Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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183 gerade Schuldirektoren und Lehrer der Alliance sich um Verbreitung der türkischen Sprache unter den Juden vielfach bemühen und nach am ehesten dasjenige repräsentieren, was an türkischem Patriotismus sichtbar ist. Unter den 200 Lehrern der Alliance sind etwa 5 Deutsche und 7 Franzosen, die übrigen sind Eingeborene. Die Schulen stehen nicht unter dem Protektorat Frankreichs, sondern sind Landesschulen, während z. B. von den einzigen im Orient bestehenden jüdischen Instituten deutscher Provenienz, der Lämel-Schule und dem Deutschen Waisenhaus, das eine seinem politischen sw Ins nach reichsdeutsch und das andere österreichisch ist. Soweit eine den Franzosen srcundliche Stimmung unter bcu Inden int Orient vorhanden ist, beruht sie nicht aus dem Schulunterricht, der bisher nur einem kleinen Teile der dortigen Bevölkerung zugute gekommen ist, sondern auf der Tatsache, daß Frankreich den Leuten als das Land der Judenetnanzipation erscheint, während Deutschland ihnen als dasjenige Land gilt, von welchem in neuerer Zeit der Antisemitismus seinen Attsgang genommen hat. Je mehr die deutschen Juden mit redlichem Eifer und Verständnis sich. an den Arbeiten der Alliance beteiligen, wie dies u. a. der verstorbene Konsul Simon als Mitglied des Zentralkomitees der Alliance getatr hat, um so mehr wird die Alliance im Sinne ihrer hochherzigen Stifter universell bleiben. Gelänge es, die deutschen Jttden in falsch verstandenem nationalen Interesse zum Austritt aus der Alliance zu veranlassen, so würde gerade das naturgemäß der Alliance die französische Färbung verschaffen. Für Deutschland wäre dies kein Gewinn für das Judentum, sondern ein beklagenswerter ideeller Verlust. H. M. C. & Erheblich niedriger verdient der Aufsatz eines in Stettin erscheinenden Antisemitenblattes „Deutsche Hochwacht" gehängt zu werden, welches aus Besorgnis davor, daß der Preußische Kriegsminister doch noch den Mißbräuchen bei der Ossizi erswähl entgegentreteu könnte, um den „jüdischen Kameraden" gerecht zu werden, den Offizieren den freundlichen Rat erteilt, dafür zu sorgen, daß die „jüdischen Kameraden" überhaupt nicht Gefreite werden oder die Treffen bekommen. Dann könnten sie auch nicht Offiziere werden. In dem von echter Antiseiuitenlnoral durchtränkten Artikel heißt es dann weiter: „Wir halten es für den Bestand unseres Kriegsheeres in solchem Falle für notwendig, dem einzelnen hier und da „unrecht" zu tun, tvenns nicht anders geht. Wenir Verfassung und Büreaukratismns es nicht zulassen, daß im Heere völkische Grundsätze und Rassenverständnis offen hervorgekehrt werden, so muß man sich eben unter Umständen auf Scheingründe stützen, um den Unverstand des Gesetzgebers wett zu machen. Es wird sich im Dienste immer ein Grund finden lassen, um einetr Mann, den man nicht haben will, von jeder Beförderung auszuschließen, namentlich wenn der Mann zu einer Sorte von Menschen gehört, die dem Heere aufgedrängt worden ist. Wer nicht hören will, muß fühlen. Leicht vergeht sich mal ein Soldat, und für einige Tage gelinden Arrest sind immer Gründe da. Damit ist im Einzelfalle die Makkabäerfrage schnell erledigt, und der einzelne Jude kann, wenn er sein Volk liebt, stolz darauf sein, dafür leiden zu können. Außerdem.' Würde eine solche Notwehr des Offizierkorps nicht ganz von selbst, gewissermaßen naturgemäß eintreten? Würden sich nicht die Vorgesetzten vor dem Eittdringen unliebsamer Elemente durch Strafen schützen? Es bleibt ihnen ja kein anderer Ausweg, wenn der Minister einmal von ihnen verlangt, sie sollten Inden zu Offizieren wählen. Bestrafte Soldaten aber werden nicht Offiziere; also bestraft man sie — notgedrungen. Bedanken