Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kindes-, der Menschenseele. Die umversitas litterarum, wie man die Hochschule bezeichnet, enthält daher auch vier Fakultäten, in denen die Gesamtwissenschaft der geistigen Kultur gelehrt wird. Da wird das denkende Sinnen über Natur und Geschichte in der philosophischen, die Beschäftigung mit göttlichen Dingen in der theologischen, Recht und Gesetz im Staat und Bürgertum in der juristischen, das leibliche Wohl und seine Erhaltung in der medizinischen Abteilung gelehrt — alle diese Faktoren zusammen ergeben und erschöpfen das Gesamtwissen, die Universität. Es ist merkwürdig, daß schon das graue Altertum, viel früher als es eine wissenschaftliche Psychologie gegeben, bewußt oder unbewußt, eine ähnliche Teilung der Seelenanlagen geahnt hat. Dieser Gedanke wird jedem gründlichen Leser des Psalms 19, jenes herrlichen Hymnus von David, dessen Einleitung fast jedes Kind kennt und singt: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" von selbst sich aufdrängen. Freilich müssen wir ihn im Urtext lesen, Wort für Wort, Satz für Satz in seiner Analysis und Synthesis beachten. Ich möchte behaupten, daß dieser Psalm den Namen eines Psalms der geistigen Universalkultur verdient. Denn der Inhalt der Erkenntnisse aller Fakultäten gelangt hier zum Ausdruck, und die Ideen der scheinbar völlig heterogenen, naturgemäß aber zusammenhängenden Wissenschaften geben sich hier ein Stelldichein. I. Der erste Teil, Vers 1—7 gehört der philosophischnaturhistorischen Klasse an; er enthält folgendes: „Die Himmel erzählen der Allmacht Herrlichkeit, und ihrer Hände Werk kündet die Feste". Die Naturbetrachtung, die Erforschung von Himmel und Erde und was sie umgibt und füllt, führt zur Erkenntnis der Allmacht. Es ist also notwendig, das Auge zu erheben und Umschau zu halten in Natur und Welt; alle Erscheinungen und Wesen, ihre Gesetze, ihr Walten und Wirken, ihr Werden und Vergehen sollen die Sinne und den Geist des Menschen beschäftigen; er wird daran und darin einer ewigen Weisheit hehren Plan erschauen und die Offenbarung einer allerhöchsten Kraft der Gottheit aus der Natur vernehmen: Die Philosophie der Natur und ihre Wissenschaft — eine heilige Offenbarung Gottes, eine Predigt der Allmacht — das ist des Psalms Einleitung. „Ein Tag läßt den andern den Spruch zuströmen, und eine Nacht tut der andern das Wissen kund. Kein Spruch ist's und keine Worte sind's, ohne daß ihre Stimme gehört würde. Ueber alle Lande gehet aus ihre Schnur und am Ende der Welt ihre Worte. Der Sonne hat er ein Zelt [bereitet in ihnen. Sie gleicht einem Bräutigam, der aus dem Trauzelt herausgeht; sie freut sich wie ein Held, ihre Bahn zu durchlaufen. Vom Ende des Himmels ist ihr Ausgang, ihr Lichtkreis über ihre Säume, und nichts ist verborgen vor ihrem Glühen". Nicht nur Natur und Welt, Himmel und Feste künden das Wort der Allmacht, auch das nicht sinnlich wahrgenommene Stoffliche, aber auch das zur sinnlichen Wahrnehmung unerläßliche Zeitbewußtsein. Alles, was ist und geschieht, fällt in die Zeit, die sich zusammensetzt aus Tag und Nacht. Ein Zeitabschnitt läßt den Ausdruck des göttlichen Denkens, d. i. das Wort oder die Sprache, hinüberströmen in den andern, daß es zu allen Zeiten vernommen und begriffen werde. Der Tag, an dem das Wort — omer — laut erklingt, die Nacht, die der stillen Forschung und der Lieferen, weil nicht so gestörten, Erkenntnis — daat — dient: Sie sind die wesentlichen Faktoren der Geschichte; sie bewirken, daß die Geschehnisse in Natur und Welt, die in einer Zeit beobachtet werden, einer