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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-21 · Heft 16 (21.4.1905) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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69. Jahrgang, No. 16. Berlin, 21. April 1905. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" Korrklpondrn?m und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 15. April. Im Sitzungssaal der Repräsentanten fand am 10. d. M. die 17. Delegiertendersammlung des Verbands für jüdische Wohltätigkeitspflege statt. Nachdem die satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses sämtlich wiedergewählt waren, gab der Vorsitzende des Verbandes, Justizrat Breslauer, einen umfassenden Bericht über die Tätigkeit desselben und legte die allgemeinen Gesichtspunkte dar, die vielleicht in nicht zu ferner Zukunft für die Ausgestaltung des Verbandes bezw. der ihm angeschlossenen Vereine in Frage kommen können. Wir leben, so führte der Redner aus, in einer recht merkwürdigen Zeit: Babel und Bibel, Angriffe und Herabsetzungen des Judentums auf der einen Seite und andererseits auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege eine Strömung, die alle konfessionellen Unterschiede beseitigen möchte. Das ist ein Zeichen, daß wir uns in einem Uebergangsstadium befinden, das noch eine Weile andauern wird, das aber gerade auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege zu einem Ziele führen wird, welches uns allen nicht unangenehm sein dürfte. Eine Veranlassung zur Begründung eines Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege ist oft in Zweifel gezogen worden, doch muß nut n wohl uirterscheiden, wollte man ein gedeihliches Zusammenwirken aller Vereine ermöglichen, zwischen den Vereinen, die wirklich keinen Unterschied in der Konfession machen und denjenigen, die nur vorgeben, kernen Unterschied zu machen. Die letzteren sind noch in der vorwiegenden Mehrheit. Gewiß sollten sich die jüdischen Vereine von den christlichen nicht ganz zurückziehen, namentlich nicht auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege, aber sie sollen sich denen nicht aufdrängen, die von ihnen nichts wissen wollen; wer die jüdischen Vereine haben will, findet sie stets zur Stelle und zur Mitarbeit gern und freudig bereit. Bei Gelegenheit eines Vortrages über das System der Elberselder Armenpflege hat der auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege verdienstvoll tätige Stadtrat Münsterberg ansgesührt, daß der Grundgedanke des Elberselder Systems sich unfehlbar auf die Armenpflege der christlichen Urgemeinden zurückführen lasse, „'denn das Menschliche übt man, weil der Mensch eben Mensch bleibt, heute wie vor 2000 Jahren . Hier Hab Münsterberg einen kleinen Schritt zu wenig rückwärts gemacht, sonst würde er gefunden haben, daß dieser Grundgedanke schon vor den Urchristengemeinden vorhanden war und lange vorher schon von Juden durchgeführt worden ist. In ganz vorzüglicher Weise Hot jüngst bei Gelegenheit einer Debattte über die Einrichtung eines Wohlfahrtsinstituts der neue Minister des Innern dargetan, daß, je unabhängiger man sich von Vorurteilen politischer, religiöser und sozialer Art halte, je ehrlicher man das Wort zur Geltung kommen lasse: „Nichts Menschliches ist mir fremd", man um so größere Vorteile erzielen werde. Aus diesen beiden Vorgängen ist die Lehre zu ziehen, daß die jüdischen Vereine sich nicht fern halten sollen von denen, die sie suchen, andererseits aber ihre Einrichtungen auf eine solche Höhe zu bringen bemüht sein sollen, daß sie jeder aufsuchen muß. Eine Bestätigung dieser Ansicht haben die Erfahrungen des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege gebracht. Es sind diesem Verbände nunmehr 71 Vereine angeschlossen. In der letzten Zeit sind wiederum zwei neue Vereine begründet worden. Es empfiehlt sich sehr, vor jeder Neugründung den Verband um Rat zu fragen, denn es gibt manche Zwecke, für welche es an Vereinen fehlt, aber viele Zwecke, für welche neue Vereine überflüssig sind. Es wurden im Laufe des Jahres 14006 Anfragen an den Verband gerichtet und 13 945 Berichte sind an diesen gelangt. Sehr zu beklagen ist der Mangel an Institutionen, um kranke Kinder unterzubringen; füridiotische und verkrüppelte Kinder ist bisher so gut wie nichts