Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Magharentum und für die magyarische Forschungen ausopfere, — ausopsere hat er gesagt, obwohl es doch nicht so schlimm ist —" — Ludanyis Stimme klang sehr stolz, als er dies sagte, während Joseph und Maria nun doch einen vielsagenden Blick wechselten, — „und es schien ihm gar nicht so ausgeschlossen, daß das Manuskript auch in dieser Beziehung wertvollen Inhaltes sein könnte. Das machte mich nachdenklich. Wie, wenn das Manuskript wirklich etwas über den Ursprung der Magyaren enthielt? Die Inden, waren ja überall. So reiste ich schließlich nach Bukarest. „Und brachten es mit?" „Ja, und nun wollen wir sehen, ob sie wirklich alles lesen können, was hebräisch ist." Er schellte dem Diener. „Bringen Sie das Paket herein, das in der Vorhalle liegt." Unwillkürlich hatte sich Joseph auf seinem Stuhl herumgedreht, alle drei blickten gespannt zur Tür. Bald erschien auch der Diener wieder, unter denr Arm ein umfangreiches Paket. Er legte es aus den Tisch. „Bitte, öffnen Sie," sagte Ludanyi. Schnell war die Papierhülle beseitigt und Joseph hatte ein Metallkästchen von etwa V2 m Länge und V4 m Breite vor sich. Die Natur des Metalls konnte er nicht bestimmen, doch schien es ihm, als könne es Silber sein. Ueber und über mit Beulen bedeckt, stellenweise ganz schwarz, an andern Stellen wieder blitzblank, hie und da Zentimetergroße, augenscheinlich durch Rost eingefressene Löcher aufweisend, machte das Kästchen den Eindruck, als könne es Hunderte von Jahren in der Erde gewesen sein. Ein Schloß hatte es nicht. Auch keinerlei Verzierungen. Der Deckel war nicht mit Angeln befestigt, sondern paßte eng über den offenen Rand des Kästchens, ähnlich wie bei unseren gewöhnlichen Blechbüchsen. Als Joseph nach einiger Mühe den festsitzenden Deckel abgesprengt hatte, stieß er beim Anblick des Inhalts einen kleinen Schrei der Ueberraschung aus. Da drinnen lag eine kleine Thorarolle. Schnell nahm er sie heraus. Sie war von beiden Seiten zu gleichen Teilen aufgerollt. Die „Griffe" waren abgebrochen, nur ein Metallstumpf oben und eine kleine „Rolle" unten ragten aus dem Pergament hervor. Joseph sing nun an, das eigenartige „Manuskript" aufzurollen, — von links nach rechts, um den Anfang zu erreichen. Das Pergament war voller Risse und kleiner Löcher. Joseph mußte sehr vorsichtig sein. Dennoch arbeitete er fieberhaft und der Anfang war bald erreicht und brachte eine Enttäuschung. Die Stange, die dort bei einer Thora gewesen wäre, fehle, und der unregelmäßige zackige Abschluß des Pergaments bewies, daß auch ein Stück des Pergaments, und zwar der Anfang des „Manuskriptes" abgerissen und verloren gegangen war. „Schade," sagte Joseph bedauernd. „Ja," meinte Ludanyi, der bis dahin ruhig dagesessen und Joseph zugeschaut hatte, leichthin, „der Anfang scheint zu fehlen. Aber übersetzen Sie mir nur das klebrige, dann werde ich auch schon ganz zufrieden sein." Maria blickte gespannt zu Joseph hinüber. Ihr Geliebter war für sie der Inbegriff aller Gelehrsamkeit. Würde er die Handschrift dort lesen können? Joseph hatte schon angefangen den Versuch zu machen. Er rollte das Pergament hin und her und wurde immer aufgeregter und ärgerlicher. Schließlich wurde er wütend. „Aber das ist ja der reinste Blödsinn," stieß er hervor. In