Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Den glaubensstarken Seelen war die Hoffnung unverloren, daß auch aus den Nöten der Gegenwart der Herr sein Volk zu Licht und Freiheit führen werde, der Gott, der die Ahnen vom Drucke ägyptischer Pharaonen gerettet hat, wird auch ihre Kinder in den Händen römischer Cäsaren nicht zu Grunde gehen lassen. Ki lo jiltosch adonaj et amo baawur sch emo haggadol, „Denn wegen seines großen Namens verläßt der Ewige nimmer sein Volk." Doch ein Bedenken konnten sie nicht beseitigen, ein Bangen konnten sie nicht überwinden. In Zeiten des Glückes hat Israel schon oft seinen Gott verloren, den es im Leide gefunden hatte. Wird, wieder gelten das alte Moseswort in seiner ganzen Herbheit: Wajischman Jescliurun wajibat, „Israel wird feist und störrisch"? Werden die warmen Sonnenstrahlen des Glückes dem Wanderer den Mantel entwinden, den er zur Zeit kalter Winde fest um seinen Leib geschlossen? Wird Israel in sonnig warmen Glückszeiten, das Kleid des Glaubens von sich tun, das ihm in'den Stürmen der Wetternacht Schutz gewährte? Auch die Jünger fühlten, was den festlichen Frohsinn der' frommen Lehrer verdüsterte. Darum sprachen sie: Unsre Lehrer! Es kommt die Zeit, da wir die göttliche Einheit auch im Frührot des Glückes bekennen werden. Zaget nicht, wir sind Bürgen einer besseren Zukunft. Habt Ihr im Leide Eure Treue bewährt, so soll uns die bessere und freiere Zeit der Rettung wert finden. Wie heilige Engelchöre in himmlischen Höhen, wenn heraufzieht das Dunkel und wenn aufleuchtet der Strählenozean, dem Ewigen huldigen, so wollen wir ihn preisen, wenn Nacht uns umstarrt, und ihm von neuem singen, wenn der goldne Tag der Erlösung uns grüßt. Wie der Wald im ersten Grün einen prachtvollen unvergeßlichen Eindruck macht, so sind auch Menschen wahrhaft schön im Idealismus der Jugend, junge Menschen, die voll Hoffnung, Glaube und Liebe feststehen in der Kraft der' Treue. Nicht minder schön ist aber der Wald im letzten Gold, und nicht minder schön sind Menschen im hohen silbernen Alter, die des Lebens Kämpfe bereits überwunden und durch schwere Enttäuschungen sich siegreich durchgerungen und bei allem Weh und Jammer, durch den ihr Weg führte, an den Idealen ihrer Jugend mit unbeirrter Liebe festhalten und in ihrem Innern ein fröhliches Wässerlein des Gottvertrauens -rinnen fühlen, das ihnen alles belebt und erfrischt. Das ist die unvergleichliche Schönheit jenes Augenblicksbildes aus dem Leben der frommen Gesetzeslehrer, das uns die Haggada festgehalten hat. Die ersterbenden Hände lebenssatter Greise können die Tore getrost den gestählten Armen der kraftvollen Jugend anvertrauen. Die Scheidenden und die Werdenden fühlen sich einig durch die gleiche Treue gegen die Lehre des Ewigen. Möchte doch auch in der Gegenwart solche Seeleneintracht Jung und Alt verbinden und wieder ertönen kraftvoll und sieghaft die bewährte Losung.: binurenu ubesiknenu nelech „Mit unseren Jungen und mit unseren Alten wollen wir ziehen", ki cliag l’adonaj lanu „denn unsere Wallfahrt gilt dem ewigen Gotte!" Sriek süs Orlterrrich. . Ende März, ie Literatur, sowohl die erzählende, als auch die . dramatische, hat es längst aufgegeben, rein künstlerische Zwecke zu verfolgen. Arbeiterfrage, Frauentage, soziale Fragen insbesondere das Eheleben betreffend, die auf ein ganz anderes Gebiet - gehören, werden in Romanen und Dramen mit besonderer Vorliebe behandelt, und überall leuchtet verräterisch eine oft sehr unlünstlerische Tendenz durch; man merkt die Absicht und wird — sehr verstimmt. So ist der reine Kunstgenuß durch alle diese Fragen und ihre „dichterische" Behandlung uns schon oft verleidet worden. 