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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-21 · Heft 16 (21.4.1905) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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Kant als Notbehelfe für bie der Mützen der spekulativen Vernunft durch ihn beraubt fein 'sollende Religion erfunden hat. Ja, manche unter ihnen gehen noch weiter und konstruieren sich eine Religion ohne transzendentes höchstes Wesen, die sogenannte .„Humanitätsreligion." Bei "ihnen scheint Religion nicht mehr -.Konsequenz des. Systems, sondern nach berühmtem Muster. „Privatsache" zu sein. Angesichts solcher „Depravation des philosophischen Denkens", welches nur noch „am Boden zu kriechen" sich getraut, es aber keineswegs mehr wagt, sich zu den lichten Höhen der Spekulation zu erheben, in denen einst die Geisteshelden des Menschengeschlechts, ein Aristoteles, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Mendelssohn sich so wohl fühlten und Unvergängliches leisteten — ist es wahrhaft-erfreulich, einen Mann zu sehen, welcher, ausgerüstet mit einem eminenten kritischen Scharfsinn und einer erstaunlichen Belesenheit auf dem Gebiete der philosophischen Literatur, es unternimmt, die beiden Hauptbeweise für das Dasein Gottes gegen die Angriffe Kants zu verteidigen, und zwar, wie mir scheint, nnt durchschlagendem Erfolg. Dieser Mann ist Professor Dr. Gideon Spicker, Ordinarius für Philosophie an der Universität zu Münster?) In seinem Buche: „Der Kampf zweier Weltanschauungen" (Stuttgart, Fr. Frommann) unterzieht er die Kantsche..Kritik der Argumente für das Dasein Gottes einer sehr scharfen ..Gegenkritik und kommt zu dem Resultate, daß besonders der kosmologische Beweis seine Bündigkeit trotz aller Angriffe, die er. im Laufe des vorletzten und letzten Jahrhunderts erfahren, durchaus nicht verloren habe. Es bedarf wohl keiner Entschuldigung, daß - in folgendem versucht wird, eine streng metaphysische Materie in einer für ein größeres Publikum bestimmten Zeitschrift zu behandeln. Scheuen sich doch heute die Gegner der Religion nicht, den puren Atheismus in den Tageszeitungen in der zynischsten Weise zu predigen. Und welche Wochenschrift wäre wohl mehr berufen, die in Rede stehende Frage zu diskutieren als diejenige, deren Begründer sein. Leben lang den ununterbrochenen Kampf gegen . den Materialismus seiner Zeit geführt hat. Und wenn man vielfach zu hören und zu lesen bekommt, daß der Materialismus ein bereits überwundener Standpunkt sei, so ist das nur eine Täuschung, denn der Monismus unserer Tage ist doch, wie jeder Kenner weiß, nur ein verkappter Materialismus. Der kosmologische Beweis für das Dasein Gottes lautet in der Fassung, die ihm von Kant gegeben wurde, folgender-' maßen: Wenn etwas existiert, so muß auch ein absolut notwendiges Wesen existieren. Nun existiere zum mindesten ich selbst; folglich existiert ein absolut notwendiges Wesen." (Kritik der reinen Vernunft, S. 465.) Kant gibt hierzu in einer Anmerkung eine kurze Erläuterung, deren Sinn ungefähr folgender ist: „Diese Schlußfolge geht vom vermeintlichen Naturgesetz der Kausalität aus. (Kant sagt „vermeintlich", weil nach seiner Theorie die Kausalität nicht über den Kreis der menschlichen Erfahrung hinausgehe oder, wie er sich auszndrücken pflegt, nicht trans-, zendental sei.) Danach muß alles Zufällige eine Ursache haben. Wäre diese aber auch zufällig, dann müßte sie eine andere Ursache haben und so weiter. Diese Reihe von. einander untergeordneten Ursachen kann h Spicker galt früher sogar als Pantheist, hat aber' in seinem Werke: „Der Kampf zweier Weltanschauungen" eine vortreffliche Kritik des Pantheismus geliefert, auf welche näher einzugehen ich mir Vorbehalte. nicht ins! Unendliche -zurückgehen ' (sogenannter regressus in infuiitum), sandern muß zuletzt bei einer Ursache endigen, die absolut notwendig ist (d. h.' die durch sich selbst oder -- wie. der schulphilosophische Ausdruck lautet — a se existiert), ohne welche die ganze Reihe keine Selbständigkeit haben kann. : Nun behauptet Kant, in diesem Beweise stecke ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen der menschlichen Vernunft. Der Haupteinwurf richtet sich gegen den Schluß von den zufälligen. Erscheinungen auf ein absolut notwendiges Wesen. Er hält diesen Schluß, so „natürlich"- er ihm auch scheint, doch nicht für sicher, und zwar hauptsächlich J deshalb, weil das Gesetz der Kausalität nicht „transzendental" sei, sondern nur innerhalb der empirischen Erscheinungen Geltung habe. „Denn alle Kategorien, durch welche ich mir einen Begriff von einem solchen Gegenstände (d. h. von einem absolut notwendigen Wesen) zu machen suche, sind von keinem anderen als empirischen Gebrauch, und haben -gar keinen Sinn, wenn, sie nicht auf Objekte möglicher Erfahrung,-d. i. auf die Sinnenwelt angewendet werden." (Das. S. 527.) Hierzu bemerkt nun Spicker folgendes: „Zutreffend ist diese Folgerung nur dann, wenn man die Kategorie der Kausalität^ bloß für eine Denkfo r m, und nicht für ein W e l t g e setz hält... Allein der Kritiker gerät durch .seine Kategorienlehre mit sich selbst in Widerspruch und verstößt sowohl gegen die Vernunft als gegen die Erfahrung." Denn, „angenommen, die Kategorie hätte wirklich nur Geltung innerhalb der sinnlichen Welt.. wir wären nicht imstande, mittels der Kausalität das absolute Sein zu erreichen: so bliebe zunächst ungewiß, ob es ein solches gäbe oder nicht; sicher wäre dann nur die Existenz der endlichen Erscheinungen; ob diese Erscheinungen jemals einen Anfang genommen haben oder ob sie (d. h. die Erscheinungen als Ganzes betrachtet) von Ewigkeit her sind, ließe sich nicht entscheiden. — Selbstverständlich ist jede (einzelne) Erscheinung, einmal entstanden, und was von jeder gilt, muß von allen vorausgesetzt werden. — Nun stehen wir vor der Frage: Woraus sind sie entstanden? Wieder nur von.anderen, noch weiter zurück liegenden Erscheinungen, oder von einem unbedingt e n, absoluten Etwas? Im letztern Fall hätten wir ja das ewige, durch sich selbst existierende Sein; im andern kämen wir auf die unendliche Reihe, die als „unendliche" keinen Anfang hat, und doch aus lauter Anfängen besteht — ein Widerspruch, wie er größer nicht gedacht werden kann." „. . . Aber auch seinen eigenen Standpunkt ist Kant nicht in der Lage, wissenschaftlich zu rechtfertigen. Das „Ding an sich" muß er unbedingt voraussetzen, wenn die „Erscheinung" sich nicht in leeren Schein auflösen soll. Ist dieses Ding nun die Erscheinung selbst oder existiert es außerhalb derselben: ist es empirisch oder, transzendent? Wenn empirisch, dann hört es auf, ein „Ding an sich" zu sein; wenn transzendent, dann ist es nur erreichbar mittels der Kategorie der Kausalität. Ja, noch mehr, es muß selbst von kausaler Natur sein, um die Erscheinungen als Wirkungen zu begreifen." — Nachdem Spicker auseinandergesetzt hat, daß bei der Annahme der Ursachlosigkeit des Kantschen „Ding an sich" zur Erklärung aller Daseinserscheinungen nichts weiter als der „Zufall" übrig bleibe,, daß. die' zeitlichen Vorgänge nichts 2lpriorisches an sich haben, und daß ihnen die Merkmale der „Allgemeinheit" und „Notwendigkeit" nicht zukommen, da dieselben nur im Besitze der „reinen Vernunft" sein können, fragt er mit Recht: „Woher kommt dieses sonderbare Vermögen, wenn es weiter nichts als Erscheinungen gibt? Identisch kann die Vernunft mit den Erscheinungen nicht sein, oder die „Apriorität"

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