als radikaler Kritiker erweist und aus jüngster Zeit Jampel „Die Wiederherstellung Israels unter den Achaemeniden", eine kritisch-historische Untersuchung mit inschristlicher Beleuchtung" (1904), der die nach verschiedenen Richtungen divergierenden Anschauungen in weitschichtiger Weise mit allen von dem Gelehrten zu handhabenden Hilfsmitteln zusammenfaßt. Diesem bis zur Nebermüdung gründlichen und außerordentlich zitatenreichen Buche, das aber den Vorzug hat, in erschöpfender und lückenloser Weise unter Berücksichtigung der gesamten nur irgendwie in Betracht kommenden Literatur alles genau zu protokollieren, bin ich vielfach gefolgt, ohne indes auf meine eigenen, oft abweichenden Ansichten Verzicht zu leisten. "Zuguterletzt verdient an dieser Stelle noch eine Dissertation Moses Friedländers erwähnt zu werden „Die Veränderlichkeit der Namen in den Stammlisten der Chronik (1908"), die über einzelne hierher gehörige Frager: Licht verbreitet. — Itut nicht im Fortgange des Vortrages durch Nebenbemerkungen aufgehalten zu werden, gibt der Vortragende zunächst eine Reihe fester historischer Data von 597 bis 338, weist auf die großen Lücke:: in der Profangeschichte hin, so z. V. aus die Zeit von 597 respektiv 586—538 (eine terra incognita), auf die Zeit von 516—456 (ein saeenlum obscnrum), auf die Zeit von 458—444 (ein großes Loch), um darauf achten zu lassen, daß wir über das ganze Jahrhundert von 538—430 nur sehr dürftig unterrichtet sind. Diese Lücken in der Profangeschichte werderr znm Teil ausgefüllt durch die in deri literarischen Quellen sich darbietenden Schilderungen der religiösen, sozialen rmd hie und da auch leise angedeuten politischen Verhältnisse jener Zeit, so im Dentero- und Tritv-Jesaia, den Schriften der Propheten Chaggai und Sacharija, Ezechiels Entwurf zirka 40—48 und etwaigen Psalmen: 122/126, 137. Dazu kommt außer den Büchern Esra und Nehemia selbst das sogenannte dritte Buch Esra, Josephus, anUqiritatcs Cyrus Toncylinder, und zur weiteren Orientierung tut eine gut geschrieberre orientalische Geschichte lvie beispielslveise die vom Holländer C. P. Thiele (babylonisch-assyrische Geschichte) und Ed. Meyers „Geschichte des Altertums" gute Dienste. — Für die Text-. scheidung lvird auf Haupts „Regenbogenbibel" hingewiesen. — An: der Hand einer für beit Zweck aufgestellten Disposition verbreitet sich der Vortragende vorzugsweise über folgende Punkte: 1. lieber den Zusammenhang der Bücher Esra-Nehemia mit der Chronik; 2. Abriß einer Geschichte dieser Forschung innerhalb der letzten 50 Jahre bis auf Sellins Studien; 3. lieber die stark angezweifelte Echtheit der Edikte, um bei den epochemachenden Darstellungen Hoonackers und Kosters und deren Widerlegung durch Knenen und Wellhausen länger zu verweilen; 4. lieber den Tempelbau und dessen Baustörung; 5. lieber den Mauerbau und 6. mit größerer Ausführlichkeit über die Bundesschließung, Eirrführung des Gesetzes, Würdigung der Verdienste Esras und Nehemias. Redner beschließt seinen fast 1V2 Stunde währenden Vortrag mit einem Zitat Cheynes ans dessen „Das religiöse Leben der Inden nach dem Exil": „In jener gewaltigen Umwälzung, die ' Israel durchmachte, gab es neben Esra und den Gesetzesschreibern viele andere treibende Faktoren, aber keiner derselben ist so hohen Ansehens tvürdig wie Esra, der Schriftgelehrte, weil ohne seiir Gesetzbuch ihrem Vorgehen die grundlegenden Voraussetzungen gefehlt haben würden. Der Verfasser jenes Gesetzes ist ein größerer Manu denn ein Staatengründer." — Berlin, 12. April. Die Mitgliederversammlung des Vereins jüdische Ar.beiterkolonie und Asyl in Weißensee bei.Berlin fand am Sonntag den 26. d. M. im Bureau des De::tsck>-Jsrcrelitischen Gemeindebundes statt. Der Vorsitzende, Herr Fabrikbesitzer Moritz Rosenow, gedachte des im Berichtsjahre Heimgegangenen Mit-. begründer, ersten Vorsitzenden und immerwährenden Ehrenmitgliedes,^ Herrrr Maurermeisters Marcus Adler, rnit Worten dankbarster Anerkennung. Die Versammlung ehrte das Andenken des hochverdienter: Mannes irr üblicher Weise. Der Bericht über die günstige Entwicklung der Kolonie,'die in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon über 1000 Unglücklichen Aufnahme gewährt hat, fand freudige Aufuahme. Vor allem verdient der gute Geist, der in der Kolonie herrscht, die lebhafteste Anerkennung. Es konnte auf schöne Beispiele echt menschlicher Gesinnung hingewiesen werden. Auch die Purimfeier in der Anstalt, zu der sich Gönner der Kolonie mit den Familien des Inspektors und der nichtjüdischen Unternehmer und den Insassen selbst vereinigt hatten, nahm einen Verlauf, der den Gästen freudige Hochachtung an den künstlerischen Fähigkeiten verschiedener Kolonisten abnötigte. Die „Musik-Riege" der Anstalt unter Leitung /nes musikbegabten Kollegen errang sich durch Vortrag mehrstimmiger Gesänge Beifall. Deklamationen und dramatische Vorträge, in die ein Hausdichter mit gutem Humor zahlreiche Anspieluugen auf das innere Leben der Kolonie eingelegt hatte, trugen zur Hebung der Stimmung bei. Alle diese Beispiele beweisen, daß nicht nur Arbeitslrrst, sondern auch Frohsinn in dem Institut waltet. So kam denn auch in der Generalversammlung die Empfindung zum Ausdruck, die sich jeden: Besucher der Kolonie aufdrängt, daß diese Unglücklichen die Sympathie, die ihnen entgegengebracht wird, eher verdienen als das Mißtrauen, das in uneingeweihten Kreisen noch immer herrscht. Für den großen Anteil, der Herrn Inspektor Behrendt an dem Gedeihen der Kolonie gebührt, wurde ihm seitens des Vorsitzenden öffentlich Anerkennung gezollt. Trotz der wachsenden Shnrpathie hat sich, wie der Rechnungsbericht für 1904 ausweist, ein Fehlbetrag von 551,10 M. ergeben. In dankenswerter Weise hat sich der Vorsitzende des Wohlfahrtsausschusses Herr Oskar Tietz bereit erklärt, dieses Maicko zu decke::; sein Stellvertreter Herr Max Blumenfeld hat 50 M. für die Ergänzung der Turngeräte bewilligt. Zu dem Wohlfahrtsausschuß wurden die Herren Emil' Cohn, Samuel Cohn, Moritz Danielsohn und 'Emil Jacoby in Firma Wagner L Jacoby hinzugcwählt. Die ausscheidender: Vorstandsmitglieder und Kassenrevisoren wurden einstimmig wiedergewählt. iüfiünfiffiiii

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