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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-21 · Heft 16 (21.4.1905) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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hört auf und es gibt nur Wahrnehmungen." (Dieses widerspricht aber der ganzen Grundlage der Kantschen Philosophie.) „Hat . es je eine Philosophie gegeben, die*sich selbst derartig widerspricht und sich nicht bloß in der Konsequenz, sondern sogar schon im Prinzip unmöglich macht?" „Gewiß ist es unstatthaft, von zufälligen Erscheinungen auf ein absolut.notwendiges Sein zu schließen. Allein der Ausdruck „Zufall" will im kosmologischen Argumente nicht besagen, daß wir vor einer Wirkung stehen, für die wir keine Ursache anzugeben wüßten; vielmehr ist der Sinn eigentlich der: Jede endliche Erscheinung als „gewordene" hat den Grund ihrer Existenz nicht in. sich selbst, folglich muß sie ihn in einem andern haben, dieses wieder in einem andern und so weiter. Will man alfü bert regressus in infinitum (das Zurückgehen ins Unendliche) vermeiden, so muß ein Letztes, durch sich selbst Seiendes angenommen werden." . . . „Man geht (beim kvsmologischen Beweise) nicht vom Zufall, sondern von der Vorstellung eines streng kausalen Zusammenhanges sinnlicher Erscheinungen aus. Dieser Zusammenhang ist aber nicht denkbar, wenn die Reihe des Endlichen endlos ist. Gibt es keine letzte, absolut notwendige Ursache, dann erst wird die ganze Reihe zufällig." „Verschiedene Aeußerungen lassen erkennen, wie ihm (Kant) bei seinen eigenen Behauptungen unheimlich und schwindlig zumute war. „Es ist etwas Merkwürdiges," lautet eine Stelle, „daß, wenn man voraussetzt, etwas existiere, man der Folgerung nicht Umgang haben kann (d. h. nicht ausweichen kann), daß auch.etwas notwendig existiere." Aus diesem ganz natürlichen (ob zwar darum noch nicht sicheren) Schlüsse beruht das kosmologische Argument." (Das. S. 472.)' Hierzu bemerkt Spicker mit Recht: „Wenn das kosnwlogische Argument etwas überaus „Merkwürdiges" und sein „Schluß ganz natürlich" ist, warum soll er denn /unsicher" sein? Ist es denn nicht wahrscheinlicher, daß Kants Erklärung unnatürlich, als daß der „natürliche" Schluß. „unsicher" sei, wenn er doch selbst zugeben muß, daß er zu dem Existierenden überhaupt etwas Notwendiges annehmen müsse, weil „er das Zurückgehen zu den Bedingungen des Existierens ohne Annahme eines notwendigen Wesens niemals vollenden könne." (Das. S. 472.) Professor Spicker schließt seine Verteidigung des kosmologischen Beweises gegen die Angriffe Kants mit folgenden Worten: „Der kosmologische Beweis ist die tiefste Wurzel aller Metaphysik und Transzendentalität. Wenn sich irgendwo der Hebel ansetzen läßt, um Kants Philosophie aus den Angeln zu heben, so ist es an dieser Stelle," „Das kosmologische Argument führt in gerader Linie von der eigenen zu einer absoluten Existenz; es ist klar und bestimmt, und jedermann zugänglich und verständlich. Logische Subtilitäten und störende Einwürfe von seiten der Erfahrung.. sind hier ausgeschlossen. — Deshalb steht dieses Argument im Mittelpunkt aller Philosophie. Wer nicht den Mut hat, sich in diesen „Abgrund der Vernunft" zu stürzen, der muß eben an der Oberfläche des Empirismus sein unphilosophisches Dasein fristen oder wie Kant auf die „Praktischen Postulate" sich stützen." ... Zum Schluffe sei noch aus etwas in der Kantischen Gegenargumentation hingewiesen, welches von Spicker zwar angegriffen wurde, aber nicht mit der Waffe, welche in diesem Falle die wirksamste zu sein scheint, nämlich mit dem Nachweise eines flagranten Widerspruchs, den sich Kant, hat zu schulden kommen lassen. Kant - sagt (Das. S. 471): „Die unbedingte Notwendigkeit-; 'die wir, als den letzten Träger aller Dinge, so unentbehrlich i bedürfen, ist der wahre Abgrund für die menschliche Vernunft. . . . Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, man kann ihn aber auch nicht ertragen, daß ein Wesen, welches wir uns auch als das. höchste unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst sage: Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts, ohne das, was bloß durch meinen. Willen etwas ist; aber woher bin ich denn? Hier sinkt alles unter uns, und. die größte Vollkommenheit wie diekleinste schwebt ohne Halt vor der spekulativen Vernunft, der es nichts kostet, die eine wie die -andere ohne das mindeste Hindernis verschwinden zu lassen." Spicker entgegnet: „Von einem Kant sollte man kaum erwarten, daß er, wie Kinder und Halbgebildete zuweilen zu - tun pflegen, die Frage an sich stelle: „Aber woher kommt Gott selbst?" oder daß er gar der Gottheit die Frage in den Mund lege . .. Wie soll die größte Vollkommenheit' vor der c-spekulativen Vernunft ohne Halt schweben, wenn doch diese gerade -eine solche Vollkommenheit fordert, und, statt sie mir nichts dir nichts verschwinden zu lassen, mit allen Kräften sich danach sehnt und an ihr festhält, wie alle höhere Philosophie und Religion durch die ganze Geschichte unumstößlich - beweisen?" — Es wundert mich sehr, daß der scharfsinnige Kritiker es übersehen hat, daß Kants obige Aeußerungen in direktem Widerspruche mit seinen „Postulaten der praktischen - Vernunft" stehen. Denn wenn die Idee eines vollkommensten : Wesens vor der spekulativen Vernunft ohne Halt schweben soll, dann ist doch die praktische Vernunft erst recht nicht geeignet, ' ihr eine vollkommen sichere Stütze zu verleihen, und wenn's : der spekulativen Vernunft nichts kostet, die Vollkommenheit ohne das mindeste Hindernis verschwinden zu: lassen, warum sollte dieses nicht auch der praktischen möglich sein? Und doch baut Kant auf diesem „Abgrund der Vernunft" eine ganze -Religions- und Sittenlehre auf! Und doch muß die praktische Vernunft dasselbe Wesen mit seinen „schaudererregenden" Attributen der Notwendigkeit, Ewigkeit und der Aseitätz (d. h. die Existenz durch sich selbst), dessen Gedanken nach Kants Meinung die spekulative Vernunft nicht einmal „erfragen" kann, — nicht nur ertragen, sondern sogar zu einem -'//empfundenen lebendigen Gott" machen! Das ist allerdings -nicht spekulativ, sondern echt „Praktisch". Es würde sich wohl der Mühe lohnen, noch andere Partien 1 aus dem sehr lehrreichen und schön geschriebenen Buche Spickers 'einer Besprechung zu unterziehen; allein ich bin der Meinung, ' daß ein solches Buch nicht in Exzerpten, sondern ganz gelesen -werden muß. — Bit gekundrne tzsndlchrikt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. f . III. 2^rei Monate später. Reb Jehuda hatte, von Joseph geführt, zur verabredeten Zeit das Vibliothekzimmer betreten und Graf Ludanhi ,war ihnen bis zur Tür entgegengekommen und hatte den /Greis willkommen geheißen. Dann hatte man schweigend am 'Tische Platz genommen; der Großvater und Joseph aus der einen, Vater und Tochter auf der anderen Seite. Der Groß-

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