Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Ursache gehabt Hütte, gegen alle Ausuahinemaßregeln sich zu ereifern, schwieg ebenfalls sehr vorsichtig. Es wäre aber trotzdem'töricht, wenn man es am Ende mit denen hielte, die da sagen: Was nützt alles Reden und Schreiendes bleibt doch alles beim Alten! Diese Politik ist wahrhaftig keine verständige. Steter Tropfen höhlt den Stein, und die unaufhörlichen Klagen über die Verletzung von verfassungsmäßigen Rechtsgrundsützen müssen doch endlich einmal zum Ziele führen. . Hat ja ein Minister vor nicht zu langer Zeit im Parlament einer Gruppe von Abgeordneten in einer anderen Frage geradezu den Vorwurf gemacht, daß sie nicht geschrien hätten. Wir müssen eben auch schreien und so lange schreien, bis man -uns hört. Es kommt nicht darauf an, daß durch das Eintreten wackerer Fortschrittsinänner für unsere Rechte naturgemäß auch die Gegner herausgesordert werden und sich in Reden austoben, wie man sie in, den Parlamenten lange nicht vernommen hat. Die Wahrheit muß doch endlich siegen und einmal müssen doch auch die Parteien ans ihren Schlupfwinkeln hervortreten, die bis jetzt zu diesen Zuständen mit mehr Klugheit als Ethos vorsichtig geschwiegen haben. Etwas anderes können wir nicht tun, denn den Rat, den uns meist die falschen Freunde geben, wir sollten doch zunächst unsere Fehler ablegen und innere Mission treiben, diesen Rat haben wir schon befolgt, ehe die antisemitische Bewegung ausgebrochen ist. Ein berühmter Psycholog hat einmal die Juden das klassische Volk der Selbstkritik genannt, und an dieser Selbstkritik haben wir es selbst zu der Zeit nicht fehlen lassen, als die Bewegung am heftigsten gegen uns tobte. Damals haben Männer von hervorragender Bedeutung die Mahnung ergehen lassen, daß wir alles ablegen müssen, was eine Mitschuld an dem Unfrieden der Zeit Hervorrufe, und in allen Kreisen des deutschen Judentums hat man redlich vor wie nachher an dieser inneren Mission gearbeitet, ohne daß es hierzu erst einer Aufforderung von gegnerischer Seite bedurft hätte. Von der vollendeten Selbstgerechtigkeit, die uns einer unserer größten Feinde vorgeworfen, ist im deutschen Judentum noch niemals eine Spur zu finden gewesen. Aber auch wenn wir Engel wären, würde die Bewegung nicht anders verlausen sein, denn es handelt sich nicht um eine ethische, sondern um eine rein nationalökonomische, Frage, deren Ursachen weit tiefer znrückliegen und deren Folgen wahrlich nicht die Judenheit allein zu tragen haben wird. Wir können eben nichts anderes tun als warten , und unser Recht mit aller Entschiedenheit verteidigen. Die Behandlung der Juden ist ein Barometer der allgemeinen Lage des Volkes. Und derselbe Heinrich von Treitschke hat einmal gesagt, unsere abendländische Geschichte sei trotz aller Verirrungen und Rückschläge im wesentlichen eine Geschichte der Freiheit. Nun, wenn dem so ist, dann ist diese Geschichte auch eine Geschichte des Fortschritts und der Humanität. Daran haben wir aber nie gezweifelt; wir sind der Uelwrzeugung, daß in 50 Jahren man mit Staunen das Wort von Paul de Lagarde: „Der Teufel habe die Idee der, Toleranz in die Welt gesetzt", vernehmen wird. Unser Kampf ist ein Kampf der Freiheit gegen den Knechtssinn, gegen den Rückschritt. Und in diesem Kampfe haben wir alle freien Geister zu Bundesgenossen. Wir sind zu tief durchdrungen von dem unausbleiblichen Siege dieser Idee, als daß wir um einiger Scheinsiegc willen, welche der Geist der Reaktion vorübergehend erringt, an diesem Triumph der Wahrheit verzweifeln sollten, der uns und die Menschheit vorwärts 31t den heiß ersehnten Zielen führen soll. Die Mache. Berlin, 18. April, n Ermangelung eines wichtigeren Themas hat die „Krenzzeitung" sich zur Abwechslung wieder einmal bie „Alliance Israelit e Universelle", ihr beliebtes Steckenpferd, vorgenommen und gegen diese einen Angriff gerichtet, der um seiner tieferen Tendenz willen