Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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69, Jahrgang. No. 16. Berlin, 21. April 1905. Ein unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9*- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer . Straße 46/4S, zu richten Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. Wir lange noch? Berlin, 18. April, ieder ist einer der Winter unseres Mißvergnügens zu Ende, die in traurigem Gleichmaß nun schon seit länger als einem Vierteljahrhundert an uns vorüberziehen, ohne daß auch nur irgend eine erhebliche Aussicht aus Besserung unserer politischen Lage sich zeigen wollte. Kein Wunder, daß viele von den Feigen und Zaghaften die Geduld verlieren und sich seitwärts in die Büsche schlagen, .um so rascher an das andere Ufer gelangen zu können. Für uns, die wir fest und treu zu der alten Fahne stehen, erwächst aber auch aus diesem Rückblick doch nur die Ueberzeugung, daß es endlich einmal besser werden muß. Wir schlagen am ersten Sederabend unsere uralte Hagada aus und lesen aus ihren vergilbten Blättern: „Er, der unseren Vätern beigestanden, wird auch uns . Helsen, denn nicht einer allein stand wider uns auf, um uns zu vernichten, sondern in jeglichem Zeitalter erheben sich solche gegen uns, die uns vernichten wollen, aber der Ewige, gelobt sei er, errettet uns aus ihrer Hand." Schlicht und vertrauenerweckend klingt dieses Mahnwort der alten Hagada. Wer eilt treuer Bekenner des Judentums ist, der weiß den Verlaus der geschichtlichen Entwicklung zu würdigen. Wir sind ein Volk des Duldens und Höffens, und so wie die Hoffnung ewig ist, ist auch Israel ewig. Wie viele von unseren Gegnern sind in diesem Jahrhundert abgetan worden, wie viele haben sich als unwürdig gezeigt, um einen ethischen Kamps aufzunehmen! An der Tatsache, daß der extreme Antisemitismus seine Rolle so gut wie ausgespielt hat, kann auch der Umstand nichts ändern, daß die geringe Zahl seiner Vertreter im Parlament noch öfter als uns lieb ist, ihre Stimmen gegen die Juden erhebt, denn selbst diese können heute nur noch unter einer falschen Flagge segeln. Sie wagen es kaum mehr, für den Antisemitismus einzutreten, sondern sie wollen nur noch den Mittelstand retten und klammern sich an diesen wie an ihr letztes Rettungsmittel. Demgegenüber steht freilich die minder erfreuliche Tatsache, daß der innere Antisemitismus, der viel gefährlichere, an Wesen und Umfang erheblich zugenommen hat. Das Geschlecht, welches von Treitschke, Wagner, Lagarde u. a. groß gezogen worden, ist inzwischen ins Leben getreten und die Ernte dieser bösen Aussaat, dieser Saat des Hasses, ist in erschreckender Weise aufgegangen. Kein Zweisel, dieser geheime Antisemitismus auf der Kanzel, im Parlament, im Lehrsaal und vor Gericht ist unser gefährlichster Gegner. Es zeigt sich dies bei jeder Gelegenheit im öffentlichen Leben in betrübender Weise. Selbst die Regierungen müssen mit diesem geheimen Antisemitismus hie und da paktieren. Was bedeutet denn die Rücksichtnahme auf gewisse Strömungen und Stimmungen im Volke anders als ein solches Paktieren? Der preußische und bayrische Justizminister sowie der preußische Kriegsminister haben ja wiederholt in den Parlamenten erklärt, daß sie nun einmal mit gewissen in manchen Kreisen des Volkes vorhandenen Strömungen rechnen müssen, denen gegenüber sie machtlos seien. Der Justizminister hat sogar eine Erklärung für die Nichtbeförderung -von Angehörigen jüdischer Konfession abgelehnt, während ein anderer Minister bereitwilligst darüber Auskunft gegeben hat, warum die Katholiken bei der Besetzung von Verwaltungsstellen zu kurz kommen. So steht es für den objektiv die Tatsachen Betrachtenden kaum noch in Frage, daß der Rechtsboden der Emanzipation ein schwankender geworden ist. Wir haben auch in dieser Beziehung seltsanie Wandlungen durchlebt. Die alten Judenfeinde aus den siebziger Jahren haben bei ihren Angriffen wiederholt und sehr ernsthaft betont, „daß sie an der vollzogenen Emanzipation kein Jota ändern wollen." Selbst in der ärgsten Hitze des Gefechts erklärte sogar ein Heinrich von Treitschke: „Von einer Zurücknahme oder auch nur von einer Schmälerung der vollzogenen Emanzipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein: dies wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staats"; und er betrachtete das angebliche Ueberwiegen der Juden in der Tagespresse als „eine verhängnisvolle Folge unserer engherzigen alten Gesetze, die den Israeliten den Zutritt zu den meisten gelehrten Berufen versagten." Was würde Herr von Treitschke heute sagen, wenn er. sähe, daß kein Jude mehr zum ordentlichen Professor einer deutschen Universität ernannt wird, er, der an einer anderen Stelle wiederholt, daß kein verständiger Politiker „die vollzogene Tatsache der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden umstoßen möchte". Die Schüler Treitschkes denken heute aber anders, und man geht mit Stillschweigen darüber hinweg, daß die Gleichberechtigung der Juden faktisch aufgehoben ist, indem ihnen der Zutritt zu allen Aemtern und gelehrten Berufen so gut wie verschlossen ist. Dies gilt eben so für die Verwaltung wie für den Kultus und am meisten für die Armee. ... Wenn sich nun auch in dem letzten Winter im Abgeordnetenhaus wie im Reichstag Stimmen dagegen erhoben haben, so kamen diese natürlich nur aus den Reihen freisinniger Politiker. Die Partei, der Treitschke sein Leben lang angehörte, hüllte sich in tiefes Schweigen und auch das Zentrum, das am meisten