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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-21 · Heft 16 (21.4.1905) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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Die Ksllshkkikr in Lne OrrsK. Lme Mbetrschwng.! Von Kreisrabbiner Dr. M. Beermanu-Justerburg. lles irdische Licht ist ein Geschenk der Sonne. Die Flamme der Kerze oder der Kohle ist nur umgewandeltes. Sonnenlicht. Alle religiöse Erleuchtung stammt von Gott, den das Lied der Frommen Sonne und Schild nennt. Solcher - gottentstammter Lichtstrahlen gibt es in unserer lieben Peßachhaggada nicht wenige. Darum ist sie voll religiöser Glut und Innigkeit und jung geblieben und nicht veraltet, wie dcch jährlich wiederkehrende Frühlingsweben uns nicht langweilig wird. In der Tat ist in diesem Buche viel unmittelbares religiöses Empfinden und urwüchsige Kraft. Alles ist darin natürlich und wahr, die Worte sind wirkliche Blumen, nicht wie gemalte. Mag auch der Künstler die Wirklichkeit noch sp getreu nachahmen und Blumen zeichnen, die dem Auge wse echte und nicht wie nachgebildete erscheinen, die Bienen finden in ihnen keinen süßen Honig und werden sich aus ihnen nicht niedersetzen. Solche Labung spendenden Blumen enthält in ewiger Frische unser Festbüchlein. V Hier zum Angebinde für unsre Feier eine Blüte, an deren lieblichem Dust und schöner Farbenpracht wir uns freuen wollen:; : „Einst saßen R. Elieser, R. Josua, R. Eleasar, R. Tarfon, R. Akiba an der Passahtafel zu Bene Berak und unterhielten sich vom Auszug aus Aegypten die ganze Nacht, bis ihre Jünger kamen und sagten: Unsre Meister: bereits ist die Zeit gekommen, das Bekenntnis der göttlichen Einheit, das heilige Schema, in der Frühe abzulegen!" In unseren Tagen gibt es vielerlei Geist, Handelsgeist, Erfindungsgeist, Zeitgeist, nur ein Geist regt sich unter uns selten, und wo er sich meldet, da sticht ihn des Lebens Lärw zu übertönen, das ist der heilige Geist religiösen Empfindens. An Genialität des Glaubens sind wir ein armes Geschlecht. Einst war das anders; da sitzen fünf Männer in eineyr jüdischen Bauernhause der palästinischen Kleinstadt, und ein jeder von ihnen ist ein religiöser Lichtträger, sprühend voll glaubenskräftiger Geistesfunken. Solche religiöse Charaktere sind heute so selten wie ganz gerade gewachsene Bäume im Buchenwald. Um so nötiger ist unserer sehnenden Seele das leuchtende Vorbild der Alten, vielleicht daß auch uns ihr heiliger Hauch, anweht zu unserem Segen. . Elieser! Heißes Verlangen hatte ihn als Jüngling von den wogenden Getreidefeldern seines reichen Vaters in die Versammlungshäuser der Schriftgelehrten getrieben. Der Ruf des himmlischen Vaters nach Arbeitern für seine. Geistesernte war an ihn ergangen und er war gern gefolgt und hatte willig neu gewonnene Ueberzeugung, äußere Ruhe und Gemächlichkeit geopfert. Der weltgeschichtlichen Sendung seines Volkes schlug sein großes Herz, die Lehre von Gott dem Einen als unserm sittlichen Vorbild und seiner rechten Verehrung durch reinen Wandel sollte Gemeinschaft aller Menschen werden: und als nach dem Zusammenbruch des Staates die jüdischen Zerstreuten nach allen Richtungen des Windes ihren Weg nahmen, sah er in ihnen Sendboten und Herolde, welche die Heilsbotschaft des Ewigen zu den Völkern tragen sollten und sprach das erhabene Wort: „Israel ward zerstreut, um die Samenkörner der auf Gott gegründeten Sittlichkeit überall in den Boden des Völkerlebens zu legen." Neben der ragenden Gestalt Eliesers