Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
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177 Hebräer mit „jirat Adonaj, Gottesfurcht oder Sündenscheu, als der Weisheit Anfang und Ziel" stets bezeichnet hat. Hier erweist sich die altgriechische Uebersetzung der Thora als t6/.ioq besetz, die zur Verkennung des Judentums rmd Verzerrung reiner Fundamentallehre selbst bei den Forschern der historischkritischen Schule unserer Tage geführt hat, als durchaus falsch. Denn nicht das Gesetz als der starre Stabilismus, als die Verknöcherung in äußerlichen Dogmen und Formen vermag Prädikate oder Attribute zu schaffen, wie sie unser Psalmist hier hervorhebt bei der Thora: „erquickend die Seele," „weisemachend den Toren", „erfreuend das Herz", „erleuchtend die Augen" x: Dies vermag nur geistig und ethisch hervorragendes zu bewerkstelligen. Man lese Vers 8—11 ohne Befangenheit und beachte, welche Fülle von Gedanken den Autor unseres Psalms beschäftigt, wenn er an die Lehre Gottes denkt: „Die Lehre Gottes ist vollkommen, erquickt die Seele. Das Zeugnis des Herrn ist glaubwürdig, macht weise die Toren. Die Verordnungen des Herrn sind gerade, sie erfreuen das Herz. Das Gebot des Herrn ist lauter, erleuchtet die Augen. Die Furcht des Herrn ist .rein, besteht ewiglich; die Rechte des Herrn sind wahr, sind allzumal gerecht; sie sind kostbarer als Gold und viel Geschmeide und süßer denn Honig und Honigseim." Was ist der Natursang dessen, was „die Himmel rühmen", im Vergleich zu der Intelligenz, die aus dem Studium der gottgeoffenbarten Thora quillt! Hier ist zunächst die B e l e h r u n g über den ewigen Gott, die Theologie als solche, „Torat Adonaj", die als eine Vollkommenheit ohnegleichen dasteht und den sterblichen Menschen zum Streben nach Vollkommenheit anleitet — ist er doch ein Ebenbild des vollkommenen Ur- und Allgeistes. Dies ist nicht nur „Erquickung der Seele", sondern wörtlich — meschibat nefesch — „zurückbringend die Seele", d. h. so oft diese sich verliert im Gebrause der Wogen alltäglicher Profanation und Weltsucht. Hier ist „Ledut Adonaj" ein Zeugnis für Gott und von Gott, nicht nur daß ein Gott ist, sondern ein Zeugnis, wie er wirkt und was er von seinen Vernunftwesen will, wie es die Sätze des Dekalogs (genannt Gottes Zeugnis) künden. Ohne sie wäre es heute noch düster am Gesamthorizont der Menschheit. Dies Zeugnis ist „neemana glaubwürdig" (Luther übersetzt: „gewiß"), richtiger (von amen) Glaube und Vertrauen festigend und so klar und einleuchtend, daß selbst die Albernheit der Toren und alles Schwanken der geistig Schwachen durch sie aufhört. Hier gibt es allerdings Gesetze, d. h. Verordnungen und Gebote — „pikudim, mizwoth" — für das Innere und das Aeußerliche, für die Bildung des Gemütes und für die des Willens. Jene wollen redliche Gesinnung, diese das Auge erfreuende Taten im Menschenleben zeitigen. Daher ist von den Verordnungen gesagt, sie sind „jescharim, gerade, redlich". Denn sie lenken den inneren Sinn auf die edle, rechtschaffene Gesinnung hin und beabsichtigen, dem Menschen ein zufriedenes Herz zu schaffen, „mesamebe leb", ja wahrhaftig „sie erfreuen das Herz". Mit ihnen zugleich aber wird in demselben Satz (9) auch das Gebot der lebensvollen Tat nach außen hin — mizwa, Befehl zum Tun und Lassen — hervorgehoben. Dies tritt in die Erscheinung und soll Lauterkeit begründen, die in die Wahrnehmung tritt, deshalb „meiratb ejnajim, die Augen erleuchtend". Alle religiösen Satzungen, mizwoth, mit Gesinnung und Verständnisinnigkeit geübt, sind und wirken, weit entfernt düster zu machen und das Auge zu verdunkeln, vielmehr aufhellend, ausklärend/lichtvoll; denn „eine Leuchte ist . das Gebot — ner mizwah — wie ihre Quelle „die Thora, ein Licht" ist. — Was bezwecken sie alle? Die Ethik: Jirath Adonaj, die Furcht Gottes. Diese steht im Mittelpunkt; deshalb wird von ihr gesagt: „sie ist rein, besteht ewiglich" (10). Tugend, volle Reinheit des ganzen Menschen, fleckenloses, makelloses Sein und Walten : das ist der Zweck der Thora, der Theologie und ihrer Disziplinen, ihrer Forschungen über Gott, ihrer historischen Zeugnisse, ihrer moralischen Verordnungen für das Innere und ihrer religiösen Gebote für das Leibliche. Alles andere ist vergänglich; sie, die Tugend oder Gottesfurcht, ist der Kern von Allem; sie ist „ewig bestehend" wie Gott selbst, „omedeth laad", und führt den Endlichen zur Ewigkeit oder Unendlichkeit. III. Diese Ethik aber, die geflossen aus dem Bronnen der Theologie als solcher, verbindet sich aufs Innigste mit den im Welt-, Staats- und Bürgerleben zur Darstellung gelangenden „Rechten des Herrn", mit den „mischpete Adonaj", fcie auf emeth, Wahrheit, fußen und allesamt darüber übereinstimmen, daß sie die Summe von zedek, Gerechtigkeit und Liebe, ergeben — „zadeku jachdaw". — Hier tritt das Corpus juris mit den einzelnen Paragraphen der Rechtsweisheit in seine Rechte. Die bürgerlichen Jura, wie sie im Rechtsstaats alle Verhältnisse des Staates und der Gesellschaft regeln: sie wurzeln in dem Gedanken der Bibel: „Das Recht ist Gottes Sache". Und daher wird Ethik und Jurisprudenz in einem Satze als göttlich hingestellt, und wie die Sündenscheu auf die Furcht vor Gott, also alles Rechtsleben und Wahrheitsstreben aus die mischpete Adonaj, aus die Rechte des Herrn zurückgesührt. Und diese sind nicht nur in ihrer Wahrhaftigkeit, sondern auch in ihrer inneren Harmonie als das allerhöchste zu bewerten. „Die köstlicher als Gold und gleißendes Geschmeide und süßer denn Honig und Honigseim" (Vers 11). Warum? Weil diese, flüchtig, nur in einer Zeit etwas gelten, während der Wert der geistig ethischen Güter, hervorgegangen aus der geoffenbarten Gotteslehre, nie aufhört, ja sogar von Zeit zu Zeit mit der höheren Erkenntnis wächst und fort und fort strahlt in Ewigkeit. Weil „omed'eth laad", weil die Ethik „ewig besteht", daher ist sie köstlicher als vergängliches gleißendes Gold und als ein honigsüßes Gaumenlabsal des Augenblicks. Woher weiß ich das? Was führt mich, den Autor dieser Sentenzen, zu der Erkenntnis dieses Tugendwertes? Der Einblick in mein eigenes Ich: „Auch ich bin durch sie gewarnt und gewitzigt, ich der Diener des Herrn; indem ich sie — die Rechte und Weisungen der Gottesfurcht vermittelnden Lehre — beobachte, ist mir reichster Erfolg zuteil". (Vers 12.) IV. Mit diesem Satz baut der Psalmist eine Brücke von der abstrakten Allgemeinheit zur konkreten Individuation. Die Sentenz hat sich in ihm inkarniert und zugleich in ihrer Wirkung erprobt. Nicht nur ist er geistig von ihr erleuchtet — nishar von sohar1) —, er ist auch gewarnt und gewitzigt, d. h. bewahrt worden im praktischen Leben vor manchen Untaten und Unbilden. Sie haben ihm den Wert der Tugend in.mehr als einer Hinsicht zur Ansicht gebracht und ihn gelehrt: „besehamiarn ekeb rab“, sie zu beobachten int Dasein und „in ihrer Beobachtung eine Fülle von Erfolgen zu sehen.' Worin liegen die Erfolge? Indem er sie hütet, behütet sie ihn vor den Hauptsaktoren der Krankheit, des inneren Defizits seiner Fähigkeiten, und der Unvollkommenheit. Die Ethik dient der Medizin, ja sie ist die beste Medizin! Denn die meisten Erkrankungen rühren von einem sündigen Leben her. Vgl. Jbn Baruch in meinem „-Koheleträtsel". I. Kanfsmcmn- Frankfurt a. M. 1899. '