zurückgewiesen werden muß. Wir erhalten hierzu von hochachtbarer Seite die nachfolgende authentische Berichtigung: Vor kurzem hielt die Berliner Mitgliedschaft der Alliance Israelite Universelle ihre Ja hresvers am ml ung ab. Der hierbei erstattete Bericht über die Wirksamkeit der Gesellschaft gibt der „Kreuzzeitung" vom 2. d. M. Gelegenheit zu einigen zum Teil irrtümlichen, zum Teil gehässigen Bemerkungen.. Einleitend behauptet sie, daß die Gesellschaft ihre Einnahmen aus freien Beiträgen von Glaubensgenossen aller Herren Länder und namentlich aus Deutschland beziehe. Darauf gründet sie dann den Vorwurf/ daß mit deutschen Geldern französische Zwecke gefördert werden. Aber alle freien Beiträge insgesamt machen kaum mehr als den neunten Teil der Einkünfte der Alliance aus, wie jedermann aus ihren Jahresberichten ersieht. Deutschland ist an diesem Neuntel wieder etwa nur mit einem Drittel beteiligt. Auch dieser geringfügige Satz von 4 Prozent der Jahreseinnahmen. gilt nur, wenn inan die Einkünfte auf I V2 Millionen Franks veranschlagt. Will man das Budget des Vereins mit der „Kreuzzeitung" auf zwei- Millionen ansetzen, so müßte hinzugefügt werden, daß hierbei die Subventionen der Gemeinden mitgerechnet sind, in denen die Schulen der Alliance sich befinden. Diese Subventionen selbst sind der beste Beweis dafür,' daß die Alliance nicht andern Zwecken als eben dem Wohl dieser Gemeinden dient. Die Gegenüberstellung in den Ausführungen der „Kreuzzeitung", daß zwar eine Reihe von Sprachen, darunter auch Deutsch, in diesen Schulen unterrichtet werde, die Unterrichtssprache aber Französisch sei, ist ungenau, denn an der Goldschmidtschüle in Konstantinopel ist auch die Unterrichtssprache Deutsch. Uebrigens würde eine Vermehrung des deutschen Unterrichts weit davon entfernt sein, das Wohlwollen der „Kreuzzeitung" herbeizuführen. Sie schreibt: „Sicherlich wird man nirgends in Deutschland den Wunsch hegen, es möge die Al.ianee Israelile Universelle in ihren Schulen die deutsche Sprache bevorzugen und die Juden im türkischen Orient germanisieren. Denn wenn das geschähe, so könnten sie angeleitet werden, in größerer Zahl nach Deutschland einzuwandern, wo ihre Glaubensgenossen so ausgezeichnete Geschäfte machen und das mobile Kapital so erfolgreich an sich ziehen." I Unter solchen Umstünden wird die Alliance jedenfalls am besten tun, sich lediglich durch die Rücksicht auf das Interesse der beteiligten jüdischen Kreise in ihren Schulprogrammen nach wie vor bestimmen zu lassen. Hierbei wäre allerdings in der Tat einer der Faktoren, welcher gegen die deutsche Sprache spricht, die Tatsache, daß Juden des Orients, welche etwa versuchen würden, nach Deutschland zu kommen, um hier ihr Brot zu finden, Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Mau sollte aber der Sprachenfrage keine zu große Bedeutung beilegen. Es handelt sich nicht bloß um Unterricht, sondern hauptsächlich um Erziehung. Tausende von Kindern werden an Sauberkeit, an Ordnung und Fleiß gewöhnt. Sie zu nützlichen Bürgern ihres Landes zu machen, das ist das Ziel, welches - erstrebt wird. Hierzu ist eine europäische Sprache erforderlich. Welche dieser Sprachen gewählt wird, ist in politischer und nationaler Beziehung-belanglos. Von einer Verwelschung der dortigen jüdischen Bevölkerung, von welcher die „Kreuzzeitung" spricht, kann in keiner Weise die Rede sein, und es ist die Bemerkung der „Kreuzzeitung" auf die Alliance nicht zutreffend, daß „Gelder, die aus Deutschland stammen, durch 'französische Vermittlung für Zwecke, die mittelbar Frankreich nützen, im näheren Orient verwendet werden." Es ist nicht, abzusehen, wo bei diesen Schulen der Nutzen für Zwecke, die mittelbar Frankreich nützen, liegen soll. Die Leute im Orient kaufen diejenige Ware, die ihnen am billigsten scheint, ob sie nun deutsch oder französisch ist. Politisch sind sie überhaupt nicht sehr rege. Bezeichnend ist vielleicht, daß