mit weißem, wallenden Bart, der bewegliche Josua, dessen schwächlicher, unscheinbarer Körper beherrscht wurde von einer kraftvollen, edlen Seele. Hatte Elieser die Verlockungen des Reichtums überwunden und sich von den lustreichen Gütern des Vaters losgerissen, so hatte Josua den Gefahren der Armut widerstanden und nährte sich treu und ehrlich als Nadelschmied. Den Hammer zu führen, auch im bildlichen Sinne bei der Redeschlacht, im Kampf der Meinungen war ihm eine Lust. Dazu gab es damals genug Anlässe. Jrrlehrer hatten Abkehr vom Gesetz und mystische Schwarmgeisterei gepredigt und matte Seelen waren im Jammer der Zeit ihnen zugefallen. Ihre Verkehrtheiten suchte er aufzudecken und den Nachweis zu führen, daß die Freiheit vom Gesetz zur Knechtschaft der Sünde führe. Kein Freund religiösen Haders, versöhnlich und sanftmütig war der schönheitumflossene Eleasar, dessen große schwärmerische Augen suchend umherblickten. Auch er war von Israels gottgegebener Aufgabe tief durchdrungen, auch ihm war Israel die erwählte Nation, das Kleinod unter den Völkern, aber es sollte sich nicht engherzig und kleinmütig abschließen gegen das Gute und Schöne, womit Gott die anderen Völker gesegnet hat, die ja auch seine Kinder sind. Darum war seine Losung: „Schön ist Gotteslehre im Bunde mit weltlicher Bildung." - Ungebeugt und aufrecht an Charakter und Haltung wie die ragenden Zedern seiner Heimat war Rabbi Tarfon. Frei und offen führte er das Wort, männlich ernst und männlich kühn. List und Falschheit waren ihm zuwider. Schmeichelei und Heuchelei verachtete er. Mit der Rede der Rüge hielt er nicht zurück, wo er Schwächen sah und Fehler bemerkte, und auch der Großen und Mächtigen schonte er nicht. Doch auch mild und weich konnte er sein, und manche arme Braut, der er im Stillen eine Aussteuer erwirkte, wußte^ von seiner zartsinnigen Güte zu erzählen. Sie alle blickten .zu Akiba, dem heldenhaften Lehrer, in liebender Verehrung auf. In ihm, dem schlichten Hirten, hatte einst der Sonnenschein der Liebe, der ihm aus dem Herzen der Tochter seilles Gutsherrn entgegengeleuchtet hatte, die Saat religiösen Sinnes reifen lassen und den unwissenden Viehknecht zum begeisterten Volksprediger uulgebildet. Da kam der unerträgliche römische Druck. Hadrians Tyrannenbefehle schonten die berechtigte religiöse Eigenart der Juden nicht; in Akiba regte sich fromme Glaubensglut und' ungezügelter. Freiheitssinn. Durch die halbe Welt wanderte er, um die Flammen des Aufstandes unter seinen Volksgenossen zu schüren und sie für den großen Erlösungskampf vom Römerjoch zu begeistern. Man kämpfte und unterlag. Ströme von Blut flössen. Israels Hoffnung war vernichtet. Betar, die Hauptfestung, war nach heldenhafter Verteidigung gefallen. Tausende und abertausende jüdischer Kämpen waren dähingemäht vonl Schwerte der Feinde, andere Tausende zu Sklaven und Knechten entwürdigt. Israel ohne Heimat, ein Spielball in der Hand römischer Willkür. Ueberall mußte sich dem unglücklichen Volke die schmerzensreiche Ueberzeugung anfdrängen: „Die Taube hat ihr Nest,. Der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda — nur die Gruft." Nach solchem Herbst und Winter war wieder ein Lenz ins Land gekommen. Peßach hielt seinen Einzug. Heimlich — denn religiöse Zusammenkünfte waren untersagt — hatte man sich zur nächtlichen Feier in Bne Berak vereinigt., Man sucht in dieser dunklen Leidensnacht Trost in der Betrachtung der früheren göttlichen Erlösungswunder.

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