Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 15. ßerliu, 14. April 1905. Weilsge zur „Allgemeinen lkorrrkpgnden?m und Nachrichten. Deutschland. s. Berlin, 11. April. Unter Vorsitz des Herrn James Simon fand am 2. d. M. eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Dr. Paul Nathan gab zunächst eine Uebersicht über den Geschäftsgang im ersten Quartal 1905. Es ist zu erwähnen, daß erfolgreiche Propagandaoersammlungen in Bremen, Lübeck, Magdeburg, Mainz stattgefunden haben. Bewilligungen haben Platz gegriffen für die Aufrechterhaltung des Kindergartens in Jaffa sowie zweier Kindergärten in Jerusalem, eines Kindergartens in Safed, für die Or-Thora-Schule in Konstantinopel sowie Unterstützung der russischen Städte: Boguslaw, Bychow, Alexandria, Mohilew, Gory-Gorky, Kischinew, - Leovo- Galatz rc. Aus dem Bericht geht ferner hervor, daß die Tätigkeit der Vereinsleitung zurzeit nach wie vor in erster Reihe den Juden Nllßlands gilt. Ganz besonders traurig ist die Notlage unter den zurückgebliebenen Familien der im Felde stehenden und gefallenen jüdischen Soldaten. Zur Linderung dieser Not hat der Ausschuß weitere 50 000 Mark bereit gestellt. Die Gesamtsumme, die der Hilfsverein in der Zeit vom 1. Januar bis zum 1. April 1905 zugunsten der russischen Juden verausgabt hat, beträgt rund 150 000 Mark. Aus den weiteren Verhandlungen ist hervorzuheben, daß die Frage der Begründung neuer Vorschußkassen in Galizien gemeinsam mit der Großloge U. O. B. B. für Deutschland erörtert, und schließlich einer besonderen Kommission zur endgültigen Beschlußfassung überwiesen worden ist. Ein Mitglied des geschästsführeuden Ausschusses hatte die Freundlichkeit, die Verhältnisse in Galizien an Ort und Stelle zu studieren und es wurde hervorgehoben, daß bei aller Anerkennung der Bedeutung von Hausindustrien für die arme jüdische Bevölkerung Galiziens, deren Einführung und weiteren Ausgestaltung der „Wiener Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" in zweckmäßiger Weise bei dem enorm hohen Zins in Galizien sich angelegen sein läßt, man doch zugleich auch für eine bessere Kreditmöglichkeit zugunsten der dortigen Glaubensgenossen sorgen müsse. Aus der großen Reihe von ferneren Bewilligungen, die der Ausschuß ausgesprochen hat, seien hier erwähnt: 1000 Mark für die Mädchenschule in Kischinew, 3000 Mark zur Anstellung eines Handelslehrers an der Schule „Cultura" in Bukarest, 2000 Franks zur Ausgestaltung des deutschen Unterrichts an der Eemeindeschule in Sofia, 250 Mark für Mazzoth für die Gemeinde Leovo-Galatz in Bessarabien rc. Ueber eine Reihe weiterer Gesuche ist die Beschlußfassung mit der Motivierung vorläufig ausgesetzt worden, daß die Vereinsmittel im gegenwärtigen Augenblick sehr stark von Rußland in Anspruch genommen werden, und daß man für eventuelle Katastrophen namentlich vor dem Passahfest einigerinaßen gerüstet sein müsse. 22 Berlin, 10. April. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sendet uns das Verzeichnis der im Sommersemester 1905 zu haltenden Vorlesungen. Dr. Baneth wird lesen: 1. Talmud 3tat. Lickäimebin, Kap. II (Forts.), 4 Stunden, Montags und Donnerstags 9—11. 2. Jore De’a (Tur und Schulchan 'Aruch- 91—94), 2 Stunden, Montags und Donnerstags 11—12 Uhr. 3. Eben ha’ezer XVII (Forts.), 1 Stunde, Montags 12-1 Uhr. 4. Kalenderkunde, 1 Stunde, Donnerstags 12—1 Uhr. — 5. More Nebuchim II (Forts.), 2 Stunden, Dienstags und Freitags 11—12 Uhr. 6. Mischne Thora, 2 Stunden, Montags und Donnerstags 8—9 Uhr. Herr Dr. Elbogen wird lesen: 1. Pentateuch mit alten hebräischen Kommentaren, 2 Stunden, Sonntags und Mittwochs 10 bis 11 Uhr. 2. Geschichte der Schriftauslegung, 2 Stunden, Dienstags 10—12 Uhr. 3. Talmud eurs. Megilla Kap. II, 4 Stunden, Sonntags und Mittwochs 8—10 Uhr. 4. Geschichte der Juden im tanna'üischen Zeitalter, 2 Stunden, Dienstags 9—10, Freitag 10—11 Uhr. 5. Historische Leitung deA Judentums Uebungen, 1 Va Stunden, Freitags 11—IL^. Herr Pros. Dr. Mahbaum wird lesen: 1. Midrasch Tanchuma (Forts.) 