geschehen. Auf dem Gebiete der Kinderfürsorge ist die Vereinigung aller derjenigen Vereine, welche die gleichen Ziele verfolgen, dringend zu wünschen. Der Verein Hauspflege hat nach seinem letzten Bericht 88 jüdischen Familien Pflegefrauen gestellt. In einer großen Zahl ist also hier Hilfe in einer Weise, die man bisher nicht kannte, gewährt worden. Vorzüglich hat sich hierbei die vom Verein Hauspflege angestellte Gemeindeschwester betätigt. Die Organisation der Wöchnerinnenpslege erfreut sich andauernd guter Fortschritte. Im ganzen gingen 480 Gesuche von 324 Bittstellern zur Unterstützung ein; erfreulich ist, daß im Verhältnis zu früheren Jahren größere Unterstützungen gewährt werden konnten. Es konnten 8599 Mark zur Verteilung gelangen; in einem Falle wurden 100 Mark, in 23 Fällen 50 Mark, in 83 Fällen 30 Mark, nur in 3 Fällen 10 Mark bewilligt, während in den Vorjahren die größte Zähl der Petenten nur mit dem letztgenannten Betrage bedacht werden konnte. Nur ein einziger Verein „Mathilde", der der Wöchnerinnenpflege sich widmet, steht dem Verbände und der Organisation bedauerlicherweise noch fern. Ein in den Beratungen des Verbandes noch nicht behandelter Teil der Wohlfahrtspflege ist die Sorge für Badereisen und Landaufenthalt. Es liegt hierzu ein Expose eines Beamten der Armenkommission vor, welches die für die Behandlung der diesbezüglichen Gesuche bei der Kommission maßgebenden Grundsätze darlegt und zeigt, wie große Arbeit und Mühe die Unterbringung Kranker und Erholungsbedürftiger in Badeorten und aus dem Lande macht. Wir behalten uns vor, auf diese Darlegungen, die auch weitere Kreise interessieren dürften, gelegentlich zurückzukommen. Die vorhandenen Einrichtungen reichen jedenfalls noch lange nicht aus; einzelne Leistungen müssen besonders hervorgehoben werden, so hat u. a. das Genesungsheim Lehnitz allein im verflossenen Jahre 418 Pfleglinge aufgenomnien. Gegenstand der Erwägung wird es sein müssen, in welcher Weise auf alle Badeorte und Erholungsheime ein Einfluß vom Verband aus erlangt werden kann, insofern als man genau über die Bettenzahl an den einzelnen Orten orientiert ist. Erholungsbedürftige, sonst gesunde Männer'und Frauen haben einen ganz besonderen Anspruch auf Hilfe, da ihnen schnellstens die Exiftenzfähigkeit wiedergegeben werden muß. — In einem klaren und völlig objektiven kurzen Referat lehnte alsdann an der Hand eines sorgsam gesammelten Materials Dr. Albert Levh, der Leiter des Auskunftsstelle der „Ethischen Kultur", die Institution des am 8. Mai geplanten „Kinderhilfstages" ab. Das praktische Interesse an dieser Veränstaltuug bezeichnete er als kein sehr großes, weil erfreulicherweise von jüdischen Institutionen nur eine sehr geringe Zahl sich cmschließen will. Aber über die praktische Bedeutung hinaus geht die ideelle Bedeutung der Veranstaltung: sie ertötet den Trieb zu ernster Wohltätigkeitspflege, indem sie von der einzig zweckmäßigen persönlichen Hilfsarbeit ablenkt, und vernichtet somit ungemein viel an moralischen Werten. Nach dem Urteil des Redners hätte es die jüdische Wohlfahrtspflege für einen Ehrentitel ansehen sollen, sich an dieser Institution nicht zu beteiligen. Tie eifrigen Bemühungen der Diskussionsredner, so der Herren Hermann Abraham, des „Spiritus reetor" des Kinderhilfstages, und Grasheim, die zahlreich erschienenen Delegierten dem geplanten Unternehmen günstiger zustimmen, waren vergeblich. Bedauerlich blieb nur, daß infolge der über Gebühr ausgedehnten Debatte über dieses dem Tätigkeitsbereich des Verbandes sernliegende Thema die Versammlung nicht mehr in eine Erörterung der mannigfachen vom Vorsitzenden angeregten Punkte eintrat. M. Berlin, 16. April. Die diesjährige Generalversammlung des Israelitischen Fortbildungsvereins Montefiore fand am 26. v. M. im Vereinslokal Dircksenstraße 46 statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Moses, konnte in seinem Jahresbericht von dem in jeder Richtung erfreulichen Wachstum des Vereins Mitteilung machen, der seine höchste Aufgabe darin sieht, jüdisches Wissen unter den jüdischen jungen Leuten zu verbreiten und das alte Judentum im modernen Gewände zu erhalten. Besonderen Zuspruches hatten sich im letzten Winter die neu eingeführten Diskussionsabende zu erfreuen. Ein

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