Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
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Die „Nibelüngia" ist eine rein arische Burschenschaftober sagen wir, ein Korps. Der Held des Stückes, Schmelz —: der Name findet sich unter den Judenfamilien in der Gegend von Mährisch-Ostrau — ist sehr gut getauft worden, daher wird er in besagte Burschenschaft ausgenommen. Mit dem Taufnamen heißt Schmelz Franz Wilhelm. Der arisch und christlich gewordene Franz Wilhelm hat einen Cousin, welcher die griechisch-semitischen Namen Isidor Elieser Perlensam führt. Dieser, natürlich ein Zionist, kommt nach Wien, um dern entarteten Verwandten mit dem Fluche des Vaters zu drohen. Auch seine verlassene Geliebte Marie, aus der wohlbekannten Familie derer von Wawroch, kommt nach Wien und sucht den Geliebten der Jugend. Bei dieser Gelegenheit verliert sie das, was den reinen Jungfrauen immer als das höchste Gut galt. Unser „Nibelunge" aber will nur die Ver- - gangenheit „vergessen", das Judentum, die Geliebte, den Vater, er tut sich in den Straßenkämpfen gegen den polnischen Minister und für die deutsche Sache hervor. Natürlich ist Franz Wilhelm nicht nur Kämpfer in den Straßen Wiens, sondern auch gewaltig trinkender Nibelungenheld in den Kneipen. Aber das Unheil schreitet schnell, auch für Franz Wilhelm, das Unheil in der Gestalt des in seinen nationalen. Kaftan gehüllten, mit Peies — oder, wie ein Wiener Zeitungskr-tiker, der es doch als gewesener Jude wissen sollte, so schön schreibt: mit „Bajes" — geschmückten Vaters. Und da dieser ihm in der Kneipe des „Nibelüngia" entgegentritt, empfängt ihn der Nibelunge mit den Worten: „Wer sind Sie? Was wollen Sie." In einer Oper, sie heißt „Der Prophet", und ist von einem sicheren Meyerbeer, „singt" in ähnlicher Weife Jan von Leyden, der aber doch etwas mehr ist als Franz Wilhelm, seine Mutter „an". Man sieht, es wiederholt sich doch alles unter dieser Sonne, die in gleicher Weise Getaufte und Wiedertäufer bescheint. Und nun muß unser Nibelunge, zu dein wir wieder zurückkehren, sogar entdecken, daß einer seiner ^Konkneipanten Schuld daran trägt, wenn Marie Wawroch das verloren hat, was man so schön die Unschuld iiennt! Unglück über Unglück! Aber der Gipfelpuickt ist noch ilicht erreicht. Der rassenreine arische Bursche will sich mit Franz Wilhelm nicht schlagen. Den Vertust der Unschuld einer Jungfrau bewirken, ist nach dem Kodex des sittenreinen Jünglings gestattet, aber mit einem Schmelz, dem gewesenen Juden, sich zu schlagen, ist kounnentwidrig; denn Franz Wilhelm, Sohn eines Peiesgeschmückten Vaters, ist, weißt du es nicht, ungebildeter Zeitgenosse? satisfaktionsunfähig. Und so kehrt denn der verlorene Sohn in die-Hände des Vaters zurück, der aber beileibe nicht identisch ist mit dem Judentum; denn wir Juden verzichten auf solche Söhne, wir schenken sie den Konfessionen und Nationen der ganzen Erde; wir wollen von solchen Helden, aber auch von denen, die uns mit -den Epen und Dramen, die solche „Helden" behandeln, beehren, nichts wissen. Herr Adamus, wer ein Jude ist, hat Charakter und verleugnet seine Eltern nicht, auch wenn sie in Kaftane gehüllt sind, und geschmückt sind mit Peies. Den Jan von Leyden, der seine Mutter verleugnete, hat ein gerechtes Geschick getroffen, wir sind liebevoll genug, dieses Geschick den Helden vom Schlage ' des Nibelungen Franz Wilhelm und ihren Sängern nicht zu wünschen. Dies verhindert uns aber nicht, den Dichter und seine tragisch-komischen Helden von uns zu schütteln; mit