dem ganzen Dinge ist ja nicht ein einziges zusammenhängendes Wort zu finden. Hier z. B.: 6, L, D, N, F, G, I, das soll ein hebräisches Wort sein, das ist ja unheimlich." „Ha ha," lachte Ludanyi spöttisch, „wo sind Sie nun nnt Ihrer Beharrptung." „Ich habe behauptet, ich kenne die hebräische Sprache," rief Joseph ärgerlich, „das behaupte ich noch. Aber dies hier sind wohl hebräische Lettern, die Sprache ist es bestimmt nicht." „So, meinen Sie. Na, welche Sprache könnte es denn ungefähr sonst sein?" Ludanyi hatte.recht und Joseph wußte es und er mußte deshalb die Antwort schuldig bleiben. Eine solche Aneinanderreihung von Konsonanten hätte selbst der zungengewandteste Czeche nicht zu einem Wort vereinigen können. Die Wörter des Manuskriptes waren einfach unaussprechbar. Wie Hilfe suchend blickte Joseph hinüber zu Maria find diese meinte, gleichsam seinen Blicken beantwortend: „Es wird eine Schlüsselschrift sein." Joseph machte ein verdutztes Gesicht; Ludanyi lächelte. „Und darauf sind Sie trotz all ihrer Gelehrsamkeit nicht gekommen?" fragte er. „Aber Papa, Herr Naschitz hat doch noch keine Zeit zum Ueberlegen gehabt," kam Maria zu Hilfe. Es war heraus, eh' ihrs recht bewußt geworden war. Ihr Vater sah sie mißtrauisch von der Seite an. „Bitte, laß doch Herrn Naschitz für sich selbst antworten," sagte er etwas ärgerlich. Joseph hatte ihn scharf beobachtet und atmete auf. „Er könnte es doch nicht fassen," dachte er. Er trat eine Pause ein, während der Joseph sich wieder mit dem Manuskript beschäftigte. Schließlich fragte er: „Darf ich das Manuskript mit nach Hause nehmen?" „Nach Hause? Wozu?" „Zu meinem Großvater." „Ihrem Großvater?" ' „Jawohl, die Sprache ist zweifellos hebräisch, es ist ebenso zweifellos eine sogenannte Schlüsselschrift. Also gilt es, den Schlüssel zu finden und wenn jemand imstande ist, ihn zu entdecken, so ist's mein Großvater. Deshalb möchte ihm gern das Schriftstück vorlegen." „Hm," machte Ludanyi „könnten Sie Ihren Großvater nicht hierher bringen." Und als Joseph nicht sofort antwortete, fügte er hinzu: „Es soll sein Schaden nicht sein." „Mein Großvater ist 70 Jahre alt und keinem Menschen zu Diensten," kam die pronrpte Antwort. „Wollen Sie mir das Kästchen und den Inhalt mitgeben, so wird sich mein Großvater an das Studium des Manuskripts machen, und vielleicht des Rätsels Lösung finden. Und wenn er den Schlüssel gesunden hat, dann wird er Sie benachrichtigen. Und wenn Sie dann meinen Großvater höstichst darum ersuchen werden, nicht wie Graf Ludanyi einen Juden, sondern wie der Forscher Ludanyi einen siebzigjährigen Gelehrten ersucht, — dann wird er auch wohl Herkommen und Ihnen das Manuskript übersetzen. Den alten Herrn hierher zu zitieren ist einfach ausgeschlossen." Eine halbe Stunde später verabschiedete sich Joseph. Unter seinem Arm trug er das wohlverpackte Kästchen. Und als die Tür des Bibliothekzimmers hinter ihm ins Schlooß gefallen war, meinte Graf Ludanyi zu seiner Tochter: „Schade, daß der Mensch ein Jude ist." Maria hatte nichts zu erwidern. (Fortsetzung folgt.) ' Berichtigung. In der Korrespondenz Thorn in Nr. 14 dieses Blattes muß es statt Dr. Wolff vielmehr D. Wolff heißen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. > Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz irr Berlin.