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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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179 Es klang hart, wie sie das sagte, sv, daß Josephs Herz höher schlug. „Aber damit sprichst Du ihm doch jede Ueberzeugung ab," ineinte er dann. „Ich liebe meinen Vater, wie nur ein einziges, verzogenes >nnd, das seine Mutter nie gekannt hat, seinen Vater lieben kann," erwiderte Maria. „Meinetwegen hat er nie wieder geheiratet, dafür werde ich ihn: ewig dankbar sein, aber all das kann mich doch den Tatsachen gegenüber nicht blind machen. Und Tatsache ist, daß auch nicht eine Spur von Individualität in meinem Vater steckt. Er macht alles mit, ahmt alles nach. Ebenso wie er heute sein Haar nach der neuesten Mode scheitelt, würde er morgen begeisterter Philosemit sein, Wenns plötzlich auch Mode würde. Und dabei unbewußt, durch Suggestion, möchte ich beinah sagen — und das ist denn auch die große Entschuldigung für ihn. Er selbst weiß gar nicht, daß er mitmacht, er tut alles aus Ueberzeugung, weiß tausend Beweise dafür anzutreten. Du hast ja hier gerade den besten Beweis. Meine lieben Landsleute werden plötzlich chauvinistisch; — schwupps ist er der größte Chauvinist unter ihnen. Ich darf um Gottes Willen kein Deutsch lesen. Er stellt magyarische Forschungen an." „Gott sei Dank," unterbrach Jaseph. „Oder auch nicht, du meinst, weil wir uns dadurch kennen lernten. Ob das gut war?" Joseph starrte trübe vor sich hin auf den Tisch und erwiderte kein Wort, während Maria bekümmerten Auges zu ihm hinüberschaute. „Nun bloß kein Trübsal blasen, Joe, guter," sagte sie, „geh' hol' die Bücher, der Alte kann jeden Moment kommen." Und so fand sie „der Alte" als er eine halbe Stunde später ins Zimmer trat, eifrig mit ihren griechischen Studien beschäftigt. Das Mädchen lief ihm entgegen. „Endlich wieder da, Papa," sagte sie zwischen Küssen. Auch Joseph hatte sich erhoben. Ludanyi schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Schon fleißig bei der Arbeit, so ist's recht'" sagte er. Wer den Mann zum ersten Mal sah, konnte über seine Nationalität gar nicht im Zweifel sein. Er war Magyar von: Scheitel bis zur Sohle. Eine schlanke, gut proportionierte Gestalt von kerzengrader Haltung. Den Kopf etwas zu hoch, schon mehr zurückgeworsen, stolz. Die schwarzen Augen blickten immer herausfordernd. Sein - kurz geschorenes Kopfhaar war bereits grau meliert, sein verhältnismäßig dünner, aber sehr langer Schnurrbart dagegen war noch ganz schwarz, gewichst und pomadisiert, so daß die beiden Enden in grader Linie wie Spieße seitwärts ans seinem Gesicht hervorragten. Seine dunkle gelbliche Hautfarbe sowie seine scharf geschnittene Adlernase verliehen seinem Gesicht im übrigen etwas semitisches. Man hatte am Tisch Platz genonunen. Ludanyi mit seiner Tochter aus der einen Seite, Joseph ihnen gegenüber. „Hast du denn schon gespeist, Väterchen?" fragte Maria. „Ja, ja, ich habe keinen Hunger, laß das nur jetzt," erwiderte Ludanyi und blickte zu Joseph hinüber. „Dann schlage ich vor, daß wir mit unfern Studien fortfahren," meinte er. „Nein, nein — ganz im Gegenteil," sagte Ludanyi lebhaft, „just heute werde ich sie bitten, die Bücher beiseite zu legen." Seine Zuhörer blickten gespannt auf. „Ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen," setzte Ludanyi fort, „die Sie und auch Dich mein, liebes Kind — aber ganz speziell