1 Stunde, Dienstags 8—9 Uhr. 2. Homiletische Uebungen, 2 Stunden, Freitags 8—10 Uhr. Herr Dr. Ja hu da wird lesen: 1. Prophetische Texte in historischer Folge, 4 Stunden, Montags, Donnerstags 11—12 Uhr, Mittwochs 10—12 Uhr. 2. Das Buch der Richter mit Berücksichtigung textkritischer Fragen (für Anfänger), 2 Stunden, Montags 9—11 Uhr. 3. Grammatische und. stilistische Uebungen im Hebräischen mit Vergleichung der anderen semitischen Sprachen, 2 Stunden, Freitags 8—10 Uhr. Die Eröffnung des Sommersemesters findet am 2. Mai um 11 Uhr vormittags statt. Berlin, 10. April. Der Verein „Freunde der Taubstummen" hielt gestern seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Geh. Sanitätsrat Dr. Boas, eröffnete die Versammlung und widmete vor dem Beginn der Tagesordnung dem verstorbenen langjährigen Vorstands- und Ehrenmitglied des Vereins, Alphons Jacobson-Leipzig, einen warmempfundenen Nachruf. Die Versammlung ehrte das Andenken dieses edlen Mannes durch Erheben von den Sitzen. Sodann berichtete der Direktor der Anstalt, Herr M. Reich, über die Tätigkeit des nunmehr auf ein zwanzigjähriges Bestehen zurückblickenden Vereins im abgelaufencn Geschäftsjahr: „Am Ende des Jahres zählte der Verein 3195 Mitglieder, davon 1112 aus Berlin und 2083 auswärts. Die immerwährende Mitgliedschaft wurde in 13 Fällen neu erworben. Für den Fonds für entlassene Zöglinge wurden 3237,50 Mark gespendet. Erzogen wurden im Berichtsjahre in der Anstalt 45 Zöglinge, und zwar wiederum 24 Knaben und 21 Mädchen. Den Unterricht erteilten der Direktor, drei Lehrer, eine Lehrerin und eine Erzieherin in vier aufsteigenden Klassen mit je zwei Abteilungen. Entlassen wurden fünf Knaben und ein Mädchen, doch beträgt die Zahl der Zöglinge auch gegenwärtig 45." Mit dem Hinweis auf das vom Verein unablässig verfolgte Ziel schließt der Vortragende und bittet die anwesenden Mitglieder, in ihren Kreisen für die Zwecke des Vereins 31t wirken. Aus dem Rechnungsabschluß für 1904 ist zu ersehen, daß die einmaligen, dauernden und Einnahmen für besondere Zwecke inkl. eines Barbestandes am 1. Januar 1904 von 10 723,12 Mark die Summe von 50 828,18 Mark betrugen. Auf Antrag der Revisoren erteilte die Versammlung der Kassenverwaltung einstimmig die Entlastung. Punkt 3 der Tagesordnung betrifft einen Antrag des Vorstandes auf Aenderung der Statuten. Die vorgeschlagenen Aenderungen lverden nach einer längeren Debatte genehmigt. Nach Festsetzung des Etats für das Jahr 1905, der in Einnahmen und Ausgaben mit 38 250 Mark balanciert, erfolgt durch Akklamation die Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Geheimer Sanitätsrat Dr. Boas, Fabrikbesitzer Ludwig Ginsberg- Berlin, Bankier H. Köhler-Fürstenwalde, Louis Löwenthal-Breslan und Gustav Tuch-Hamburg sowie der Revisoren Oscar Berlin, Heinrich Fränkel und Oscar Rathenau-Berlin. Zum Schluß beantragte der Vereinsvorsitzende, die Frau Franziska Ginsberg zum Ehrenmitglied des Vereins zu ernennen. Der Antrag wurde von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen. Wir wünschen dem Verein auch ferner das beste Gedeihen. 8. Berlin, 9. April. Der Fürsorgeverein für hilflose .jüdische Kinder (E. V.) hatte am 30. v. M. in dem Sitzungssaale der Jüdischen Gemeinde, Oranienburgerstraße 29, seine erste ordentliche Generalversammlung. Der Vorsitzende, Herr Dr. William Levy, gab einen ausführlichen Jahresbericht und Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher erläuterte an einzelnen Fällen, in welchem die Hilfe des Vereins in Anspruch genommen war, die Notwendigkeit und den Segen seiner Wirksamkeit. Der junge Verein hat schon jetzt gegen 500 Mitglieder mit einem Jahresbeiträge von ungefähr 2000 Mark. Er plant die Errichtung eines eigenen Säuglingsheims und ist bemüht, hierfür die Mittel zu beschaffen. Hoffentlich setzen ihn hochherzige Spender durch Zuwendung namhafter Beiträge in den Stand, das gesteckte Ziel zu