Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Vater hatte aus seiner Rocktasche sein Samtkäppchen hervorgezogen, und es bedächtig auf seine grauen Haare gedrückt, dann ebenso bedächtig ans seiner anderen Tasche Brille, Tabaksdose und Schnupftuch hervorgekramt, die Brille behutsam auf die Nase gesetzt, und dann mit einem Blick 31t seinem vis-ä-vis hinüber geschaut, als wenn er sagen wollte: So, nun kann's losgehen. Ludanyi hatte die Vorbereitungen des Alten wahrgenommen, ohne mit einer Wimper zu Zucken. Denn all diese „Privilegien", diese Verstöße gegen die Etikette und ganz speziell das Tragen des „Käppchens,"" hatte sich Joseph ausbedungen. Der reine „Hos-Zeremonienmeister" hatte Maria ihn lachend genannt.' Nun lag das Manuskript entrollt auf dem Tisch und der Großvater crzühte von seinen Studien und wie er den Schlüssel zur Entzifferung der Schrift gefunden. Alle hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu. „Demnach scheint es ein schwieriges Stück Arbeit gewesen zu sein,"' sagte Ludanyi, als der alte Herr feinen Bericht beendet. „Und was enthält das Manuskript V Die Frage war klar und deutlich gestellt worden, der Gefragte schien sie aber gänzlich überhört zu haben. Er fing wieder von den Schwierigkeiten der Entzifferung zu sprechen an, so daß Ludanyi nochmals fragte: „Und haben Sie das Manuskript gelesen." „In den drei Monaten wäre das kaum möglich gewesen, edler Herr," lautete die Antwort. „Die Uebersetzung des Manuskripts allein würde solange in Anspruch nehmen — und ich nmßte doch erst den Schlüssel suchen." Die Art der Antwort fiel niemand aus, außer Joseph. Der wurde stntzig. Warmn hatte der Großvater nicht einfach mit „ja" oder „nein" geantwortet und die erste Frage ganz überhört? Warmn die Umschreibung, die allerdings keine direkte Bejahung, aber ganz gewiß auch keine Verneinung war? Er kannte seinen Großvater. Der tat nichts ohne Ueberlegung, ohne guten Grund. Also warmn? Weil er keine Unwahrheit aussprechen wollte? Dann müßte er nach seiner Antwort zu urteilen, den Inhalt des Manuskripts schon vor. der Auffindung gekannt haben. Aber das war ja unmöglich undenkbar. Sollte der Großvater — Es schien fast, als ob dieser die Gedanken seines Enkels erraten hätte, denn er unterbrach Josephs Gedankengang mit den Worten: „Nun hör' auf zu träumen, mein Kind und achte auf das, was ich Dir sagen werde. Wir werden jetzt gleich mit der Entzifferung und Uebersetzung beginnen. Und damit Du mir Helsen und vielleicht auch manchmal ein bißchen allein arbeiten kannst, will ich Dir den Schlüssel mitteilen. Er ist etwas - kompliziert. Nun Paß auf, also — jeder fünfte der Buchstaben wird aneinandergereiht, bis sie ein Wort ergeben, aber nicht von links nach rechts, wie man sonst hebräisch liest, sondern von oben nach unten. Wenn Du scharf hinschaust, dann wirst Du bemerken, wie genau die Buchstaben in grader Linie untereinanderstehen. Hast Du das Ende der senkrechten Linie erreicht, so sängst Du wieder an derselben Linie von oben an und reihst nun jeden sechsten, dann jeden siebenten Buchstaben aneinander. Du wirst finden, daß der letzte Buchstabe unten immer den Abschluß eines Wortes bildet. Die ersten vier Buchstaben einer jeden Reihe aber sind da, um irre zu führen und überhaupt die Schlüsselschrift Zu ermöglichen, sie haben keinerlei Bedeutung." Und nun ging's an die Arbeit. Der Großvater diktierte die Buchstaben, Jgseph reihte sie aneinander, Ludanyi und Maria saßen da und beobachteten die beiden und obwohl sie kein Wort