Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228652--61638-3275469
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

3 „Holder Friede" beschloß die erhebende Feier. Hierauf folgte die Entlassung der Abiturienten. Aus Anlaß des Tages hat Herr Direktor Dr. Goldschmidt eine Festschrift über die Geschichte der Schnle^herausgegeben. der die obigen Daten entnommen sind. Schulrat Dr. Schobert sprach-nun die Glückwünsche der Oberschulbehörde aus. Die Talmud-Thora sei die erste Realschule Hamburgs, die das Fest des hundertjährigen Bestehens begehe, und diese Tatsache verdiene weit über Hamburgs Grenzen hinaus Beachtung. Sie habe in ihrer inneren Entwicklung Aehnlichkeit mit den Kirchenschulen der christlichen Gemeinden, aber während die Kirchen- und Armenschulen verschwunden seien, bestehe die Talmud-Thora-Schule in voller Lebenssrische. Der Grund dafür sei in erster Linie der ideale Sinn der Gemeindemitglieder, die große Opfer nicht gescheut hätten, um die Schule zu ihrer jetzigen Höhe emporzuheben. =1= Essen a. d. Ruhr, 2. April. Am 26. v. M. beging der hiesige Verein für jüdische Geschichte und Literatur das Fest seiues 10jährigen Bestehens. Eingeleitel wurde die Feier durch einen von den Damen Fräulein Selma Meher und Klara Kaufmann gesprochenen Prolog unter Zugrundelegung der Dr. Ackermann'schen Dichtung und das köstliche Engelterzett aus Mendelssohns „Elias". In seiner Festrede gab alsdann der Vorsitzende des Vereins, Rabbiner Dr. Samuel den leitenden Gedanken der ganzen Bewegung für Wiedererweckung jüdischer Vergangenheit und jüdischen Schrifttums Ausdruck. Er schloß mit folgenden markanten Sätzen: „Das Judentum in seinem Werden und Wachsen, Wandern und Dulden, Wirken und Leiden, Aus- und Rückstrahlen.. Kämpfen und Siegen zu verstehen ist das Strebeziel der jüdischen Literaturvereine. Die Bewegung des jüdischen Geistes nach dieser Richtung hin ist ein Wiedererwachen des Selbstbewußtseins von seiner providentiellen Eigenart und Sonderstellung einer- und andererseits seiner nicht minder weltgeschichtlichen Verknüpfung mit der gesamten Kulturwelt. Zwischen eileseitiger Pflege seiner Eigenart und dem rückhaltlosen Aufgehen und rühmlosen Verschwinden in einer Welt anderer Stammesart, Glaubensrichtung und Empfindungsweise, anderer Kunst- und L ebensideale soll das moderne Judentum sich seine Straße bahnen. Sicher, erfolgreich, unbeirrt vom Geschrei der Nationalisten dort, und der Assimilanten und Ueberläufer hier, wird sie nur derjenige gehen, der die Geschichte des einzigartigen Volkes der Welt begreift und sich in dessen Literatur versenkt, die allein schon um deswillen die größte Hingabe verdient, weil ihr das wichtigste Erziehungsbuch der Menschheit, das Buch der Bücher, urschriftlich und eigentümlich angehört. Gebende seien wie bisher Philosophen und Dichter, Theologen und Lehrer, Aerzte und Juristen sowie Gebildete aller Stände, die Lust und Gabe zur Mitteilung geschickt macht. Empfangende aber seien alle ohne Ausnahme, denen der Fortbestand des Judentums Notwendigkeit bedeutet, weil dieses ihnen Lebensantrieb und Lebenssülle bietet, und sie durch den Ehrtrieb stark für seine Ehre gemacht werden; alle zugleich, die gern der Menschheit Liebe und Haß im Spiegel der jüdischen Geschichte kennen lernen, ihr Meinen und Denken, ihr Singen und Sagen im jüdischen Schrifttum wieder-, sich selbst aber in einer jüdischen Weltanschauung zurechtfinden wollen." Gleichzeitig mit diesen dein Programm vorgedruckten Sätzen gelangte eine kleine Festgabe zur Verteilung, „Juden und Judentum in Kernsprüchen von Denkern und Dichtern" betitelt. Das originelle Flugblatt (ein wohltuender Gegensatz zu so manchem Flugblatt wider das Judentum) enthält Worte von Goethe, Lessing, Mendelssohn, Zunz, Grätz, Steinheim, Geiger, Löwenberg, Rießer, Schleiden, Nietzsche, Lazarus, Steinthal, Cohen u. a. und steht Interessenten gern zur Verfügung. Nach einer von unserer hiesigen Konzertsängerin Fräulein Betty Stern meisterhaft vorgetragenen Arie lMirjams Siegessang: „Wandelt mit Pauken das Schilfmehr entlang") nahm Herr August Kohn namens des Vorstandes das Wort zu einem Dank an den Vorsitzenden und überreichte diesem als äußeres Zeichen der Anerkennung zu dessen größter Ueberraschung ein kostbares Werk. In eindrucksvollen Ansprachen brachten sodann Herr M. Hühnlein ansMochmn namens des Verbandes rheinisch-westfälischer Literaturvereine