mögen sie sich dann jedesmal bei Herrtr Eickhoff. Schuld an solchem vermeintlichen Unrecht, an der Notwehr des Heeres gegen Inda, sind dann nur die, die dem Willen des deutschen Volksheercs ihren frechen Willen entgegenzttsetzen waget:. Gegen diese Selbsthilfe der Vorgesetzten aber wäre Juda machtlos; gegen ein stillschweigendes Uebereinlommen könnte es nicht ankomnten." Das Antisemitenblatt scheint gar nicht 311 empfinden, welche schmachvolle Handlnngsweise es den: Offizierkorps zumutet und auf „völkische" Grundsätze zurückzuführen wagt. Also auch hier heiligt der Zweck die Mittel! * Ein r ussisches Reichswahlgesetz für die projektierte Volksvertretung! Wer lacht da? Nein, das Projekt ist ein ganz ernsthaftes und soll sogar vom Minister des Innern mit einigen andern einflußreichen Männern am Zarenhofe entworfen worden sein, obwohl es amtlich als apokryph bezeichnet :vird. Natürlich interessiert uns dabei die Frage, wie sich dieses Projekt zu den fünf Millionen russischer Inder: stellt, ganz besonders. In den Staatsbeirat, der aus den Adelsversammlungen sich zusammensetzt, können sie natürlich nicht gewählt werden, in die Staatsversammlung schon eher. Zunächst ist offiziell unter den Vertretern der Geistlichkeit auch ein solcher der „Hebräer" verzeichnet. Und da auch Katholiken, Protestanten, Mohammedaner und Arn:enier nur einen Vertreter ihrer Geistlichkeit stellen dürfen, so sind hier die Juden einmal wirklich gleichberechtigt. Diese Vertreter werden „nach dem Ermessen ihrer höchsten Geistlichkeit" gewählt. Das kann, da eine solche bei den russischen Juden nicht existiert, zu Unznträglichkeiten führen. Wichtiger ist der Punkt betreffs der Wahlen aus den Semstwos. Bekanntlich sind bis jetzt die Inden nicht wahlfähig, wohl aber wählbar. Es müßte denn vorher das Gesetz, welches sie in der Ausübung ihrer Bürgerpflicht beschränkt, aufgehoben werden. Und das ist notwendig, soll die folgende Bestimmung des Entwurfs keine leere Phrase bleiben: Mitglieder der Versammlung können Personen jeden Glaubens sein. Wer die russischen Verhältnisse genauer kennt, wird in der Ausnahme dieser Bestimmung einen Fortschritt zum Bessern erkennen. Allein wer weiß, ob nicht auch dieser ganze Plan, der merkwürdigerweise zuerst in einem hebräischen Blatte (Hazcman) auftauchte und von da erst in die russische Tagespresse überging, nur schützbares Material für das russische Staatsarchiv bleibt. * In Rumänien bläst inan zur Abwechslung jetzt wieder einuml die süßeste Friedensschalmei. Und ein Theaterstück ist der Frühlingsbote für die armen Juden des Landes. Ein jüdischer Dramatiker, Nonetti Roman, hat die dort wirklich brennende Judenfrage auf die Bretter gebracht. Sein Versuch, diese zu lösen, ist sogar sehr treffend und geschickt. Aber auch ihm mußte erst durch königliche Huld das Bürgerrecht, .resp. das Naturalisationspatent — geschenkt worden. Auch sonst ist viel Liebes und Gutes dort in letzter Zeit — geredet worden. Und warum dies alles? Eine kleine, unscheinbare Notiz in politischen Blättern kann uns genügend darüber aufklären. Dort heißt es : „Wie aus guter Quelle berichtet und von Seiten, die den betreffenden Finanzkreisen nahe stehen, bestätigt wird, Plattt man in Bukarest wieder eine neue Anleihe. Diesbezügliche Unterhandlungen sind seit einiger Zeit lebhaft im Gange. Auch die Tatsache, daß ins Kapitel der Annuitäten im neuen Budgetentwurf ein Kredit von 973 290 Franks für Zinsen „für die zur Deckung der dem Staatsschätze zuzusührenden Mittel", tvie sich der Motivenbericht ausdrückt, eingestellt wurde, ist ein sicherer Beweis für die Wahrheit der umlaufenden Gerüchte, die an den Börsen Europas seit einiger Zeit eifrig kolportiert werden." Der Artikel trägt mit Recht die treffende Ueberschrift: „Die Taschen zu!"