verstanden, waren sie doch ganz bei der Sache und lauschten mit verhaltenem Atem und vor Erregung geröteten Gesichtern. Die Arbeit ging schneller von statten als man glauben sollte, und nach etwa zwei Stunden erklärte der Großvater, daß Joseph jetzt ans Uebersetzen gehen könnte. Und darauf begann Joseph der Maria die Uebersetzung der gefundenen Handschrift zu diktieren. Keine von beiden ahnte, welche entscheidende Rolle dieses vor wahrscheinlich hunderte von Jahren geschriebene Manuskript in ihrem Leben spielen sollte. Auch Ludanyi ahnte es nicht. Des Großvaters Lippen aber bewegten sich leise wie im Gebet. Bekanntlich fehlte der Anfang der Rolle, und das Manuskript begann mitten im Satz: Joseph diktierte: . Denn, 0 König, die Gefahr ist vorüber. Aber groß war sie, sehr groß — und Du hattest davon keine Ahnung. Der Gott, der Israel inuner noch beschützt hat in höchster Gefahr, er hat auch Dich beschützt. In meinem letzten Schreiben habe ich Dir freit Schlüssel zu dieser Schrift initgeteilt, und nachdem Du mir, 0 König, bestätigt, daß Du ihn unversehrt empfangen, will ich Dir die Geschichte mitteilen, wie sie sich zugetragen, damit Du daraus ersehen mögest, die Größe unseres Gottes und die Ohnmacht Deiner Feinde. Und da niemand wissen braucht um diese Geschichte, darmn Hab' ich gewühlt die Geheimschrift. Und wenn Du folgest meinem Rat, v großer König, dann wirst Du nie niederschreiben den Schlüssel zu dieser Geheintschrift, sondern mündlich wirst Du ihn mitteilen Deinem Sohne, auf daß er ihn mitteile seinen Enkeln und so weiter bisins jüngste Geschlecht. Damit die Geschichte nun aber auch verständlich sei Deinen zukünftigen Geschlechtern, will ich sie niederschreiben nicht nur wie einen Bericht für Dich, sondern ich will sie niederschreiben wie eine Chronik aus Deiner Zeit, damit noch zukünftige Geschlechter werden erkennen, wie groß war die Macht und die Kraft und der Ruhm der Ehazaren und wie unser großer Gott beschützt hat den König derselben vor seinen geheimen Feinden in großer Gefahr. Doch ehe ich mit der Erzählung beginne, die ich gesammelt habe ans Wort und- Schrift und. deren viele Einzelheiten ich mir mußte verschaffen durch List, will ich noch zwei Sachen erwähnen. Die erste Sache ist, daß es Dir, 0 großer König, wird manchmal unglaublich erscheinen, daß sich die Geschichte so habe zugetragen, wie ich sie niedergeschrieben. Darauf will ich jetzt schon erwidern: Jedes Wort dieser Erzählung ist absolut wahr! Ich habe jeden Satz geprüft, jede Behauptung erwogen, ehe ich sie niederschrieb, jetzt kann ich ruhig sagen: Alles ist wahr! Vergiß nicht, 0 König, daß Du ein Dorn bist iin Auge der andern Völker, erstens weil Du mächtig bist — Gott sei gelobt — und zweitens, weil Du bist ein Jehudi. Alles ist recht Deinen Feinden, keine Schändlichkeit ist ihnen zu groß! Aber sie haben nicht gedacht an unfern Gott, Deinen Beschützer, und sind zu Schanden geworden in ihrem Tun. Die zweite Sache ist, daß ich Dich bitte, 0 König, nicht zu vergessen, daß ich kein großer Gelehrter bin, und daß ich gezwungen bin heimlich, zu schreiben und in Geheimschrift. Daher, 0 König, sei gnädig mit nur und beurteile nicht zu hart meine Schrift und Art des Schreibens und glaube mir, daß .ich niedergeschrieben habe diese Erzählung, so gut ich es gekonnt, und der Wahrheit gemäß, mit Gott im Herzen und init der Ehrfurcht und Liebe zu Dir, 0 großer König, mit der alle Jehudim in der ganzen Welt zu Dir aufbticken und innner aufblicken werden zu den guten, großen jüdischen