Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Die Prophylaxe, die Vorbeugung durch eine ethische Lebensführung verhütet Krankheit, Schwäche und Mangelhaftigkeit des Fortschreitend zur Vollkommenheit, wie hingegen Jrrtümer, Unwissenheit und absichtlich begangene Fehler der Gesundheit, der Herrschaft über die Triebe und dem Streben nach Vervollkommnung Abbruch tun. Wir begreifen den Uebergang zu dem Schlußvers (14) mit dem schwierigen Wort: — DIV8 — asejtham, dann „gesunde ich", „erstarke ich", „werde ich vollkommen." Hier sind in derPsalmistenseele die Grundzüge der Medizin bei Maimonides vorgeahnt: Die Gesundheit hängt von der sittlichen Lebensführung ab; hierliegen die Wurzeln unserer Kraft. Deshalb betet der Sänger im „Hymnus der Natur und der Gotteslehre", daß er vor „Sünden" bewahrt bleibe. Die Verse 13 und 14 besagen es deutlich: „Vor Jrrtümern, wer ist vernünftig genug, sie nicht zu begehen, bewahre mich; von mir verborgenen Sünden mache mich frei! Auch von absichtlich, im Uebermut begangenen Fehlern — sedim sedonoth — halte ab deinen Diener, daß sie nimmer mich beherrschen": „dann werde ich gesund sein, stark sein, vollkomm e n werden" (tham, Ihamim =schalem). Das letztere kann nur möglich sein, wenn „ich frei bin von großer Verschuldung" — wenikethi mipescha rab. So führt die zwiefache Offenbarung Gottes in der Natur und in der Gotteslehre im Psalm „Die Himmel rühmen" durch den ethischen Kern, der ihr Mittelpunkt ist, arPX TK d. h. zur Gesundung und Vervollkommnung des Leibes und des Geistes, zu jener Harmonie des ganzen Menschen, die als En d ziel aller U n i v e r s a l b i l d u n g heute allseitig erkannt wird. Der Psalm aber, in dem sich der Inhalt aller Fakultäten: der Philosophie, der Theologie, der Jurisprudenz und der Medizin, in seiner Beziehung auf den zur Harmonie empvrstrebenden Menschen umrißlich offenbart, muß als ein „Psalm der gesamten geistigen Weltkultur" täglich mehr Bewunderer,)Sänger und Beter finden. Ich schließe mit des Autors Schlußwort (Vers 15): „Mögen wohlgefällig sein die Worte^ meines Mundes und meines inneren Denkens und Einpfindens vor dir, o Ewiger, mein Hort und mein Erlöser!" Dir gefundene tzsndlchrjkt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. wmmmm 'mm Ip^iriige Monate später, an einem Sonnabend, standen sich zwei junge Leute im Bibliothekzimmer der prächtigen Lndanyischen Villa gegenüber. Es waren Joseph Naschitz und Maria Ludanyi. Draußen dunkelte es bereits sehr stark, im Zimmer selbst mit seinen dunkelbraunen Nußbaum-Tafelungen an Wänden und Decke, mit den riesigen Bücherregalen mit grünen Vorhängen, und den massiven Bücherspinden war es bereits ganz dunkel. Sie standen an einer Ecke des großen eichenen Tisches, auf dessen Kante sie ihre Hand gestützt hatte. Ihre Gesichter waren verdächtig nahe zusammen, ihre Blicke schienen die Dunkelheit durchbohren zu wollen in dem Bemühen, sich in die Augen zu blicken. Sie sprachen im Flüstertöne. „Und ich habe mich)so geängstigt," sagte eben Marie. „Aber liebes Kind, Du weißt doch, es ist heut Sonnabend, ich konnte doch den Sabbat nicht schänden." „Ach Du Böser — immer mit dieser Frömmigkeit, mal könntest Du doch den Gottesdienst schwänzen, besonders da Du weißt, daß Vater heute Abend von der Reise zurückkommt." „Aber das habe ich ja schon getan. Ich war heut abend gar nicht in der Synagoge, — Deinetwillen." „Dennoch kommst Du so spät?" Ja, Kind, bis hier hinaus zur Andrassy üt ist's ein langer Weg, und ich mußte ihn doch zu Fuß zurücklegen." „Doch zu Fuß? Wieso doch?" „Nun wir dürfen ja am Sonnabend nicht fahren?" „Am Sonnabend nicht fahren? Du, Joe, Du bist mir doch nicht böse wenn ich's sage, aber.weißt Du, das — das finde ich zum mindesten — na, komisch. Den Grund davon mußt Du mir erklären." „Sollten wir uns nichts andres mitzuteilen haben," lenkte Joseph lächelnd ab, dabei legte er seine Hand um die Taille des Mädchens und zog es an sich. Und dort im Dunkeln, tauschten sie ihre Küsse ein, wie immer, wenn sie allein waren. Sie flüsterten sich Liebesworte ins Ohr und schwuren sich ewige Treue — zwei sich wahrhaft liebende Menschen. Und dabei war es beiden so schwer ums Herz. Denn daß sie sich jemals würden angehören dürfen, das glaubte keiner von beiden. Joseph fühlte Plötzlich Tränen auf Marias Wangen, „Aber Liebling, nicht doch, — wer wird denn immer gleich den Mut verlieren. Und wir wollten doch niemals von der Zukunft sprechen — niemals." „Und sprechen doch immerzu davon," fiel Maria wehmütig lächelnd ein. Draußen näherte sich eine Droschke, vor dem Hause schien sie halten zu wollen. „Himmel — wenn das schon Vater sein sollte! Schnell Joe, mach' Licht." Und während Joe zur Tür eilte, um das elektrische Licht anzudrehen, hatte sich das Mädchen mit einem Ruck in einen der um den Tisch herumstehenden Stühle geworfen, ein Buch aufgeklappt und schien eifrig mit Lesen beschäftigt. Gleich darauf saß Josef ihr am Tisch gegenüber. Die Droschke war vorüber gefahren. Wie aus Kommando atmeten die beiden jungen Leute tief auf, sahen sich an und lachten. „Das war ein Schreck, — was hast Du denn für ein Buch erwischt?" sagte Joseph belustigt. Sie blickte aufs Titelblatt. „Istaniir", rief sie aus. „Das hätte gefehlt. Die W.eltrütsel." „Verboten?" „Verboten, — und ob. Erstens, die Weltrütsel, diese Ketzerschrift, ich kann sie übrigens bald auswendig — nebenbei; zweitens, Haeckel, der Ketzer, drittens. Deutsch, Deutsch — nein Jo e. Weißt Du, was das heißt, wenn ein guter Ungar Deutsch liest? Das heißt, Hochverrat." „Sagt Dein Vater," vollendete Joe, und beide lachten herzlich. „Aber wenn er so denkt, warum hat er Dich denn in der deutschen Sprache unterrichten lassen?" Weil man ohne sie nicht gut fertig werden kann und auch wohl, weil es zur allgemeinen Bildung gehört." „Und Haeckel, — der Ketzer, — wozu den?" „Wohl, weil der zur vollständigen Bibliothek gehört." . „Hm, — und sag' mal, .warum ist er eigentlich ,Antll?" Maria sah dem Fragenden ein' Weilchen in die Augen. Dann meinte sie: „Wahrscheinlich, weil's zum guten Ton gehört."