Sie, Herr Naschitz, sehr interessieren dürfte. Sie sind doch Hebräer?" „Jude! jawohl mein Herr! Wozu die Frage?" Ludany, lächelte. „Nicht doch, Sie haben mich falsch verstanden. Ich meine, der hebräischen Sprache mächtig." „So! Gewiß." „Aber auch wirklich gründlich?" „Alles was in hebräischer Sprache gedruckt ist, ist nur geläufig," meinte Joseph selbstbewußt. „Wirklich? Nun wir werden ja sehen." Ludanyis Stimme klang etwas spöttisch, als erdas sagte. „Wie gesagt, wir werden ja sehen. Entsinnen Sie sich noch, daß die Nachricht von einen: Fund durch die Presse ging? Ich meine, jene Ausgrabung bei Bukarest," fügte er hinzu, als er Josephs fragenden Blick bemerkte. „Doch nicht das hebräische Manuskript?" fragte Joseph jetzt aufs höchste gespannt. „Gerade das meine ich," erwiderte Ludanyi. „Wie .Sie wissen, wurde bei Bukarest ein Kästchen gefunden, das ein hebräisches Manuskript enthielt. Der Bauer, der den Fund beim Umbauen eines brach liegenden Stück Ackers machte, brachte das Kästchen in die Stadt und verkaufte es an einen Antiquitätenhändler um ein paar Gulden. Dieser Händler, ein Jude, machte sich sofort an die Entzifferung des Manuskriptes (und man sagt, er sei ein gewiegter Hebräer), jedoch vergeblich. Nun trommelte er alle sogenannten Gelehrten seines Volkes zusammen, deren er. nur habhaft werden konnte. Alles vergeblich. Nach wochenlanger Arbeit hatten sie auch noch nicht einen einzigen zusammenhängenden Satz aus dem gefundenen Manuskript aufzuweisen." Joseph nickte mit dem Kopfe. . „Nicht wahr," meinte Ludanyi, der es bemerkte, „das wissen Sie schon alles aus den Zeitungen. Aber Sie wissen nicht, was folgt. Ich komme eben ans Bukarest — ich habe das Manuskript erworben." „Sie!?" „Ja — ich — ist das wunderbar?" „Ja" — sagte Joseph offen, „das ist wunderbar. Sie, von allen Menschen, erwerben ein hebräisches Manuskript. Das muß einen besonderen Grund haben." „Hat es auch, mein Lieber," sagte Ludanyi sarkastisch. „Wer weiß, was solch ein Manuskript enthalten kann. Vielleicht mal etwas bestimmtes über den Ritnalmord. Wer —" „Mein Herr, Sie beleidigen mich," unterbrach Joseph aufspringend und mit fast schreiender Stimme, während Maria erregt ihre Hand auf dessen Arm legte. „Setzen Sie sich, junger Mann," sagte Ludanyi ruhig, „ich beleidige niemanden in meinem Hause. Warum legen Sie das, was ich sage, in ungünstigem Sinne aus. Gestatten Sie mir jetzt, diese merkwürdige Sache zu Ende zu erzählen. Ich hatte so gut wie Sie davon in der Presse gelesen, aber, wie Sie richtig meinten, konnte mich das hebräische Manuskript wenig interessieren. Doch da erhielt ich vor einigen Tagen einen anonymen Brief. Der Schreiber appellierte an meinen — Antisemitismus, das Manuskript zu erwerben, und zeichnete: „Auch ein Antisemit, der aber kein Geld hat." Er meinte, das Manuskript könne Gott weiß welche Enthüllungen enthalten, die vielleicht für die Partei unbezahlbar wären. — „Beruhigen Sie sich, junger Mann," ries er, als Joseph wieder unterbrechen wollte, — „ich glaube das nicht. Die Juden sind viel zu klug dazu. Also der eine Grund hätte mir nicht genügt. Nun hatte aber der anonyme Schreiber noch einen zweiten Grund hinzugefügt, — im P. S., wo gewöhnlich immer das wichtigste hinkommt. Er meinte, daß wich doch eigentlich das Manuskript auch als Forscher interessieren sollte. Es sei ja bekannt, wie ich mich für das

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