anderen Generation, anderen Tagen und Nächten übermittelt werden, so daß nichts verloren geht, so daß der Inhalt des heutigen Tages ein Wort ist, dessen Stimme vernommen wird auch am folgenden Tage und ebenso der der Nacht mit ihren Ergebnissen und Erkenntnissen. Das was Tag und Nacht sind und enthalten, Zeit und Geschichte, sind wieder Naturoffenbarungen, die den Spruch des Himmels und die .Erzählung der Feste vom Walten der Allmacht ergänzen. Sie, die wandelbaren Tage und Nächte predigen denselben Spruch, die Worte und Erkenntnisse, wie die Himmel Gottes Allmacht preisen — omer und daat, debarim — die in den folgenden Zeiten wohl gehört und verstanden werden und nicht leer verhallen. Wie der elektrische Draht die Gedanken und Worte der weit von einander entfernten Menschen heute verbindet, so hier: man wirääm Ende der Welt ihre Worte hören können. — Dieser Triumph der modernen Physik: im Bilde ist er hier wiedergegeben — man darf nicht sagen: vorgeahnt —;,bechol haarez jaza kawam ubikze thebel milehem — auf der ganzen Erde geht aus ihre Schnur", d. h. dieser Worte und Gedanken Leitung, „so daß man sie alle am Ende der Welt hören" und verstehen kann. (Bekanntlich soll der Generalpostmeister Stephan nach Erfindung des Telephons auf diesen Vers hingedeutet haben). Aber der Psalmdichter hat sich auch mit der Frage nach dem Ursprung des Zeitwechsels in Tag und Nacht befaßt und dem letzten Satz klüglich angefügt: „Der Sonne gab er ein Zelt in ihnen", d. h. in den Sphären. Die Zeit wie ihr Wandel hängt von dem Himmelslichte ab, das wie ein Mensch aus seiner Wohnstätte aus- und in sie eingeht. Die Allmacht schuf einen Stern zu ihrem Dienst Schemeseh Schameseh — dessen schönheits- und hoheitsvoller Ausgang mit dem wonnestrahlenden Bräutigam verglichen wird, der aus seinem Trauzelt zum Empfang der Braut sich begibt, und der wie ein Pflichteifriger Held seine Bahn durchläuft, der einen lichten Umkreis — tekuka — macht über alle Säume der Erde, und alles, was auf ihr, entzieht sich ihrem Glühen, nicht. Die Sonne, dieses Licht- und Wärmebrennen des Weltalls, ist ein Naturwesen, das die Allmacht nicht nur zur Bewunderung und zmn Zeugnis treuer Pflichterfüllung geschaffen, sondern auch zur Erklärung der Zeit und des Wachstums iur All durch Ausstrahlung von Licht und Wärme. II. Der Offenbarungspredigt, dieser philosophischen Betrachtung der Natur, der Zeit und ihrer kausalen Beziehung zur Sonne folgt in den Versen 9—12 der Hinweis auf die unmittelbare Lehre Gottes. Dort war es das Geschöpf, das den Schöpfer preist. Hier ist es Gott, der Schöpfer selbst, der sich in seinem Geist und Wort selber offenbart. Mag dieses Psalmftück uns hier fremdartig anmuten, so daß die meisten Erklärer ihm keinen Platz an dieser Stelle einräumen, der eben geäußerte Gedanke dünkt nur eine paffende Ueberleitung zu sein vom philosophischen zmn theologischen Hymnus. Die Theologie des Judentums ist aber nicht nur Lehre v o n G o t t, sondern zugleich Lebensreligion des religiös-sittlichen Wollens und Wirkens, also Ethik oder praktische Gottesweisheit. Deshalb ist sie unlöslich verbunden mit Gesetz und Recht, mit dem Ins, ohne welches alle Moral in der Luft schwebt. Die Lehre des Lebens — torat chajim — ist ohne jura mischpatim undenkbar. Gotteslehre ist zugleich Rechts lehre! Nachdem wir dies vorausgeschickt, wird, sich uns der theologische Teil des vorliegenden Psalmes auch als ein juristischer offenbaren und einen Fortschritt von theoretischer Theologie zu praktischer Jurisprudenz zeigen. Beide aber kreisen um einen Mittelpunkt: Die Ethik, die der