und Herr Dr. Bonnin-Wattenscheid für-den Nachbarverein Gelsenkirchen Glückwünsche dar. Telegraphisch waren Begrüßungen der Vereine Dortmund und Hörde, der Herren Rabbiner Dr. David ans Bochum, des Gemeindevorstehers I. S.' Hirschland, zurzeit in Nom, des Herrn Rechtsanwalt Abel u. a. eingegnngen; einen längeren Brief in schmeichelhaften Worten und mit herzlichem Glückauf zum neuen Jahrzehnt hatte der Vorsitzende, des allgemeinen Literatur- Verbandes gesandt. Den zweiten Teil des Abendsfüllte die Darstellung von fünf lebenden Bildern aus dem jüdischen Familienleben nach Professor Oppenheim mit verbindendem Text von Jul. Barsdors aus, die mit ihrem intimen, elegischen Reiz eine wahrhaft weihevolle Stimmung verbreiteten. Als diese endlich noch fümeinige'Stunden von Gemütlichkeit und Tanz abgelöst wurden, konnte der,Verein aus ein wohlgelungenes Fest zurückblicken, das ihm hoffentlich Ansporn zu tüchtigem Fortschreiten geben wird. Gesterretch-Ansarn. □ Wie«, 13. April. Die Antisemiten haben gerade'jetzt allen Grund, auf die Mitglieder und teilweise auch Führer ihrer Partei recht stolz zu sein: denn während im nahen Orte Zistersdorf jsder Advokat Schmidt, der zahllose arme Leute um ihren letzten Zehrpfennig gebracht, zu einer mehrjährigen Kerkerstrafe äbgeurteiltFwird, wird aus Innsbruck gemeldet, daß der Gutsbesitzer und Hotelier Ludwig Obexer in Sterzing, das Haupt der dortigen christlich-sozialen Partei und Mitglied des Gemeinderates, durchgebrannt ist; er stand in gerichtlicher Untersuchung wegen Betruges. Bei der Kasse der landwirtschaftlichen Bezirksgenossenschaft, wo er amtierte, fehlen 5000 Kronen. Amerika. H. Newyork, 1. April. In der Sitzung des Kuratoriums der hiesigen Kolumbia-Universität, die am 6. März abgehalten wurde, wurde bekannt gegeben, daß Jakob H. Schiff der Anstalt ein Kapital von 100 000 Dollars zur Fundierung einer Professur für soziale Arbeit überwiesen habe. — Herr Adams, Mitglied des Repräsentantenhauses für Penshlvanien, hat im Kongreß einen Antrag auf Beschränkung der Einwanderung eingebracht. Danach soll es nicht gestattet sein, daß mehr als 80000 Bewohner irgend eines Landes in einem Jahre in den Vereinigten Staaten einwandern. Der Antrag ist vor Vertagung des Repräsentantenhauses allerdings nicht zur Verhandlung gekommen, aber die allgemeine Stimmung im Lande und besonders in der augenblicklich herrschenden republikanischen Partei ist ihm entschieden günstig. Die Spitze des Antrages richtet sich ohne Zweifel gegen die russischen Juden und die Italiener, welche das Gros der Einwanderer stellen. — Als Kuriosum sei mitgeteilt, daß unlängst ein Neger in einem „jüdischen" Theater erschien und ein Billet verlangte. Der Billetverkäufer, der einen Irrtum vermutete, sagte ihm in englischer Sprache, daß die Vorstellung nicht in englischer Sprache gegeben würde, aber der Neger antwortete im geläufigsten Jargon, daß er das wohl wisse. Weitere Erkundigungen ergaben, daß der Neger von Kindheit an im jüdischen Stadtviertel wohne und sich soweit amalgamiert habe, daß er nicht nur „gefillte Fisch" allen anderen Delikatessen vorziehe, sondern sogar am Jom Kippur faste. Seine eigentliche Umgangssprache ist „jüdisch"; englisch spricht er, wie seine jüdischen Nachbarn, nur, wenn er weiß, daß sein „jüdisch" nicht verstanden wird. — Eine furchtbare Feuersbrunst in einer Mietskaserne des Hiesigerl „Ghetto" am 14. März kostete 19 Personen" das Leben, während 40 verletzt wurden. Alle Betroffenen sind Juden. — Meyer Guggenheim starb am 15. März in Palm Beach, Florida Er war 1827 in Endingen in der Schweiz geboren, kam als junger Mann nach Philadelphia, wo er seine Karriere als Hausierer begann. Später wurde er Importeur von Schweizer Spitzen und zuletzt erwarb er Kupferbergwerke, in denen jetzt seine Firma die erste im Lande ist. Guggenheim baute einen Flügel des Hospitals in Philadelphia und gab sonst große Summen - für wohltätige Zwecke. Von Msh und Jfmu — Die Pückl erbe reinig ung Berlin hat ihrem Vorsitzenden, Buchdruckereibesitzer Hermann Mitsching, beauftragt, dein neuen Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg ein Gesuch um Aufhebung des vom Berliner Polizeipräsidenten erlassenen Redeverbots gegen den Grasen Pückler zn überreichen. Ein gleiches Gesirch, das seinerzeit an den Minister von Hammerstein gerichtet wurde, blieb ohne Antwort.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.