Renegaten haben wir keine Gemeinschaft, und amH nicht mit solchen, die als Renegaten sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir wollen denr Herrn eine Geschichte erzählen, vielleicht hat er sie in seiner Jugendzeit auch gehört, als er jüdischen Religionsunterricht genoß. Da lebte in Israel ein Prophet, der war aber ein wahrer Prophet, er hieß Eliähu. Damals ließen sich auch viele Israeliten taufen, — pardon zum Heidentume bekehren. Es ist etwas ähnliches gewesen, wie man es heute-erlebt. Es scheint aber, daß sich die guten Leutchen doch hie und da schämten, und, um mit dem seligen Herzl zu sprechen, so etwas wie „Heimweh" nach dem angestammten Judentum verspürten. Diesen ries Eliahu 511: „Wie lange werdet ihr noch nach zweiSeiten hinken? entweder ist der Herr oder Baal der wahre Gott!" Diese Worte sind in ihrer ehernen Ewigkeit auch für unsere Zeit gesprochen worden.' Mögen sie auch von den Poeten und ihren Helden beherzigt werden. Zween Herren kann man nicht .dienen. Leute, die ihr Judentum, ihre Eltern verleugnen, mögen dies mit ihrem Gewissen ab tun, aber mit solchen Helden haben wir keine Gemeinschaft. Wir bedürfen heutederstarken Charaktere; denn einen schweren Kampf haben wir zu führen, und was sollen uns da die Renegaten, die manchmal, vielleicht so etwas, wie ein unruhiges Gewissen verspüren? Auf denr Theater mag sich so etwas vielleicht ganz „heiter", im Sinne Schillers gesprochen, ansehen; aber derselbe Schiller sagt: „Ernst ist das Leben." Und das Leben der Juden ist sehr ernst. Sie kämpfen um ihre Existenz. Darum verzichten wir ein für ' allemal auf ihre Helden. Wir bedürfen keiner peiesgeschmückten Väter, wir wollen auch gern auf die Perlensams Verzicht leisten, wollen aber auch keine Belehrungen hören von solchen, denen das Judentum nur ein Hindernis ist im großen Wettkampfe des Lebens; jedoch Mann er wollen wir, Männer, die im Kampfe nicht ermüden. So sagte schon der alte Moses zu seinem Diener Josua, als er in den Kampf auszog gegen Amale: „Wähle uns Männer." Diese Männer sind aber weder Franz Wilhelm, der „Nibelunge", noch der Dichter dieser modernen Tragödie. Iwri, Die Lr»jrhung?ur Sparsamkeit. Von B. Leiser. man sagt, sie sei eine Nationattugend des jüdischen Stammes, die Sparsamkeit! Wenn dem so ist, so haben wir gewiß allen Grund, diese Eigenschaft bei uns zu kultivieren, die die Basis abgibt für den< wirtschaftlichen Bestand des Einzelnen, wie eines Gemeinwesens. I Auch diese Eigenschaft, die wir ererbt von den Vätern haben, wie viele müssen sie erst erwerben, um sie zu besitzen! Und gewiß hat der Geist des Hauses, der Familie, auch hier den größten Einfluß. Die jüdische Familie, welche diese Tugend großgezogen, sie hat auch die Verpflichtung, sie immer aufs neue zu pflegen. Der weise Praktikus nennt das Geld ein notwendiges Uebel; ob es ein Uebel ist, weiß ich nicht, wohl aber, daß es notwendig ist. Gewiß ist es der Macht des Geldes Vorbehalten, außer zu den schönsten Gütern dieser Welt, auch den Weg zum herrlichsten Tun, das es für den Menschen gibt, zu erschließen, den Weg zum Wohltun. Wie oft baut das Gold die Brücke von Not und Verzweiflung zu neuer Arbeit, zum Frieden, zur Rückkehr ins Leben! Es ist die Zauberrute, die uns zur gütigen Fee macht. Wenn wir sie schwingen, haben wir die Macht, Tränen zu trocknen, Segen um uns zu verbreiten. Die Erziehung zur wahren Sparsamkeit ist, wenn auch nicht leicht, so doch sehr wichtig, und wir sollten diese Tugend schon frühzeitig bei unfern Kindern pflegen, richtiges Ver-