1 Wenn wir nicht irren, wollte Sudermann in seiner Komödie „Sokrates, der Sturmgeselle" dem Antisemitismus, wie er in der deutschen Studentenschaft so herrliche Blüten treibt, ein wenig an den Leib rücken, indem er die Ideen-des Jahres 1848 und die jetzigen einander gegenüberstellte, aber auch den jüdischen, d. i. den zionistischen Studenten uns vorführte. Die Lorbeeren, die sich-Sudermann mit diesem Stücke gerade nicht errungen, ließen gleichwohl einen österreichischen Dichter nicht ruhen, und er, brachte den . ganzen Apparat der antisemitischen Frage, b. i. der „Judenfrage" auf die Bühne. Wir möchten aber bezweifeln, daß es diesem Dichter wirklich nur um die Kunst und ihre hehren Ziele zu tun war, als er sein Stück „Schmelz, der Nibelunge", Komödie in vier Akten, schrieb. Der Schriftsteller nennt sich -Franz Adamus — welch eine bezeichnende Zusammenstellung zweier so entgegengesetzter Namen (natürlich heißt er-anders) — sein eigentlicher Name tut nichts zur Sache, er stammt, wie wir neugierigen Leuten kund geben wollen, aus jenem Teile von österreichisch Schlesien, wo dieses Ländchenan die Pollakei grenzt, kennt das Arbeiterleben in jenen Gegenden sehr genau, aber auch die Juden jener Gebiete; ist er doch selbst ein Jude — gewesen, jetzt aber in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche ausgenommen und wohlbestallter Mittelschullehrer in Wien geworden. Er hat bereits ein Stück geschrieben : „Familie Wawroch"; es wurde in Wien mit mehr Lärm als Erfolg aufgeführt und behandelt, wenn wir uns recht erinnern, ein gegen die. Sozialdemokratie gerichtetes Thema; daher der Lärm, mit dem dessen Aufführung begleitet wurde. Herr Adamus scheint nun inmitten seiner arischen Glaubensgenossen nicht die besten Erfahrungen gemacht zu haben. Das geflügelte Wort': „Jud' bleibt Jud'" mag ihm öfters schlaflose Nächte und unruhige Tage bereitet haben. Gibt es doch in Wien Und anderwärts unverbesserliche Arier, die meinen, mit dem Taufwasser könne die Schwierigkeit der Rassenfrage' nicht gelöst werden; der jüdische Student sei nicht satisfaktionsfähig, wenn er sich auch taufen lasse; der Jude, wenn er auch Christ geworden, müsse noch im dritten und vierten Geschlecht dafür büßen, daß seine Vorfahren die Sünde begangen haben, Juden zu bleiben. Was tut nun Adamus? Er zieht in seiner „Komödie" — o bezeichnender Name, denn komisch ist es, was der moderne Mittelschullehrer uns vorführt — eigentlich gegen Jud^ und Christ los, läßt beide Teile seine dichterische Faust fühlen, und beglückt uns mit einem sehr billigen Humanitätsdusel, der in banalen Redensarten schwelgt, an die der Dichter wohl selbst nicht glaubt, und deren Erfüllung „am Ende der Tage", das heißt wohl mg eintreten wird. Es sind sonderbare Propheten, die heute von den Brettern der Theater das Heil uns verkünden wollen, das manches Mal unsere Langeweile erregt, ihnen aber spaltenlange Artikel in den Zeitungen und — wehe über das tintenklecksende, reklamesüchtige, materialistische Zeitalter — tantiemenreichen Ruhm einträgt. Doch Sie wollen auch etwas über die Komödie hören, die am 6. März zum ersten Male auf dem „Raimund-Theater" in Wien angeführt wurde, undin der ein Schauspieler die Hauptrolle spielte, der, weil er der Judenrasse den Rücken kehrte, wohl am besten weiß, wie man in derartigen Rollen tragisch, oder, wenn Sie lieber wollen, komisch wirkt. Also hören Sie.