Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Königen der Chazaren in alle.Ewigkeit, und die Gott erhalten möge bis in alle Ewigkeit, Amen, Selah. Und dies ist die Geschichte." — — — Joseph atmete tief ans. , - ' ' „Warum hast Du grad^ hier aufgehört, Großvater?" sagte er bedauernd. „Jetzt gerade, wo die Geschichte anfängt!" „Die Uebersetzung wird Monate dauern," erwiderte der Alte. „Wir können nur jeden Tag einen Teil vornehmen. Nur Geduld! Heute ist es ohnehin schon sehr spät. Aber wenn es dem Herrn Grafen recht ist, dann morgen Abend weiter." „Gewiß, gewiß!" sagte der Graf. „Ich bin selbst sehr gespannt auf die Enthüllungen. Denn Enthüllungen werden es doch wohl seüi, nach der Einleitung." Joseph, dessen Gesicht vor Erregung mit Fieberröte bedeckt, machte Einwendungen. „Ich nehme das Manuskript mit nach Hause und arbeite der: ganzen Tag daran," sagte er „und Abends lese ich das Resultat vor. „Oder," meinte Marie, „wir arbeiten hier im Hause zusammen tagsüber daran." Doch der Graf protestierte. Nein; er'wollte beim Uebersetzen dabei sein. Auch der Großvater war dafür, daß die Uebersetzungen nur at>cub§ vor sich gingen. So blieb es denn dabei. Bald verabschiedeten sich Großvater und Enkel. „Noch gar nicht die Schlinunsten, die ich kenne," ureinte nachher der Gras zu seiner Tochter. „Die alten Juden können vielleicht ganz nette Kerls gewesen sein. Aber erzühlls nicht wieder, sonst bilden die sich am Ende noch was darauf ein." Diese banale Bemerkung charakterisierte ihren Bater so gründlich, daß die fein fühlende Maria nur bitter lächeln konnte. Am nächsten Abend wurde die Arbeit wieder ausgenommen. Einige Stunden diktierte der Großvater die Buchstaben mit einer Fertigkeit, die - alle in Erstaunen setzte. Diesmal stand Ludanyi hinter ihm, verfolgte die Arbeit und überzeugte sich von deren Nichtigkeit; denn hebräische Buchstaben konnte erlesen. Schließlich konnte Joseph mit dem Uebersetzen beginnen. Und während ihn: vor Erregung der Atem stockte, Hub er an, die Schlußworte des Abends vorher wiederholend: „Und dieses ist die Geschichte: Das Jahr 796, so wie die Christen es rechnen, war ein seltsames Jahr. Es war viel vorgegangen in der Welt. Unsere Glaubensbrüder waren gedrückt und verfolgt worden an einem Ende der Erde, und zu Ruhm und Macht gekommen am andern Ende. Uns Juden im römischen Land ging es gut, wogegen die Bulgaren uns verfolgten und Byzanz uns haßte. Und als Hie Not in diesen Ländern am größten geworden, da erleuchtete Gott den Sinn des Königs der Chazaren, des großen Bulan, und er trat über zu dem Glauben des einzigen Gottes und ließ sich und sein Volk aufnehmen in den Bund Israels, des auserwählten Volkes. Und das Chazarenvolk war mächtig und sein Land ein ebenbürtiger Nachbar von Byzanz, jenseits des Meeres. Und viele verfolgte Juden kamen ins Reich und wurden dort ausgenonunen von den Chazaren als Brüder. Während nun in diesem Jahre im chazarischen Reiche der Uebertritt zmn Judentum unter großem Jubel der ganzen Bevölkerung vor sich gegangen war, und ebenso wie Friede herrschte im ganzen Lande, so herrschte um so größere Unruhe in den Nachbarländer:. Die allernächsten Nachbarn, die Poljaren, Severjaren, die Radimitschen und Wjatitschen, — die allerdings verhielten sich ruhig und lebten in Frieden, denn sie waren untertan dem großen König der Chazaren, Chakan Bulan, und zahlten ihm Tribut. Und wenn doch die Juden verfolgt wurden, — oder ihre Bethäuser zerstört, — ja, wenn die Mohammedaner oder Christen irgendwo auf der Erde nur die Juden manchmal belästigten, dann zog Chakan Bulan gegen seine Vasallen zu Felde und zerstörte ihre Moscheen und Kirchen. Und so kamen die Juden zu Ansehen in allen Landen und überall war Ruhe in: ganzen Reiche. Dagegen löste im großen Nachbarlande Byzanz eine Revolution die andere ab. Zwar war Ruhe momentan im Jahre 796, wie die Christen es zählen, — aber die Ruhe war wie die, welche vorangeht einen: großen Sturme auf dein Meere. Gar viele Zeichen deuteten an, daß neuer Krieg im Anzug sei in Byzanz. Im Frühling waren die Heuschrecken über das Land hergefallen und hatten zerstört die Ernten und das Gras — und das sei schon ein sicheres Zeichen einer neuen Revolution^ sagten die Ackerbauer von Byzanz. Dann hatte sich einmal, im Sommer, die Sonne verfinstert mitten am Tage, so daß es schwarz und finster geworden, und bald darauf hatte man einen eigentümlichen Stern — einer: Kometen gesehen am Himmel. Und in Konstantinopel (Byzanz) hatte ein Bauer sogar ein Kreuz aus Feuer geseherr in den Wolken. Darauf wurde ein großes Fasten und Almosengeben im ganzen Lande angeordnet, und die Priester prophezeiten, daß die Pest werde ausbrechen, und die ganze menschliche Rasse vernichten. Die Ackerbauer aber schüttelterr ihre Köpfe und sagten: „Revolution!" Und die Ackerbauer hatten recht. Es war im letzten Monat des Jahres 796 — wie die Christen es rechnen. Und Nacht war es und der Mond war anfgegangen jenseits der Wolga und erleuchtete die ganze Steppe ringsumher und inachte sie silberweiß aussehen. Weit in der Ferne waren zu sehen eigentümliche Gestalten und hin m:b wieder wurde der Mond verdunkelt durch eine kleine Rauchwolke. Die Gestalten bewegten sich langsam vorwärts, bis sie sich ganz verloren hatten in der Ferne. Ein scharfer Wind pfiff herüber von der Wolga, es klang wie ein Klagelied und die vertrockneten Disteln beugten sich wie in Angst und Ehrfurcht. Und als der Mond, der einen Moment verschwunden war hinter einer Wolke, wieder hervortrat, da konnte man einen Reitersmann sehen, der Wacht hielt auf einein kleinen Hügel. Und als er noch so stand und seine Blicke hinausschweisen ließ über die Steppe, da ließ' die Kraft des Windes einige Minuten nach und lautlose Stille herrschte. Und dann ertönte ganz plötzlich, so plötzlich, daß der Reitersmann sehr erschreckte in seinen: Sattel, ein scharfer, greller Pfiff. Und viele verworrene Laute waren zu hören , und dann riefen Menschen durcheinander: Jesus Christ! Allah! Allah! Hilfe, Mord! Und Pferdegetrampel wurde vernehmbar, und vermischte sich mit dem Rasseln von Speeren und Schildern. Neue Reitersleute erschienen, als seien sie plötzlich hervor gezaubert aus der Erde. Es war, als ob ein Sturm wäre hereingebrochen über die ruhige Wildnis. Und dann konnte inan ganz deutlich hören über den Lärm hinaus das Stöhnen von Männern. Schließlich aber wurde alles ruhig, der Kampf war vorüber. Die Reitersleute versammelten sich auf dein Hügel, einer von ihnen stieg vom Pferde und sah genau hin auf etwas, das da lag auf dem Boden. Dann konnte man hören durch die Finsternis eine kräftige befehlende Stimme: „Heh! Ihr da! Macht Licht!" Gleich darauf flogen. Funken durch die Luft, und eine Flamme sprang von ben trockenen Wurzeln und dem Feuer-